auf der Suche nach mir selbst

Archiv für August, 2015

Fragen an K.

Ich hatte kürzlich ein Gespräch mit einer Freundin. Ich nenne sie einmal K., obwohl sie nicht so heißt.
K. ist gläubig. Und sie behauptet Dinge, mit denen ich nicht klarkomme, absolut nicht.
Die Bibel ist wörtlich zu nehmen. Gott hat die Welt in 7 Tagen erschaffen, Jesus wurde von einer Jungfrau geboren.
Und noch schlimmer: Gott greift in das Weltgeschehen ein. Die Tsunamis in Ostasien wurden von ihm auf die Buddhisten losgelassen, weil diese sich der christlichen Mission widersetzen.
Und sie macht sich Gedanken darüber, ob Gott bestimmte Musikrichtungen verbietet.

Ich hätte sie anschreien können.
Das ist doch sektenartiges Gedankengut, bist du eigentlich völlig verrückt geworden? Wie kannst du nur so einen Unsinn behaupten?
Du bist fanatisch, verrückt.

Ich habe es nicht getan. Ich habe mit ihr über die kirchliche Frühgeschichte diskutiert, über die Paulusbriefe gesprochen, versucht, zu verstehen, was sie dazu bringt, einen solchen Blödsinn zu behaupten.

Und jetzt formuliere ich meine Fragen an sie, Fragen, die ich ihr vielleicht niemals stellen kann.

Liebe K., warum ist es dir so wichtig, dass der Glaube den Naturwissenschaften widerspricht? Warum darf es nur das eine oder das andere geben?
Ich absolviere ein wissenschaftliches Studium, ich bin tief in dessen Faszination eingetaucht. Und ja, es gibt Widersprüche, aber die sind nicht so groß.
Wenn ich nicht jedes kleine Detail wörtlich nehme, dann lässt die Wissenschaft genügend Raum für einen Glauben.
Die Physik ist aus wunderbaren Symmetriegesetzen aufgebaut, es passt alles zusammen, und es lässt sich alles reproduzierbar nachweisen. Es kann sein, dass Gott die Welt so erschaffen hat, vielleicht ist er ja auch so ein Symmetrieliebhaber. Und ja, es ist genügend Raum für ihn, um einzugreifen, denn es gibt ja die Heisenbergsche Unschärferelation. Ort und Geschwindigkeit eines Teilchens lassen sich nicht gleichzeitig genau messen, Energie und Zeitfenster eines Ereignisses sind nicht gleichzeitig bestimmbar. Und doch machen so winzige Unterschiede sehr viel aus. Hier kann Gott eingreifen, denn hier sind wir im Bereich, der nicht genau von der Naturwissenschaft vorhersagbar ist.
Und viele führende Physiker des letzten Jahrhunderts haben sich mit Glaubens- und Ethikfragen befasst.

Liebe K., warum willst du die Bibel wörtlich auf Verstandesebene interpretieren?
Eine Verbindung zu Gott, die ein Mensch finden kann, passiert doch auf seelischer Ebene. Und auch Jesus spricht davon, wie er den Menschen ein Samenkorn gibt, und wie es wächst. Warum ist es nicht ok für dich, die Texte in der Bibel als Samenkörner zu begreifen, die auf symbolischer Ebene direkt dein Innerstes ansprechen und den Kern bilden, aus denen ein Glaube sich in dir entwickeln kann?
Ein Glaube ist doch nicht fest, nicht von außen aufpfropfbar, er soll sich doch von innen entwickeln.

Liebe K., warum möchtest du unbedingt diesen starren Kinderglauben behalten, mit kindlichen Vorstellungen, die Symbole wörtlich interpretieren und den Trost bieten, dass Gott alles richtet? Menschen sind Wesen, die sich entwickeln, die reifen, und Gott wird nicht ständig in die Welt eingreifen, um alles zu richten.
Ein Pfarrer früher bei uns in der Kirche hat davon gesprochen, dass Gott die Menschen als Gegenüber erschaffen hat, das er lieben möchte, und Liebe funktioniert nicht, wenn ein solches Machtgefälle da ist. Er hat uns die Freiheit gegeben, auch Fehler zu machen, viele Fehler, und das ist ok. Aber manchmal können wir auch aus den Fehlern lernen.

Liebe K., warum soll Glaube durch Gewalt erzwungen werden?
Ich habe die Gewalt selber erlebt, als Kind hat mein Vater mich festgehalten, zwischen seine Beine geklemmt, die Hände an meinem Hals. „Versprich mir, dass du gleich mitkommst in die Kirche, sonst drücke ich fester.“
Glaube sollte doch nicht mit Todesangst verbunden werden. Nicht durch die Todesangst, die durch die Kreuzzüge des Mittelalters entstanden ist, nicht durch die Todesangst, die ein Mensch bei einem Tsunami erlebt.

