auf der Suche nach mir selbst

Archiv für November, 2014

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Geht es mir gut oder geht es mir schlecht?
Ich weiß es nicht.

Ich schreibe tatsächlich an meiner Abschlussarbeit, manchmal jedenfalls.
Wenn ich es schreiben nennen kann.
Eigentlich lese ich ja nur, Unmengen an Originalliteratur, und dann rechne ich alles nach und mache unzählige Fehler, die ich dann zusammen mit meinem Professor suchen gehe.
Und eigentlich lese ich nur nachts, wenn ich nicht schlafen kann, und mich darüber sogar freue, denn das heißt ja, mein Thema beschäftigt und interessiert mich so sehr, dass ich mich auch nachts damit beschäftige.
Und tagsüber kann ich mich nicht dazu motivieren, und schiebe den ganzen Tag auf, damit anzufangen.

Klar, soziale Kontakte kann ich trotzdem nicht halten.
Irgendwas in mir verbietet die, solange ich nicht ausreichend geleistet habe.
Ja, letztes Wochenende hatte ich sogar privat recht viel unternommen, aber davon musste ich mich dann die ganze Woche erholen, und mich dafür hassen.
Und tagsüber versumpfen, und nachts lesen.
Und meine Wohnung sieht immer gammeliger aus.

Und ein lieber Mensch hat mir eine Mail geschrieben, und erst konnte ich ihm nicht antworten, weil ich ja hätte arbeiten müssen. Und jetzt kann ich ihm nicht antworten, weil ich irgendwie nur auf Unsinn komme, den ich so nicht abschicken kann.
Und was ich in meiner Arbeit schreibe, ergibt so auch keinen Sinn und klingt staksig und unbeholfen.

Und irgendwie scheint mir mein Thema fast trivial, Forschung aus den 30ern, aus den 50ern, und einfach alles in einen logischen Zusammenhang bringen und mit eigenen Worten klar darstellen. Und irgendwie ist mein Thema aber auch unglaublich komplex und schwierig, denn sobald ich etwas Eigenes schaffen möchte, stoße ich an fast unüberwindliche Grenzen, das ist alles so komplex und schwierig und geht so weit über den Stoff aus dem Grundstudium hinaus.

Und wie soll ich das alles mit klaren Worten aufschreiben, wenn ich es nicht einmal schaffe, eine private Mail zu schreiben?
Wenn ich es nicht einmal schaffe, Dinge zu tun, die ich meiner Familie versprochen habe?
Nicht einmal schaffe, meine Wohnung in Ordnung zu halten?
Nicht einmal schaffe, ein paar Bekannten ein paar versprochene Fotos zu zeigen?
Und sogar im Chat mit meinen über Deutschland verstreuten Freunden nur mitlese und seit über einer Woche kein Wort dazu sagen konnte?
Und wie soll ich das alles machen, wenn ich doch eine Arbeit schreiben muss und alle meine Energie darauf konzentrieren?

Und dann sagt meine psychologische Beraterin, ich soll doch einmal auflisten, was mir alles Positives widerfährt, und es an traurigen Tagen wieder anschauen.
Aber das Positive erschöpft mich ja beinahe noch mehr als das Negative.
Und Positiv heißt doch, ich mache es mir zu leicht.
Nein, ich darf keine schönen Erlebnisse haben, ich muss doch etwas tun.

Und so sitze ich herum, lasse komische Bonbons explodieren (kennt jemand diese dämlichen Zeitraub-Spiele), schaue Serien an, stopfe Essen in mich hinein, das nicht schmeckt, und denke die ganze Zeit, ich muss etwas tun. Und im Bett wälze ich dann komplizierte Theorien, versuche sie zu verstehen, träume davon, und überlege, was ich meinem Professor für kluge Fragen stellen kann, damit es so aussieht, als wäre ich es tatsächlich wert, bei jemandem wie ihm zu schreiben.
Und weiß nicht, ob ich viel leiste, weil ich ja doch schon eine Menge getan und gelesen habe und unzählige Schmierzettel vollgekritzelt, oder zuwenig, weil ich ja doch ganze Tage Aussetzer habe, nicht an meinen extra zur Verfügung gestellten Arbeitsplatz gehe, nicht von früh morgens bis spät Abends da sitzen bleibe, und warum ich nach ganzen zwei Wochen immer noch keinen groben Rahmen geschrieben habe, geschweige denn mit dem ersten Entwurf fertig bin. (Ja, ok, ich habe zu hohe Erwartungen. Aber bisher habe ich keinen einzigen Satz geschrieben, den ich da stehen lassen kann, die klingen alle unglaublich dämlich.)
Und ich merke gerade, mich stört es, dass ich diese Arbeit überarbeiten muss, vermutlich mehrmals, denn eigentlich ist meine Strategie, um Texte zu schreiben, die möglichst wenige logische Fehler enthalten, alles in einem Rutsch niederzukritzeln, denn dann hat mein Kopf nahezu den gleichen Logikzustand, und es ergibt alles in sich Sinn. Wenn ich da jedesmal in einer anderen Verfassung herangehen muss, was nunmal zwangsläufig so ist, denn diese Arbeit schaffe ich niemals in einer Nacht, wird man auf jeden Fall merken, wie unterschiedlich ich jedesmal schreibe.
Und dann muss ich alles überarbeiten, und nochmal überarbeiten, und hinterher kann ich nichts mehr davon sehen.

