auf der Suche nach mir selbst

Von Krise zu „internationalem Feeling“, und was lodert in mir drin?

Freitag war ein anstrengender Tag.

Ich hatte es nicht rechtzeitig geschafft, meinen Weg aus dem Schlaf in die Realität zu schaffen, ich habe es nicht geschafft, zu meiner Arbeit zu gehen.
Und dann war ich so wütend auf mich, so frustriert.
Bin ich unfähig zum Leben, zum Studieren, soll ich überhaupt noch zur Vorlesung gehen, wenn ich doch für alles zu blöd bin, was, wenn an der Uni jemand fragt, warum ich nicht arbeiten war, wenn mich jemand einfach fertig macht und auf mir herumhackt und mich alle hassen?
Ich gehe einfach nie wieder hin, schließe mich zuhause ein und verrotte in meinem Seelenmüll.

Und dann habe ich mich aufgerafft und bin zur Notfallsprechstunde der psychologischen Beratung an der Uni gegangen.
Psychologin #2, die ich vorher nicht kannte, war da.
Und habe auch erzählt, dass ich mich manchmal seltsam von der Realität entfernt fühle, und dass ich Bilder sehe, wie ich mich selber verletzen würde.
Und dann kam die Frage, die Frage, die mich den ganzen Tag zum Grübeln gebracht hat, ob ich denn auch Stimmen höre, die mir befehlen, mir etwas anzutun. „Nee, tue ich nicht.“
Die reden ja nicht mit mir, das ist ja einfach so ein wortloses Schattending, das sich auf keine Kommunikation einlässt, das einfach in mir wütet und mich verrückt macht, aber es spricht nicht mit mir. Nur manchmal kann ich es schreien fühlen, nicht mit den Ohren, sondern mit dem Bauch.
Und darüber habe ich dann den ganzen Tag nachgegrübelt, wirke ich so psychotisch, dass sie mich das fragen muss? Ist alles noch viel beängstigender, als ich dachte? Wird meine Angst, verrückt zu werden, hier endlich bestätigt?

Und dann hat sie ein paar Übungen mit mir gemacht, einen sicheren Ort finden und mich dorthin zurückziehen (und meine Gedanken wollten mich die ganze Zeit dort wegholen, ich fliehe doch ohnehin ständig vor der Realität, bin nicht ganz da, warum soll ich da jetzt noch eine Fluchtmöglichkeit ausbauen?), nur leider war der Ort nicht so sicher, vor mir selber konnte er mich nicht schützen, diese Gedanken, einfach den Kopf gegen die idyllischen Steine und Bäume schlagen.
Und das habe ich dann auch erwähnt, und sie hat mir ein Gummi für das Handgelenk gegeben, um es schnippen zu lassen, wenn mich meine Gedanken und Bilder wieder ärgern.

So bin ich dann zur Uni gegangen, erschöpft, fertig, mit Grübelgedanken, wie normal ich wirklich noch bin.
Und habe mich an meinen Arbeitstisch gesetzt, Lernmaterialien angestarrt, zusammengezuckt, wenn jemand kam, ob er mich jetzt noch ausschimpft wegen meinem Nicht arbeiten, doch nichts ist passiert. Ich habe meine Texte gelesen und mir Notizen dazu gemacht, und dann bin ich zur Vorlesung gegangen.
Kann die bitte niemals aufhören, endlich geht es mir gut, endlich bin ich sicher, und wann ist es vorbei, meine Konzentration, ich kann nicht mehr, sei endlich fertig mit den Inhalten.
Und wieder an meinen Arbeitsplatz, und alles zehnmal gelesen, ohne wirklich weiter zu kommen, wo ist meine Konzentration hin, ich kann nicht mehr.
Und ich wirke psychotisch und verrückt, lasst mich alle in Ruhe.