Liebe K., warum müssen Buddhisten missioniert werden? Der Glaube soll doch für die Menschen da sein, nicht die Menschen für den Glauben. Und hast du nicht darüber nachgedacht, dass sie vielleicht schon zufrieden sind mit dem, was sie haben, wenn sie sich dem neuen Glauben so sehr widersetzen?
Glaube soll doch reifen, und der Buddhismus ist schon über viele Jahrhunderte gereift, ist eine sehr alte Religion, und tief in den Menschen verankert.
Und da soll man ihnen mal eben so ein äußeres System aufzwingen?

Liebe K., warum glaubst du, dass die Hölle erst nach dem Tod erlebt wird, und dass man die Menschen nur durch Missionierung davor retten kann?
Weißt du nicht, dass wir auch in diesem Leben schon innerlich sterben können, dass wir Zeiten in einer inneren Hölle verbringen, dass wir hier nach Erlösung schreien? Weißt du nicht, dass auch ich schon einen Teil der Hölle erlebt habe? Dass Menschen Dinge passieren, die Folgen haben, die schwer ertragbar sind, und dass so viele Leidende sich schon lange tot fühlen?
Wenn Jesus von einem Himmelreich auf Erden spricht, warum soll es dann keine Hölle auf Erden geben?
Und vielleicht gibt es auch eine innere Auferstehung, auch ein Mensch mit schweren psychischen Problemen kann es erleben, dass er befreit ist, dass er wieder neuen Lebensmut fasst. Aber das ist selten über einen Glauben, wie du ihn vertrittst.

Liebe K., warum wertest du implizit alle Menschen ab, die nicht so glauben wie du?
Du bist doch selber eine Suchende, du hast doch selber ein Studium abgebrochen, du bist doch eine von uns, eine von den Menschen, die drängende Fragen erleben und sich erst entwickeln müssen.

Liebe K., warum soll Gott etwas Fixes sein, dem wir uns nur über eine einzige Glaubensrichtung nähern können?
Kann die Verbindung zu Gott nicht auch etwas Abstraktes sein, ein innerer Seelenkern, der uns davon abhält, viel zu früh aufzugeben und nicht mehr leben zu wollen? Der uns die Kraft gibt, weiterzumachen, und der uns hoffen lässt, dass das Leben noch etwas für uns bereithält? Und selbst dieser Kern ist nicht unzerstörbar, es gibt so viele Menschen, die nicht mehr können, die aufgeben müssen, die den Tod suchen wollen.
Warum muss diese innere Kraft, dieser innere Kompass, denn unbedingt von außen kommen, wieso soll er gerade Gott genannt werden?

Liebe K., wenn es ein Schicksal gibt, das von Gott bestimmt wird, wenn er uns immer rettet, warum schickt er mir Retter in Form der Naturwissenschaft? Warum hatte ich schon so oft das Gefühl, dass Dinge, die meine Professoren mir ermöglicht haben, mir geholfen haben, nicht völlig verloren zu gehen? Und warum muss Gott dazu im Vordergrund stehen?
Die Hilfe der Professoren bestand darin, dass sie mir, wenn ich verzweifelt war, weil ich dachte, ich schaffe mein Studium nicht, Wege gezeigt haben, wie es doch noch weitergehen kann. Sie haben auch in Zeiten, wo ich nur noch darüber nachdachte, wie ich mich völlig selber zerstören kann, noch nachgefragt, wo ich bleibe, wann ich wiederkomme, ob ich ein bestimmtes Referat noch halten werde.
Es waren Naturwissenschaftler, sie haben niemals zu mir von Gott geredet, aber sie waren menschlich, sie waren an mir interessiert, und diese Wertschätzung und die Chancen, die sie mir gegeben haben, obwohl sie das nicht gemusst hätten, die haben mir geholfen.
Wenn es ein Gott war, der in ihnen gehandelt hat, dann war er nicht so narzisstisch, sich in den Vordergrund zu drängen.
Wenn es kein Gott war, sondern einfach nur Menschen und ihre Menschlichkeit, warum spielt dann dieses ganze Glaubenstheater noch eine Rolle?

Liebe K., lass dein Wesen nicht von Fanatikern infiltrieren, du bist toll und ich mag dich. Lass die innere Auferstehung zu, lasse eine Entwicklung zu, werde menschlich, und versuche, den Kern eines Glaubens zu leben, nämlich die Menschen so wertzuschätzen, wie sie sind, und nutze dein freundliches Wesen dazu, die Welt ein bisschen besser zu machen, indem du einfach du bist. Ohne immer weiter in die äußeren Formen einer Sekte abzudriften.

