auf der Suche nach mir selbst

?

Geht es mir gut oder geht es mir schlecht?
Ich weiß es nicht.

Ich schreibe tatsächlich an meiner Abschlussarbeit, manchmal jedenfalls.
Wenn ich es schreiben nennen kann.
Eigentlich lese ich ja nur, Unmengen an Originalliteratur, und dann rechne ich alles nach und mache unzählige Fehler, die ich dann zusammen mit meinem Professor suchen gehe.
Und eigentlich lese ich nur nachts, wenn ich nicht schlafen kann, und mich darüber sogar freue, denn das heißt ja, mein Thema beschäftigt und interessiert mich so sehr, dass ich mich auch nachts damit beschäftige.
Und tagsüber kann ich mich nicht dazu motivieren, und schiebe den ganzen Tag auf, damit anzufangen.

Klar, soziale Kontakte kann ich trotzdem nicht halten.
Irgendwas in mir verbietet die, solange ich nicht ausreichend geleistet habe.
Ja, letztes Wochenende hatte ich sogar privat recht viel unternommen, aber davon musste ich mich dann die ganze Woche erholen, und mich dafür hassen.
Und tagsüber versumpfen, und nachts lesen.
Und meine Wohnung sieht immer gammeliger aus.

Und ein lieber Mensch hat mir eine Mail geschrieben, und erst konnte ich ihm nicht antworten, weil ich ja hätte arbeiten müssen. Und jetzt kann ich ihm nicht antworten, weil ich irgendwie nur auf Unsinn komme, den ich so nicht abschicken kann.
Und was ich in meiner Arbeit schreibe, ergibt so auch keinen Sinn und klingt staksig und unbeholfen.

Und irgendwie scheint mir mein Thema fast trivial, Forschung aus den 30ern, aus den 50ern, und einfach alles in einen logischen Zusammenhang bringen und mit eigenen Worten klar darstellen. Und irgendwie ist mein Thema aber auch unglaublich komplex und schwierig, denn sobald ich etwas Eigenes schaffen möchte, stoße ich an fast unüberwindliche Grenzen, das ist alles so komplex und schwierig und geht so weit über den Stoff aus dem Grundstudium hinaus.

Und wie soll ich das alles mit klaren Worten aufschreiben, wenn ich es nicht einmal schaffe, eine private Mail zu schreiben?
Wenn ich es nicht einmal schaffe, Dinge zu tun, die ich meiner Familie versprochen habe?
Nicht einmal schaffe, meine Wohnung in Ordnung zu halten?
Nicht einmal schaffe, ein paar Bekannten ein paar versprochene Fotos zu zeigen?
Und sogar im Chat mit meinen über Deutschland verstreuten Freunden nur mitlese und seit über einer Woche kein Wort dazu sagen konnte?
Und wie soll ich das alles machen, wenn ich doch eine Arbeit schreiben muss und alle meine Energie darauf konzentrieren?

Und dann sagt meine psychologische Beraterin, ich soll doch einmal auflisten, was mir alles Positives widerfährt, und es an traurigen Tagen wieder anschauen.
Aber das Positive erschöpft mich ja beinahe noch mehr als das Negative.
Und Positiv heißt doch, ich mache es mir zu leicht.
Nein, ich darf keine schönen Erlebnisse haben, ich muss doch etwas tun.

Und so sitze ich herum, lasse komische Bonbons explodieren (kennt jemand diese dämlichen Zeitraub-Spiele), schaue Serien an, stopfe Essen in mich hinein, das nicht schmeckt, und denke die ganze Zeit, ich muss etwas tun. Und im Bett wälze ich dann komplizierte Theorien, versuche sie zu verstehen, träume davon, und überlege, was ich meinem Professor für kluge Fragen stellen kann, damit es so aussieht, als wäre ich es tatsächlich wert, bei jemandem wie ihm zu schreiben.
Und weiß nicht, ob ich viel leiste, weil ich ja doch schon eine Menge getan und gelesen habe und unzählige Schmierzettel vollgekritzelt, oder zuwenig, weil ich ja doch ganze Tage Aussetzer habe, nicht an meinen extra zur Verfügung gestellten Arbeitsplatz gehe, nicht von früh morgens bis spät Abends da sitzen bleibe, und warum ich nach ganzen zwei Wochen immer noch keinen groben Rahmen geschrieben habe, geschweige denn mit dem ersten Entwurf fertig bin. (Ja, ok, ich habe zu hohe Erwartungen. Aber bisher habe ich keinen einzigen Satz geschrieben, den ich da stehen lassen kann, die klingen alle unglaublich dämlich.)
Und ich merke gerade, mich stört es, dass ich diese Arbeit überarbeiten muss, vermutlich mehrmals, denn eigentlich ist meine Strategie, um Texte zu schreiben, die möglichst wenige logische Fehler enthalten, alles in einem Rutsch niederzukritzeln, denn dann hat mein Kopf nahezu den gleichen Logikzustand, und es ergibt alles in sich Sinn. Wenn ich da jedesmal in einer anderen Verfassung herangehen muss, was nunmal zwangsläufig so ist, denn diese Arbeit schaffe ich niemals in einer Nacht, wird man auf jeden Fall merken, wie unterschiedlich ich jedesmal schreibe.
Und dann muss ich alles überarbeiten, und nochmal überarbeiten, und hinterher kann ich nichts mehr davon sehen.

Und bis es einmal soweit ist, habe ich vermutlich jeden Menschen, der je Kontakt zu mir wollte, endgültig vergrault.

Jaja, so geht es einer, die vielleicht mittlerweile Luxussorgen hat, bei einer Abschlussarbeit jammert doch jeder herum.
Und vielleicht kann ich ja stolz sein, dass ich es mittlerweile bis zu diesem Punkt geschafft habe, nachdem ich doch so einige Jahre out of order war.

Tja, dann kann ich ja meine Tage genießen, außer Schlafproblemen und Ordnungsproblemen und Essproblemen und Problemen, überhaupt die Wohnung zu verlassen, und Problem, überhaupt mit jemandem zu reden oder zu schreiben, habe ich ja nichts.

Und gerade macht es mich traurig, dass ich so sarkastisch darauf reagiere, wenn ich versuche, positiv zu denken, immerhin gibt es ja schon so einiges Positives.

Nur, irgendwie finde ich es ok, wenn es mir nicht gut geht, und sabotiere mich lieber selber, wenn es mir doch gut geht.
Zumindest so halb. Den Abschluss will ich ja schon schaffen, also sabotiere ich den nicht ganz so massiv und arbeite nach, wenn ich mal wieder tagelang nichts geschafft habe.

Aber Privatleben ist verboten. Wer braucht schon so etwas?

Mal sehen, was die Frau Beraterin am Montag davon hält.
Und mal sehen, was der Herr Professor am Dienstag davon hält.

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