auf der Suche nach mir selbst

Licht, Schatten und die Märchenschicht

Ich fühle mich gespalten.
Je besser es mir eigentlich geht, je mehr Erfolge ich habe, umso anstrengender wird es.

Denn da ist gerade viel Licht.
Ich schneide schon seit über einem Jahr nicht mehr an mir herum, und was wichtiger, viel wichtiger, ist, ich nähere mich endlich meinem ersten Universitätsabschluss. Ich habe alles, was ich aus diversen Gründen so lange nicht habe machen können, aufgearbeitet, mit unzähligen Professoren gesprochen und um Aufschub gebeten, die Aufgaben in irrsinniger Fleißarbeit nachgearbeitet und verschiedene Prüfungen bestanden.
Und ich habe nach langer Bewerbungsmühe einen recht annehmbaren Nebenjob gefunden.
Und ich habe mich wieder aufgerappelt nach einer schweren Fußverletzung.

Und das Licht schuftet und schuftet, um diese Situation immer weiter zu verbessern.
Verblüffend, zu was es alles in der Lage ist. Und wie ausdauernd es ist. Und wie selbstbewusst, und wie es immer das Richtige zu sagen weiß.
Nur den Preis für diese ganze Anstrengung, den bekommt es nie.
Denn das Licht ist nur existenzberechtigt, wenn es sich durch viel Fleiß rechtfertigt.
Wenn etwas nicht gut läuft oder wenn es mal Pause verdient hat, löst es sich fast sofort in Luft auf, nein, das stimmt nicht, es entfernt sich nur sehr weit von meinem Ich, nein, das stimmt vielleicht auch nicht, vielleicht gleitet auch mein Ich weiter von dem Licht weg.

Und dann lauert da der Schatten, Erinnerungen, Gefühlsfetzen, Löcher, tiefe Löcher. Und sobald dem Licht die Energie ausgeht, macht er sich in mir breit, schmerzhaft breit. Der Schatten redet nicht, niemals, er hat keine Möglichkeit, nach außen zu kommunizieren. Und was in ihm drin ist, das sind selten Worte, manchmal Schreie, oft nur Schattenwellen, ein finsteres Wabern, und manchmal sehr klare Bilder, oder einfach nur reine Gefühlsfetzen. Der Schatten bewegt sich nicht auf einer chronologischen Zeitachse, er kann nicht unterscheiden zwischen Gegenwart und naher und fernerer Vergangenheit, er springt hin und her.

Und wenn in einer Lichtsituation einmal etwas kommt, was das Licht schwächt (man erinnere sich, das Licht existiert nur im absoluten Erfolg), dann ist das Licht schlagartig fast verschwunden und der Schatten explodiert in meinem Innern, und ich schaffe es kaum noch, nach außen sinnvoll zu kommunizieren, beende Gespräche so schnell wie möglich und versuche, zu verschwinden.
Und wenn abends das Licht müde ist, dann setzt es sich auf das Sofa, irgendwo weit weg, und der Schatten macht sich breit, wabert herum, und saugt an meinem Verstand. Doch auch er ist müde, und ist nicht allzu unerträglich. Und so sitze ich in einem Loch, wo weder Licht nach Schatten herrscht, während es duster neben mir wabert, und freue mich vielleicht ein bisschen darauf, wenn ich am nächsten Tag wieder im Licht leben kann, und habe gleichzeitig Angst davor, denn es kostet so irrsinnig viel Energie, das Licht aufrecht zu erhalten.

Ich habe also grundsätzlich erst einmal nur zwei Seiten in mir, die beide kein Dauerzustand sein können, der eine ist nur durch ständige hohe Energiezufuhr aufrecht zu erhalten, der andere spricht grundsätzlich nicht mit anderen und ist viel zu nahe am Wahnsinn.

Und was passiert, wenn man die beiden näher aneinander heranführt?
Meine ganz große Angst ist, dass es dann eine große Verpuffung gibt, Materie und Antimaterie, und dann war es das mit mir.
Was häufiger passiert, ist ein immer schnelleres Hin und Her Pendeln zwischen beiden Seiten, bis ich völlig erschöpft bin.

