auf der Suche nach mir selbst

Fragen an K.

Ich hatte kürzlich ein Gespräch mit einer Freundin. Ich nenne sie einmal K., obwohl sie nicht so heißt.
K. ist gläubig. Und sie behauptet Dinge, mit denen ich nicht klarkomme, absolut nicht.
Die Bibel ist wörtlich zu nehmen. Gott hat die Welt in 7 Tagen erschaffen, Jesus wurde von einer Jungfrau geboren.
Und noch schlimmer: Gott greift in das Weltgeschehen ein. Die Tsunamis in Ostasien wurden von ihm auf die Buddhisten losgelassen, weil diese sich der christlichen Mission widersetzen.
Und sie macht sich Gedanken darüber, ob Gott bestimmte Musikrichtungen verbietet.

Ich hätte sie anschreien können.
Das ist doch sektenartiges Gedankengut, bist du eigentlich völlig verrückt geworden? Wie kannst du nur so einen Unsinn behaupten?
Du bist fanatisch, verrückt.

Ich habe es nicht getan. Ich habe mit ihr über die kirchliche Frühgeschichte diskutiert, über die Paulusbriefe gesprochen, versucht, zu verstehen, was sie dazu bringt, einen solchen Blödsinn zu behaupten.

Und jetzt formuliere ich meine Fragen an sie, Fragen, die ich ihr vielleicht niemals stellen kann.

Liebe K., warum ist es dir so wichtig, dass der Glaube den Naturwissenschaften widerspricht? Warum darf es nur das eine oder das andere geben?
Ich absolviere ein wissenschaftliches Studium, ich bin tief in dessen Faszination eingetaucht. Und ja, es gibt Widersprüche, aber die sind nicht so groß.
Wenn ich nicht jedes kleine Detail wörtlich nehme, dann lässt die Wissenschaft genügend Raum für einen Glauben.
Die Physik ist aus wunderbaren Symmetriegesetzen aufgebaut, es passt alles zusammen, und es lässt sich alles reproduzierbar nachweisen. Es kann sein, dass Gott die Welt so erschaffen hat, vielleicht ist er ja auch so ein Symmetrieliebhaber. Und ja, es ist genügend Raum für ihn, um einzugreifen, denn es gibt ja die Heisenbergsche Unschärferelation. Ort und Geschwindigkeit eines Teilchens lassen sich nicht gleichzeitig genau messen, Energie und Zeitfenster eines Ereignisses sind nicht gleichzeitig bestimmbar. Und doch machen so winzige Unterschiede sehr viel aus. Hier kann Gott eingreifen, denn hier sind wir im Bereich, der nicht genau von der Naturwissenschaft vorhersagbar ist.
Und viele führende Physiker des letzten Jahrhunderts haben sich mit Glaubens- und Ethikfragen befasst.

Liebe K., warum willst du die Bibel wörtlich auf Verstandesebene interpretieren?
Eine Verbindung zu Gott, die ein Mensch finden kann, passiert doch auf seelischer Ebene. Und auch Jesus spricht davon, wie er den Menschen ein Samenkorn gibt, und wie es wächst. Warum ist es nicht ok für dich, die Texte in der Bibel als Samenkörner zu begreifen, die auf symbolischer Ebene direkt dein Innerstes ansprechen und den Kern bilden, aus denen ein Glaube sich in dir entwickeln kann?
Ein Glaube ist doch nicht fest, nicht von außen aufpfropfbar, er soll sich doch von innen entwickeln.

Liebe K., warum möchtest du unbedingt diesen starren Kinderglauben behalten, mit kindlichen Vorstellungen, die Symbole wörtlich interpretieren und den Trost bieten, dass Gott alles richtet? Menschen sind Wesen, die sich entwickeln, die reifen, und Gott wird nicht ständig in die Welt eingreifen, um alles zu richten.
Ein Pfarrer früher bei uns in der Kirche hat davon gesprochen, dass Gott die Menschen als Gegenüber erschaffen hat, das er lieben möchte, und Liebe funktioniert nicht, wenn ein solches Machtgefälle da ist. Er hat uns die Freiheit gegeben, auch Fehler zu machen, viele Fehler, und das ist ok. Aber manchmal können wir auch aus den Fehlern lernen.

Liebe K., warum soll Glaube durch Gewalt erzwungen werden?
Ich habe die Gewalt selber erlebt, als Kind hat mein Vater mich festgehalten, zwischen seine Beine geklemmt, die Hände an meinem Hals. „Versprich mir, dass du gleich mitkommst in die Kirche, sonst drücke ich fester.“
Glaube sollte doch nicht mit Todesangst verbunden werden. Nicht durch die Todesangst, die durch die Kreuzzüge des Mittelalters entstanden ist, nicht durch die Todesangst, die ein Mensch bei einem Tsunami erlebt.

