auf der Suche nach mir selbst

Mitschrift von meinem Leben im Mai – Chronik eines Absturzes

Gerade habe ich diesen Text im Entwurfsordner entdeckt.
Ich stelle ihn mal unzensiert öffentlich, so als Zeitdokument.
Dokument eines Absturzes, der sich noch einige Zeit so hinzog, mit so netten Dingen wie einem von mir ausgelösten Großstreit im kleinen noch vorhandenen Freundeskreis, das Hinwerfen mehrerer Pflichtvorlesungen, und noch ein bisschen Weiterhungern und am Sinn meines Lebens zu zweifeln. Und ganz viel Paranoia und höllische Panik vor allen menschlichen Begegnungen.

Als ich noch in der Situation drinsteckte, habe ich mich nicht getraut, das so zu veröffentlichen.
Denn es schien für mich ein Weg ohne Ausweg oder Rückkehr.

Aber komischerweise hat es wieder funktioniert, dieses Schema, dass ich erst ganz an die Grenze gehen muss, am Abgrund stehen, und da finde ich neue Kraft.
Als es nämlich wirklich nicht so weiterging, da habe ich irgendwie die Reißleine ziehen können.
Alles wieder ganz langsam aufbauen.
Essen, Sozialkontakte, Unizukunft. In winzigen Schritten.
Gerade habe ich das Gefühl, ich befinde mich eindeutig auf dem Weg der Besserung und mein Leben langsam wieder selber im Griff.

Eine Seelengrippe war das. Heftig, aber noch nicht chronifiziert.
Nur ausgelöst durch ein bisschen Stress. Und mich selber übernehmen. (Kurz vor dem Absturz war ich nämlich so richtig high, und alles schien so perfekt und unglaublich toll.) Doch die Anfälligkeit, ja, die ist chronisch.
Trotzdem kann ich leben, und das will und werde ich auch.
Aber ich muss mehr auf mich achten, mehr für ein gesundes Leben (im psychischen Sinn) tun, solange es mir gut geht, und Frühwarnzeichen rechtzeitig bemerken und darauf reagieren.
Jedes halbe Jahr mein Leben nochmal neu aufzubauen, ist nicht besonders praktikabel.

2. Mai Jahrestag meines Unfalls
Ich habe schon seit Tagen Phantasien von Stürzen und brechenden Knochen. Mehrere Familienmitglieder hatten auch diverse Unfälle in letzter Zeit. Ich bin gestresst, weil ich für sie einspringe und viel zu tun habe. Ich versuche, mein Essen zu reduzieren. Wer nichts braucht, ist immun gegen Stress.
Abends werde ich dann doch bekocht. Na gut. Sie meint es gut.

3. Mai Ich esse nachmittags irgendwelche komischen Dinge, während ich zusammenklappe und mich im Bett verkrieche. Sonst schaffe ich nicht viel. Ich müsste doch noch so viel für die kaputte Familie tun, ich müsste so viel für die Uni tun. Ich kann nicht mehr. Vermutlich bin ich zu dick, um soviel zu schaffen, wie ich möchte.

Woche 4. Mai bis 8. Mai
Ich hetze den ganzen Tag von einem Ort zum anderen, ohne zu essen. Bis auf abends. Da esse ich zu viel. Meistens erbreche ich es. Ich ekele mich vor mir selber, ich bin tödlich erschöpft. Bekomme ich endlich eine Pause vom Leben? Meine Essanfälle werden jeden Tag kleiner, kotzen tu ich genauso viel wie vorher. Ich muss meinen Körper auswringen wie ein nasses Handtuch, jeder Tropfen Leben muss raus.
Donnerstag: Ich packe Fotoausrüstung ins Auto, ich könnte ja in das Naturschutzgebiet mit dem Unfall fahren und dort endlich mal wieder schöne Fotos machen. Auf dem Weg zur Uni spielt mein Kopf verrückt. Es kommen ständig Flashbacks von meinem Unfall, während die Frau im Radio von einem Zugunglück berichtet. Ich zittere den ganzen Tag. Am nächsten Tag wiege ich deutlich weniger. Ich sollte mein Essen weiterhin zurückfahren, vielleicht ist es dann bald vorbei.

9. Mai Ich muss auf einem Messestand stehen. Ich amüsiere mich köstlich, gehe auch mit zum Mittagessen. Abends wanke ich nach Hause und kotze, bis ich schlafen kann.

10. Mai Ich kotze weiter, aber mein Körper signalisiert mir, dass er nicht mehr mag. Dass er nichts mehr hergeben will, und dass ich vermutlich Elektrolytmängel habe. Ich bin taub, mir ist schwindelig. Warum lebe ich eigentlich noch?