Und bis es einmal soweit ist, habe ich vermutlich jeden Menschen, der je Kontakt zu mir wollte, endgültig vergrault.

Jaja, so geht es einer, die vielleicht mittlerweile Luxussorgen hat, bei einer Abschlussarbeit jammert doch jeder herum.
Und vielleicht kann ich ja stolz sein, dass ich es mittlerweile bis zu diesem Punkt geschafft habe, nachdem ich doch so einige Jahre out of order war.

Tja, dann kann ich ja meine Tage genießen, außer Schlafproblemen und Ordnungsproblemen und Essproblemen und Problemen, überhaupt die Wohnung zu verlassen, und Problem, überhaupt mit jemandem zu reden oder zu schreiben, habe ich ja nichts.

Und gerade macht es mich traurig, dass ich so sarkastisch darauf reagiere, wenn ich versuche, positiv zu denken, immerhin gibt es ja schon so einiges Positives.

Nur, irgendwie finde ich es ok, wenn es mir nicht gut geht, und sabotiere mich lieber selber, wenn es mir doch gut geht.
Zumindest so halb. Den Abschluss will ich ja schon schaffen, also sabotiere ich den nicht ganz so massiv und arbeite nach, wenn ich mal wieder tagelang nichts geschafft habe.

Aber Privatleben ist verboten. Wer braucht schon so etwas?

Mal sehen, was die Frau Beraterin am Montag davon hält.
Und mal sehen, was der Herr Professor am Dienstag davon hält.

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Licht, Schatten und die Märchenschicht

Ich fühle mich gespalten.
Je besser es mir eigentlich geht, je mehr Erfolge ich habe, umso anstrengender wird es.

Denn da ist gerade viel Licht.
Ich schneide schon seit über einem Jahr nicht mehr an mir herum, und was wichtiger, viel wichtiger, ist, ich nähere mich endlich meinem ersten Universitätsabschluss. Ich habe alles, was ich aus diversen Gründen so lange nicht habe machen können, aufgearbeitet, mit unzähligen Professoren gesprochen und um Aufschub gebeten, die Aufgaben in irrsinniger Fleißarbeit nachgearbeitet und verschiedene Prüfungen bestanden.
Und ich habe nach langer Bewerbungsmühe einen recht annehmbaren Nebenjob gefunden.
Und ich habe mich wieder aufgerappelt nach einer schweren Fußverletzung.

Und das Licht schuftet und schuftet, um diese Situation immer weiter zu verbessern.
Verblüffend, zu was es alles in der Lage ist. Und wie ausdauernd es ist. Und wie selbstbewusst, und wie es immer das Richtige zu sagen weiß.
Nur den Preis für diese ganze Anstrengung, den bekommt es nie.
Denn das Licht ist nur existenzberechtigt, wenn es sich durch viel Fleiß rechtfertigt.
Wenn etwas nicht gut läuft oder wenn es mal Pause verdient hat, löst es sich fast sofort in Luft auf, nein, das stimmt nicht, es entfernt sich nur sehr weit von meinem Ich, nein, das stimmt vielleicht auch nicht, vielleicht gleitet auch mein Ich weiter von dem Licht weg.