Liebe K., warum müssen Buddhisten missioniert werden? Der Glaube soll doch für die Menschen da sein, nicht die Menschen für den Glauben. Und hast du nicht darüber nachgedacht, dass sie vielleicht schon zufrieden sind mit dem, was sie haben, wenn sie sich dem neuen Glauben so sehr widersetzen?
Glaube soll doch reifen, und der Buddhismus ist schon über viele Jahrhunderte gereift, ist eine sehr alte Religion, und tief in den Menschen verankert.
Und da soll man ihnen mal eben so ein äußeres System aufzwingen?

Liebe K., warum glaubst du, dass die Hölle erst nach dem Tod erlebt wird, und dass man die Menschen nur durch Missionierung davor retten kann?
Weißt du nicht, dass wir auch in diesem Leben schon innerlich sterben können, dass wir Zeiten in einer inneren Hölle verbringen, dass wir hier nach Erlösung schreien? Weißt du nicht, dass auch ich schon einen Teil der Hölle erlebt habe? Dass Menschen Dinge passieren, die Folgen haben, die schwer ertragbar sind, und dass so viele Leidende sich schon lange tot fühlen?
Wenn Jesus von einem Himmelreich auf Erden spricht, warum soll es dann keine Hölle auf Erden geben?
Und vielleicht gibt es auch eine innere Auferstehung, auch ein Mensch mit schweren psychischen Problemen kann es erleben, dass er befreit ist, dass er wieder neuen Lebensmut fasst. Aber das ist selten über einen Glauben, wie du ihn vertrittst.

Liebe K., warum wertest du implizit alle Menschen ab, die nicht so glauben wie du?
Du bist doch selber eine Suchende, du hast doch selber ein Studium abgebrochen, du bist doch eine von uns, eine von den Menschen, die drängende Fragen erleben und sich erst entwickeln müssen.

Liebe K., warum soll Gott etwas Fixes sein, dem wir uns nur über eine einzige Glaubensrichtung nähern können?
Kann die Verbindung zu Gott nicht auch etwas Abstraktes sein, ein innerer Seelenkern, der uns davon abhält, viel zu früh aufzugeben und nicht mehr leben zu wollen? Der uns die Kraft gibt, weiterzumachen, und der uns hoffen lässt, dass das Leben noch etwas für uns bereithält? Und selbst dieser Kern ist nicht unzerstörbar, es gibt so viele Menschen, die nicht mehr können, die aufgeben müssen, die den Tod suchen wollen.
Warum muss diese innere Kraft, dieser innere Kompass, denn unbedingt von außen kommen, wieso soll er gerade Gott genannt werden?

Liebe K., wenn es ein Schicksal gibt, das von Gott bestimmt wird, wenn er uns immer rettet, warum schickt er mir Retter in Form der Naturwissenschaft? Warum hatte ich schon so oft das Gefühl, dass Dinge, die meine Professoren mir ermöglicht haben, mir geholfen haben, nicht völlig verloren zu gehen? Und warum muss Gott dazu im Vordergrund stehen?
Die Hilfe der Professoren bestand darin, dass sie mir, wenn ich verzweifelt war, weil ich dachte, ich schaffe mein Studium nicht, Wege gezeigt haben, wie es doch noch weitergehen kann. Sie haben auch in Zeiten, wo ich nur noch darüber nachdachte, wie ich mich völlig selber zerstören kann, noch nachgefragt, wo ich bleibe, wann ich wiederkomme, ob ich ein bestimmtes Referat noch halten werde.
Es waren Naturwissenschaftler, sie haben niemals zu mir von Gott geredet, aber sie waren menschlich, sie waren an mir interessiert, und diese Wertschätzung und die Chancen, die sie mir gegeben haben, obwohl sie das nicht gemusst hätten, die haben mir geholfen.
Wenn es ein Gott war, der in ihnen gehandelt hat, dann war er nicht so narzisstisch, sich in den Vordergrund zu drängen.
Wenn es kein Gott war, sondern einfach nur Menschen und ihre Menschlichkeit, warum spielt dann dieses ganze Glaubenstheater noch eine Rolle?

Liebe K., lass dein Wesen nicht von Fanatikern infiltrieren, du bist toll und ich mag dich. Lass die innere Auferstehung zu, lasse eine Entwicklung zu, werde menschlich, und versuche, den Kern eines Glaubens zu leben, nämlich die Menschen so wertzuschätzen, wie sie sind, und nutze dein freundliches Wesen dazu, die Welt ein bisschen besser zu machen, indem du einfach du bist. Ohne immer weiter in die äußeren Formen einer Sekte abzudriften.

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