11. Mai Ich kotze nicht. Aber ich esse auch nicht. Wenn mein Körper nicht mehr will, dann hungere ich halt. Ich hetze von Uni zu Familie, ich zeige Leistung, eigentlich will ich nicht mehr. Mein Gewicht ist sensationell niedrig.

12. Mai Ich beschließe, dass diese dämliche Depriphase ein Ende haben soll. Bulimie ade, Depression ade, ich lebe, es ist toll! Basta. Nur komisch, dass es mir trotzdem nicht gut geht. Ich höre mir sensationell schlechte Vorlesungen an, während mein Körper sagt, dass mir schlecht ist und ich wieder mit dem kotzen anfangen soll. Abends gehe ich zum Yogakurs und komme euphorisch wieder. Ich nehme erstmalig ein paar Krümel feste Nahrung zu mir.

13. Mai Ich nehme weitere Krümel feste Nahrung zu mir, ich rede mir ein, dass Hungern überflüssig ist. Mein Gewicht sinkt noch ein bisschen. Ich finde alles anstrengend, aber da ich ja beschlossen habe, dass mein Leben toll ist, will ich es bitteschön genießen.

Ab hier ergänze ich aus dem Gedächtnis, bin ich wohl damals nicht zu gekommen.

14. Mai Ich genieße mein Leben auf einem Konzert, tanze, springe, jubele. Alles scheint gut.

15. Mai Ich mache Multitasking, Rückfahrt vom Konzert, Uni, Familie besuchen, abends wieder zum Konzertort fahren, nachts ankommen. Essen „vergessen“.

16. Mai Schöner spaßiger Tag mit Freunden. Abends Familienfeier. Angeblich bin ich so dünn geworden.
Ich ignoriere alle Gespräche und renne den Rest des Abends mit einer Kamera herum, die auf einem Tisch stand. Fotos sind eine gute Beschäftigung.

17. Mai Ich brauche Pause, das ganze Unterwegs sein und der Schlafmangel hat mich geplättet, Migräne. Familie besuchen war abgemacht. Ich rufe an, will absagen, werde doch überredet. Dort bekomme ich einen Schreikrampf, werfe ihnen einiges an den Kopf, und bin danach zwei Stunden heulend unterwegs im Wald. Gut, dass mir keiner begegnet.

Woche 18. Mai bis Wochenende
Ich verkrieche mich zunächst hauptsächlich im Bett, schleiche dann mal in die Uni als Schatten, und gegen Ende der Woche bastele ich eigentlich durchgängig an einem Geschenk, schlafe zuwenig.

Wochenende
Fahrgemeinschaften organisieren, Geschenk fertig stellen, Anfälle von Paranoia bekommen, die ganze Fahrtplanung umwerfen, zu einer großen Feier fahren.
Abendessen, alle sagen, wie satt sie das macht, ich werfe ein, dann reicht das ja zum Frühstück.
Und verweigere konsequent das Frühstück, und das Mittagessen auch noch, wir haben doch so groß gegessen. Muss provokant wirken, Freunde sind genervt. Wir feiern, teils genieße ich es, teils klappe ich innerlich zusammen, und funktioniere robotermäßig weiter.
Streit, alle explodieren.
Ich träume von heftigen Selbstverletzungen, am nächsten Morgen ist mir kotzübel, denn das, was ich da im Traum getan habe, grenzt eher an systematische Folter.
Trennung im Streit, ich komme irgendwie heil zuhause an.

Und ab da hat mein Gedächtnis irgendwie Pause gemacht. Meine Vorlesungsnotizen haben Lücken, ab etwa 18. Juni sind wieder welche vorhanden.
Dazwischen war ich wohl irgendwie verrückt.

Und dann habe ich Ende Juni und den ganzen Juli damit verbracht, mich daran zu erinnern, dass es weitergehen kann, und wie ich das mache.
Dass ich nicht von ein paar Sonnenstrahlen zu Wachs zerschmelze und mich auflöse, dass das Leben nicht nur aus ständigen Schwindelgefühlen besteht, dass andere Menschen lebendig sind und man tatsächlich mit ihnen sprechen kann, dass das mein Leben ist und ich das gestalten kann, dass wieder zusammenklappen und einen Tag im Bett verbringen wohl normal ist in der Genesungsphase, dass ich kein Herzrasen bekommen muss, wenn jemand mich anspricht, dass ich tatsächlich noch in gewissen Dingen ziemlich gut bin, und dass ein Versteck hinter dem Unigebäude toll ist zum Erholen, und dass das Leben eben so ist, mal gut, mal schlecht, aber ich will es trotzdem.

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