Und dann lauert da der Schatten, Erinnerungen, Gefühlsfetzen, Löcher, tiefe Löcher. Und sobald dem Licht die Energie ausgeht, macht er sich in mir breit, schmerzhaft breit. Der Schatten redet nicht, niemals, er hat keine Möglichkeit, nach außen zu kommunizieren. Und was in ihm drin ist, das sind selten Worte, manchmal Schreie, oft nur Schattenwellen, ein finsteres Wabern, und manchmal sehr klare Bilder, oder einfach nur reine Gefühlsfetzen. Der Schatten bewegt sich nicht auf einer chronologischen Zeitachse, er kann nicht unterscheiden zwischen Gegenwart und naher und fernerer Vergangenheit, er springt hin und her.

Und wenn in einer Lichtsituation einmal etwas kommt, was das Licht schwächt (man erinnere sich, das Licht existiert nur im absoluten Erfolg), dann ist das Licht schlagartig fast verschwunden und der Schatten explodiert in meinem Innern, und ich schaffe es kaum noch, nach außen sinnvoll zu kommunizieren, beende Gespräche so schnell wie möglich und versuche, zu verschwinden.
Und wenn abends das Licht müde ist, dann setzt es sich auf das Sofa, irgendwo weit weg, und der Schatten macht sich breit, wabert herum, und saugt an meinem Verstand. Doch auch er ist müde, und ist nicht allzu unerträglich. Und so sitze ich in einem Loch, wo weder Licht nach Schatten herrscht, während es duster neben mir wabert, und freue mich vielleicht ein bisschen darauf, wenn ich am nächsten Tag wieder im Licht leben kann, und habe gleichzeitig Angst davor, denn es kostet so irrsinnig viel Energie, das Licht aufrecht zu erhalten.

Ich habe also grundsätzlich erst einmal nur zwei Seiten in mir, die beide kein Dauerzustand sein können, der eine ist nur durch ständige hohe Energiezufuhr aufrecht zu erhalten, der andere spricht grundsätzlich nicht mit anderen und ist viel zu nahe am Wahnsinn.

Und was passiert, wenn man die beiden näher aneinander heranführt?
Meine ganz große Angst ist, dass es dann eine große Verpuffung gibt, Materie und Antimaterie, und dann war es das mit mir.
Was häufiger passiert, ist ein immer schnelleres Hin und Her Pendeln zwischen beiden Seiten, bis ich völlig erschöpft bin.

Doch da gibt es noch etwas anderes, etwas sehr Schönes. Nämlich die Märchenschicht.
Wenn Licht und Schatten sich einander nähern, und sich Lichtfäden durch wabernde dunkle Wolken hindurch bewegen, dann ist diese höllische Leere in der Mitte gefüllt, und die Lichtfäden machen Worte sichtbar, die erzählen können von den Schatten, in Metaphern und Märchen, denn für prosaische Worte ist der Schatten zu dicht.
Und hier ist es, wo ich mich zuhause fühlen kann, nicht ganz im Licht, nicht ganz im Schatten.
Das Licht ist immer nur auf Erfolg getrimmt, eindimensional, und bricht viel zu schnell zusammen, um tiefsinnig zu sein, und seine Gesprächsthemen drehen sich nur darum, besser zu werden. Langweilig.
Und der Schatten ist dunkel, gefährlich, wortlos.

Die Märchenschicht ist also der Ort, wo meine Worte herkommen, von wo aus ich reden kann, wo ich tiefsinnig bin und eine Symbiose finde zwischen meinen starken und schwachen Seiten. Von hier kann ich auch Freundschaften führen, zumindest manchmal, wenn das Abstrakte, sinnbildlich verwobene akzeptiert wird und man mich nicht auffordert, zu oft klar zu reden.

Und manchmal wird die Märchenschicht sogar von außen aktiviert dazu, feine Fäden zu bilden, verblüffenderweise durch die Inhalte mancher Vorlesungen, manchmal Bilder, manchmal Texte, und manchmal auch Begegnungen mit anderen Menschen.

Und manchmal ist die Märchenschicht fast ganz kaputt, und dann fühle ich mich leer, heimatlos, wortlos (was ich besonders schlimm finde, mich nicht mitteilen zu können), schmerzhaft im harten Pendelspiel zwischen Licht und Schatten.
Dann ist jeder Tag eine Qual, und ich isoliere mich immer mehr, weil ich ja ohnehin keine Worte habe.
Und niemand merkt es, weil das Licht ja so stolz, so stark, so unverwüstlich scheint.

Doch ich brauche meine Märchenschicht, und ich habe Angst davor, dass sie wieder verschwindet, wie schon so oft und so lange in letzter Zeit.