Doch da gibt es noch etwas anderes, etwas sehr Schönes. Nämlich die Märchenschicht.
Wenn Licht und Schatten sich einander nähern, und sich Lichtfäden durch wabernde dunkle Wolken hindurch bewegen, dann ist diese höllische Leere in der Mitte gefüllt, und die Lichtfäden machen Worte sichtbar, die erzählen können von den Schatten, in Metaphern und Märchen, denn für prosaische Worte ist der Schatten zu dicht.
Und hier ist es, wo ich mich zuhause fühlen kann, nicht ganz im Licht, nicht ganz im Schatten.
Das Licht ist immer nur auf Erfolg getrimmt, eindimensional, und bricht viel zu schnell zusammen, um tiefsinnig zu sein, und seine Gesprächsthemen drehen sich nur darum, besser zu werden. Langweilig.
Und der Schatten ist dunkel, gefährlich, wortlos.

Die Märchenschicht ist also der Ort, wo meine Worte herkommen, von wo aus ich reden kann, wo ich tiefsinnig bin und eine Symbiose finde zwischen meinen starken und schwachen Seiten. Von hier kann ich auch Freundschaften führen, zumindest manchmal, wenn das Abstrakte, sinnbildlich verwobene akzeptiert wird und man mich nicht auffordert, zu oft klar zu reden.

Und manchmal wird die Märchenschicht sogar von außen aktiviert dazu, feine Fäden zu bilden, verblüffenderweise durch die Inhalte mancher Vorlesungen, manchmal Bilder, manchmal Texte, und manchmal auch Begegnungen mit anderen Menschen.

Und manchmal ist die Märchenschicht fast ganz kaputt, und dann fühle ich mich leer, heimatlos, wortlos (was ich besonders schlimm finde, mich nicht mitteilen zu können), schmerzhaft im harten Pendelspiel zwischen Licht und Schatten.
Dann ist jeder Tag eine Qual, und ich isoliere mich immer mehr, weil ich ja ohnehin keine Worte habe.
Und niemand merkt es, weil das Licht ja so stolz, so stark, so unverwüstlich scheint.

Doch ich brauche meine Märchenschicht, und ich habe Angst davor, dass sie wieder verschwindet, wie schon so oft und so lange in letzter Zeit.

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2 Antworten

  1. Eine treffende Beschreibung dieser zwei Seiten. Finde mich in deinen Worten wieder. Neben Schatten und Licht gibt es bei mir noch das wütende Kind. Kennst du das auch? Viele Grüße, das Schattenkind. 😉 (manchmal auch das Wut- oder Lichtkind)

    05/11/2014 um 15:19

    • WegSuchende

      Hallo Schatten(-Licht-)Kind 🙂

      Das wütende Kind war glaube ich bisher ein Teil des Schattens, das da irgendwo drin herumgewütet hat und das mir manchmal irgendwie hörbar erschien, aber ich habe es nie so deutlich herausdifferenzieren können.

      Aber da ich jetzt bei meiner psychologischen Beraterin mal die hellen Seiten genauer aufschlüsseln sollte, wäre es vermutlich einmal spannend, auch die Schattenseite zu betrachten.
      Und vielleicht kann ich mit ihr noch einmal besprechen, warum ich den Schattenanteil immer so stark in mir einschließe, so stark, dass nicht einmal sie den bemerkt hatte. Sie wollte die Beratung schon beenden, weil ich so wunderbar klarkomme und so viele Erfolge vorweisen konnte.
      Nunja, sie spricht ja auch immer nur über die positiven Dinge, und meine Schattenseite ist ohnehin nicht sehr kommunikativ.
      Und auch jetzt, als ich erwähnt habe, dass ich mich ziemlich gespalten fühle und es mir teilweise sehr schlecht geht, wollte sie dann nur, dass ich die Lichtseite genauer aufschlüssele, und hat mir dann zusammengefasst, dass ich sehr starke, gute Helfer in mir drin habe.
      Manchmal ist sie mir tatsächlich zu positiv, gerade, weil sich dann der nicht beachtete Teil selbstständig macht und immer bedrohlicher wird.

      Dir auch viele Grüße 🙂

      12/11/2014 um 21:08

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