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Mitschrift von meinem Leben im Mai – Chronik eines Absturzes

Gerade habe ich diesen Text im Entwurfsordner entdeckt.
Ich stelle ihn mal unzensiert öffentlich, so als Zeitdokument.
Dokument eines Absturzes, der sich noch einige Zeit so hinzog, mit so netten Dingen wie einem von mir ausgelösten Großstreit im kleinen noch vorhandenen Freundeskreis, das Hinwerfen mehrerer Pflichtvorlesungen, und noch ein bisschen Weiterhungern und am Sinn meines Lebens zu zweifeln. Und ganz viel Paranoia und höllische Panik vor allen menschlichen Begegnungen.

Als ich noch in der Situation drinsteckte, habe ich mich nicht getraut, das so zu veröffentlichen.
Denn es schien für mich ein Weg ohne Ausweg oder Rückkehr.

Aber komischerweise hat es wieder funktioniert, dieses Schema, dass ich erst ganz an die Grenze gehen muss, am Abgrund stehen, und da finde ich neue Kraft.
Als es nämlich wirklich nicht so weiterging, da habe ich irgendwie die Reißleine ziehen können.
Alles wieder ganz langsam aufbauen.
Essen, Sozialkontakte, Unizukunft. In winzigen Schritten.
Gerade habe ich das Gefühl, ich befinde mich eindeutig auf dem Weg der Besserung und mein Leben langsam wieder selber im Griff.

Eine Seelengrippe war das. Heftig, aber noch nicht chronifiziert.
Nur ausgelöst durch ein bisschen Stress. Und mich selber übernehmen. (Kurz vor dem Absturz war ich nämlich so richtig high, und alles schien so perfekt und unglaublich toll.) Doch die Anfälligkeit, ja, die ist chronisch.
Trotzdem kann ich leben, und das will und werde ich auch.
Aber ich muss mehr auf mich achten, mehr für ein gesundes Leben (im psychischen Sinn) tun, solange es mir gut geht, und Frühwarnzeichen rechtzeitig bemerken und darauf reagieren.
Jedes halbe Jahr mein Leben nochmal neu aufzubauen, ist nicht besonders praktikabel.

2. Mai Jahrestag meines Unfalls
Ich habe schon seit Tagen Phantasien von Stürzen und brechenden Knochen. Mehrere Familienmitglieder hatten auch diverse Unfälle in letzter Zeit. Ich bin gestresst, weil ich für sie einspringe und viel zu tun habe. Ich versuche, mein Essen zu reduzieren. Wer nichts braucht, ist immun gegen Stress.
Abends werde ich dann doch bekocht. Na gut. Sie meint es gut.

3. Mai Ich esse nachmittags irgendwelche komischen Dinge, während ich zusammenklappe und mich im Bett verkrieche. Sonst schaffe ich nicht viel. Ich müsste doch noch so viel für die kaputte Familie tun, ich müsste so viel für die Uni tun. Ich kann nicht mehr. Vermutlich bin ich zu dick, um soviel zu schaffen, wie ich möchte.

Woche 4. Mai bis 8. Mai
Ich hetze den ganzen Tag von einem Ort zum anderen, ohne zu essen. Bis auf abends. Da esse ich zu viel. Meistens erbreche ich es. Ich ekele mich vor mir selber, ich bin tödlich erschöpft. Bekomme ich endlich eine Pause vom Leben? Meine Essanfälle werden jeden Tag kleiner, kotzen tu ich genauso viel wie vorher. Ich muss meinen Körper auswringen wie ein nasses Handtuch, jeder Tropfen Leben muss raus.
Donnerstag: Ich packe Fotoausrüstung ins Auto, ich könnte ja in das Naturschutzgebiet mit dem Unfall fahren und dort endlich mal wieder schöne Fotos machen. Auf dem Weg zur Uni spielt mein Kopf verrückt. Es kommen ständig Flashbacks von meinem Unfall, während die Frau im Radio von einem Zugunglück berichtet. Ich zittere den ganzen Tag. Am nächsten Tag wiege ich deutlich weniger. Ich sollte mein Essen weiterhin zurückfahren, vielleicht ist es dann bald vorbei.

9. Mai Ich muss auf einem Messestand stehen. Ich amüsiere mich köstlich, gehe auch mit zum Mittagessen. Abends wanke ich nach Hause und kotze, bis ich schlafen kann.

10. Mai Ich kotze weiter, aber mein Körper signalisiert mir, dass er nicht mehr mag. Dass er nichts mehr hergeben will, und dass ich vermutlich Elektrolytmängel habe. Ich bin taub, mir ist schwindelig. Warum lebe ich eigentlich noch?

