auf der Suche nach mir selbst

Immer wieder Trigger

„Ich hab grad absichtlich gekotzt. Und jetzt ist es raus und ich fühl mich besser.“
Eine Freundin in einem Chat.
Ich mache mir Gedanken. Ich weiß, dass sie als Jugendliche mal an Magersucht litt. Und jetzt macht sie so etwas.
Aber noch viel mehr fühle ich mich getriggert.
Dann kann ich ja jetzt auch einfach noch etwas essen. Damit es sich lohnt, auch wieder kotzen zu gehen.
Ja, super Plan. Absichtlich. Extra. Es muss sich lohnen.
Das hatte ich schon länger nicht mehr.
Ich hatte immer ach so gute Ausreden.
Ich habe Migräne. Dann ist der Magen eh gereizt.
Oder ich muss morgen früh raus, und wenn mein Bauch dann noch mit Verdauung überlastet ist, dann bekomme ich Kreislaufprobleme.
Ja, ich habe mich gut an den Tatsachen vorbeigeredet. Für mich selber.

Ja, vielleicht hatte ich früher einmal Bulimie. Aber jetzt doch nicht mehr.
Dafür habe ich viel zu selten wirklich Essanfälle, dafür übergebe ich mich doch zu selten.
Und vor allem habe ich nicht die krankhaften Gedanken, das permanente ums Essen kreisen, die Panik vorm zunehmen.
Ich doch nicht.
Ich esse doch in Gesellschaft normal bis viel, ich esse zuhause oft auch gerne und viel.
Ich bin keine Gefangene der Störung. Scheinbar.

Wenn ich nämlich plötzlich ständig mit Kommilitonen mittagessen soll, wenn ich mehrere Tage bei anderen verbringen muss und niemals allein essen kann, dann sieht das wieder ganz anders aus. Da merke ich dann, dass ich diese erlaubten Befressnisse brauche, dieses abends zum Runterkommen meine Gedanken ruhiglegen. Da merke ich, dass ich dieses tagsüber viel zu wenig essen brauche, mir beweisen, dass ich es immer noch kann, das Hungern. Dass ich Panik bekomme, wenn ich gegessen habe, bevor ich alles geschafft habe, was ich an dem Tag erledigen möchte.

Dann merke ich, dass ich wohl genau so essgestört wie eh und je bin. Dass es mir nur nicht mehr auffällt, denn es ist ja in meinen Alltag integriert. Es stört nur, wenn andere meinen Alltag stören.

Und mein gestörtes Körperbild habe ich an andere ausgelagert. Ich sage einfach, dass ich meinen Körper ok finde und eine gute Figur habe. Und die Gedanken in meinem Kopf, die mir erzählen wollen, dass ich doch ruhig mal wieder abnehmen könnte, dass ich eigentlich ziemlich fett bin, die ignoriere ich.
Und dann kommt eine Familienfeier, und ich ziehe mein altes Abikleid noch einmal an. Und meine Mutter fragt mich ganz erstaunt, wie ich denn da noch reinpasse. Mit dem Alter nimmt man doch permanent zu. Und ich bin doch sowieso so fett geworden.
Und dann sehe ich zu Weihnachten die anderen Verwandten. Und alle fragen mich, ob ich abgenommen habe. Ja, habe ich vielleicht, aber hatte ich voriges Jahr auch schon. Leute, das war 2010, als ich so fett war. Danach die Jahre war ich auch nicht dramatisch anders als jetzt. Manchmal sogar dünner.
Sie bedrängen mich so lange, bis ich mein Gewicht sage. Oh, das ist ja perfekt. Nicht zu dünn und nicht zu dick. Meine Oma umkrallt meine Taille.

Ja, ich habe diese tolle normale Figur, nicht zu dünn und nicht zu dick.
Ich kann mich nicht mit gutem Gewissen runterhungern, denn ich bin doch so herrlich unauffällig.
Und zunehmen darf ich auch nicht. Dann wäre ich nämlich bestimmt plötzlich doch dick.
Und eigentlich würde ich sehr gerne abnehmen. Es würde besser zu meinem seelischen Zustand passen.
Zerbrechlich, ungreifbar, unanrührbar, nicht sexy, weil zu dünn dafür, knochig, ausgezehrt, überarbeitet.

Aber nein, ich darf nicht, ich muss doch demonstrieren, wie normal und gesund und geheilt ich bin.

Und doch, allein, dass ich gestanden habe, dass ich mich manchmal übergebe, gibt mir das Recht auf Therapie.
Erst dann hat meine Beraterin gesagt, dass ich mir einmal echte professionelle Hilfe suchen soll.
Das ist ja so ein herrlich greifbares Symptom.
So vage Stimmungsschwankungen und das Gefühl, dass meine Wahrnehmung manchmal spinnt, wen interessiert das schon.
Aber oh, ein Symptom, die muss echt gestört sein.

Und hier bin ich, desorientiert und leer, weil ich nun keine sinnvolle Aufgabe mehr habe, bis ich meine Abschlussbewertung für das Studium bekommen habe, und denke darüber nach, wie essgestört ich noch bin.
Verhalte mich essgestört.
Triggere mich selber, lade mir lächerliche Abnehmapps herunter und gebe viel zu utopische Ziele an.
Ist doch ein unterhaltsames Spiel, mal zu testen, ob ich die engen Kaloriengrenzen noch unterbieten kann.
Mit dem Körper spielen ist doch eine sinnvolle Beschäftigung, wenn ich sonst nichts zu tun habe.

Jaja, aber eigentlich bin ich geheilt.
Eigentlich habe ich schon seit Jahren keine Essstörung mehr. Denn sie diktiert mir nicht den Alltag, sondern beschäftigt mich nur in der Freizeit. Und in Gesellschaft funktioniere ich ja auch und esse brav alles auf.
Und ansonsten ist es doch unterhaltsam, wie ambivalent meine Meinung zu einer sinnvollen Mahlzeit ist. Manchmal scheint mir ein Tee völlig ausreichend, mit vielleicht ein bisschen Nahrungsergänzungsmittel, und manchmal scheint es mir sowas von sinnvoll, alles aufzuessen, was sich in meiner Wohnung so findet. Bevorzugt nach dem Einkaufen.

Hm, ich glaube, ich rutsche gerade schön schwungvoll in einen Rückfall hinein.
Vielleicht war ich auch nie draußen. Aber die Illusion, die war so schön.

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Eine Antwort

  1. Gib nicht auf, du schaffst das!
    Alles Liebe
    Jana

    30/01/2015 um 14:59

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