Dann höre ich immer mehr Leute aufbrechen, zur Weihnachtsfeier.
Und mich fragt keiner? Wieso fragt mich keiner? Gehöre ich nicht dazu?
Und warum frage ich keinen?
Ok, den kleinen internationalen Studenten aus meinem Büro, ich frage ihn, wir gehen.
Und stelle mich dann einfach zu denen aus meiner Arbeitsgruppe.
Sie witzeln über Bachelorarbeiten, dass man sich eigentlich nur alles zusammenkopieren muss, weil man ohnehin nichts Neues schreiben kann.
Frust, denn genau, ich arbeite alles selber durch, komme auf meine eigenen Ergebnisse, und letztendlich sind es doch nur die Ergebnisse, die schon überall stehen.
Dann werde ich ein bisschen ins Gespräch einbezogen, bis sie dann alle wieder gehen.
Wo ist mein Begleiter?
Ah da, mit einem anderen internationalen Studenten.
Und einer derjenigen, die morgens unter meiner Abwesenheit leiden mussten.
Hilfe, jetzt bin ich blamiert.
Und er nimmt uns auf eine Reise mit in sein Land, erzählt in farbenfrohen Bildern von der Kultur, beschreibt seine Sehnsucht, mehr von den deutschen Studenten wahrgenommen zu werden, einmal die Landwirtschaft und die Gastfreundschaft kennenzulernen. Und wir reden auf Englisch, und es ist so spannend und schön. Bunt.
Und die Studentin wechselt zwischendurch ein paar Worte mit mir, sie ist nicht böse, alles ok, wir werden eine Lösung finden, es kommt mal vor, dass man so dumm ist wie ich. Nein, das sagt sie nicht, sie findet das nicht dumm.
Und so lernen wir uns ein bisschen besser kennen, und meine triste Welt wird lebendiger und bunter.
Jemand redet mit mir.

Und so gehe ich erschöpft, vom Glühwein angetrunken, vom Regen und Sturm nass, nach Hause und bin kurz glücklich.

Und ich denke darüber nach, was macht mich so gestresst, dass es mir mit jedem Tag schlechter geht, dass ich in immer tiefere Stimmungslöcher falle, dass ich an der Uni nicht vorankomme mit meiner Arbeit, sondern mich nur wenige Tage die Woche konzentrieren kann, dass ich von dort nach Hause fliehe, nur um es dort kaum auszuhalten und froh zu sein, wenn ich wieder an die Uni fliehen kann.
Flucht, immer nur Flucht.
Und ich glaube, es ist mein innerer Zwang, dass ich leisten muss, 24 Stunden am Tag nur leisten, und dass ich mir alles Schöne verboten habe, ich darf das nicht, ich schreibe ja eine Abschlussarbeit.
Und so darf ich, wenn ich nicht arbeite, nur Dinge tun, die meinen Selbsthass steigern, mich fertig machen, oder einfach nichts tun und warten, bis ich weitermachen kann.
Und das regeneriert mich nicht, also muss ich immer erschöpfter weitermachen.
Und habe keine Kraft und keinen Antrieb und keine Lust mehr, weiterzumachen, aber aufhören kann ich auch nicht, geht gar nicht, ich wollte ja endlich fertig studieren.
Und wenn ich nicht mehr kann, sacke ich ab in mein Zwischenreich, wo keine Worte, sondern nur noch grausame Bilder und wirre Träume existieren.
Und fliehe vor mir selber, vor dem selbst auferlegten Zwang, so perfekt zu sein.
Und dem Wissen, dass ich niemals perfekt sein werde, dass ich niemals durchgängig arbeiten kann.
Und alternativ bleibt nur lähmender Selbsthass, der mich wiederum vom Arbeiten abhält und so stecke ich in einem sich selbst verstärkenden Kreislauf fest.
Immer mehr Hass, immer weniger Leistungsfähigkeit.
Immer mehr Depression.

Und so kann ich nur durchhalten, bis es vorbei ist, irgendwie alles fertigstellen und abgeben, und dann hoffentlich Erleichterung spüren.
Gegen den Zwang ankämpfen, mir einfach mal etwas gönnen und mich dafür lieb haben, das schaffe ich nicht.
Ich versuche es ja manchmal, aber das macht es nur schlimmer.

Wenn ich fertig bin, dann sollte ich das vielleicht noch einmal in Ruhe bearbeiten.
Eine richtige Therapie machen, vielleicht auch einmal eine richtige Diagnostik, herausfinden, was mit mir tatsächlich nicht stimmt und wo wirklich meine Baustellen liegen.
Aber erst, wenn ich fertig bin.
Jetzt geht es nur ums Durchhalten.

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