11. Mai Ich kotze nicht. Aber ich esse auch nicht. Wenn mein Körper nicht mehr will, dann hungere ich halt. Ich hetze von Uni zu Familie, ich zeige Leistung, eigentlich will ich nicht mehr. Mein Gewicht ist sensationell niedrig.

12. Mai Ich beschließe, dass diese dämliche Depriphase ein Ende haben soll. Bulimie ade, Depression ade, ich lebe, es ist toll! Basta. Nur komisch, dass es mir trotzdem nicht gut geht. Ich höre mir sensationell schlechte Vorlesungen an, während mein Körper sagt, dass mir schlecht ist und ich wieder mit dem kotzen anfangen soll. Abends gehe ich zum Yogakurs und komme euphorisch wieder. Ich nehme erstmalig ein paar Krümel feste Nahrung zu mir.

13. Mai Ich nehme weitere Krümel feste Nahrung zu mir, ich rede mir ein, dass Hungern überflüssig ist. Mein Gewicht sinkt noch ein bisschen. Ich finde alles anstrengend, aber da ich ja beschlossen habe, dass mein Leben toll ist, will ich es bitteschön genießen.

Ab hier ergänze ich aus dem Gedächtnis, bin ich wohl damals nicht zu gekommen.

14. Mai Ich genieße mein Leben auf einem Konzert, tanze, springe, jubele. Alles scheint gut.

15. Mai Ich mache Multitasking, Rückfahrt vom Konzert, Uni, Familie besuchen, abends wieder zum Konzertort fahren, nachts ankommen. Essen „vergessen“.

16. Mai Schöner spaßiger Tag mit Freunden. Abends Familienfeier. Angeblich bin ich so dünn geworden.
Ich ignoriere alle Gespräche und renne den Rest des Abends mit einer Kamera herum, die auf einem Tisch stand. Fotos sind eine gute Beschäftigung.

17. Mai Ich brauche Pause, das ganze Unterwegs sein und der Schlafmangel hat mich geplättet, Migräne. Familie besuchen war abgemacht. Ich rufe an, will absagen, werde doch überredet. Dort bekomme ich einen Schreikrampf, werfe ihnen einiges an den Kopf, und bin danach zwei Stunden heulend unterwegs im Wald. Gut, dass mir keiner begegnet.

Woche 18. Mai bis Wochenende
Ich verkrieche mich zunächst hauptsächlich im Bett, schleiche dann mal in die Uni als Schatten, und gegen Ende der Woche bastele ich eigentlich durchgängig an einem Geschenk, schlafe zuwenig.

Wochenende
Fahrgemeinschaften organisieren, Geschenk fertig stellen, Anfälle von Paranoia bekommen, die ganze Fahrtplanung umwerfen, zu einer großen Feier fahren.
Abendessen, alle sagen, wie satt sie das macht, ich werfe ein, dann reicht das ja zum Frühstück.
Und verweigere konsequent das Frühstück, und das Mittagessen auch noch, wir haben doch so groß gegessen. Muss provokant wirken, Freunde sind genervt. Wir feiern, teils genieße ich es, teils klappe ich innerlich zusammen, und funktioniere robotermäßig weiter.
Streit, alle explodieren.
Ich träume von heftigen Selbstverletzungen, am nächsten Morgen ist mir kotzübel, denn das, was ich da im Traum getan habe, grenzt eher an systematische Folter.
Trennung im Streit, ich komme irgendwie heil zuhause an.

Und ab da hat mein Gedächtnis irgendwie Pause gemacht. Meine Vorlesungsnotizen haben Lücken, ab etwa 18. Juni sind wieder welche vorhanden.
Dazwischen war ich wohl irgendwie verrückt.

Und dann habe ich Ende Juni und den ganzen Juli damit verbracht, mich daran zu erinnern, dass es weitergehen kann, und wie ich das mache.
Dass ich nicht von ein paar Sonnenstrahlen zu Wachs zerschmelze und mich auflöse, dass das Leben nicht nur aus ständigen Schwindelgefühlen besteht, dass andere Menschen lebendig sind und man tatsächlich mit ihnen sprechen kann, dass das mein Leben ist und ich das gestalten kann, dass wieder zusammenklappen und einen Tag im Bett verbringen wohl normal ist in der Genesungsphase, dass ich kein Herzrasen bekommen muss, wenn jemand mich anspricht, dass ich tatsächlich noch in gewissen Dingen ziemlich gut bin, und dass ein Versteck hinter dem Unigebäude toll ist zum Erholen, und dass das Leben eben so ist, mal gut, mal schlecht, aber ich will es trotzdem.