auf der Suche nach mir selbst

Ändere, was du ändern kannst – Authentizität

Der Text in der Überschrift ist interessanterweise der Suchbegriff, der am allerhäufigsten auf diese Seite führt.
Über dieses Thema habe ich damals schon einmal geschrieben.

Ich möchte nun dieses Sprichwort aus heutiger Sicht noch einmal bearbeiten.

Gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Und gib mir die Weisheit, das Eine vom Anderen zu unterscheiden.

Und diesmal möchte ich eine andere Ergänzung hinzufügen.

Gib mir das Selbstbewusstsein, dazu zu stehen, dass es Dinge gibt, die ich nicht ändern kann.

Wenn man an sich arbeitet, kann man möglicherweise sehr viel erreichen.

Leistungsfähiger werden, Dinge schaffen, die man sich niemals erträumt hätte.

Einen Abschluss schaffen, Freunde finden, selbstbewusster wirken, sich vor Menschen hinstellen und Vorträge halten, was man sich früher nie getraut hätte, mit der eigenen Stimmung umgehen, selbstzerstörerisches Verhalten reduzieren, von einem einzelnen Stimmungstief nicht sofort darauf schließen, dass nun alles wieder von vorne anfängt und vieles mehr.

Und doch wird es immer Grenzen geben.

Vielleicht liegen die Grenzen in der Masse von dem, was man schaffen kann. Ich kann vielleicht jeden Monat einen Vortrag halten, aber ich könnte keine fünf Vorträge am Tag halten, selbst wenn das zeitlich und vorbereitungstechnisch gehen würde.
Ich kann die Mimik und Gestik von einer einzelnen Person sehr gut aufschlüsseln und verstehen, was sie will, aber kann nicht an einem großen Gruppengespräch teilnehmen und alle gleichzeitig verstehen. Ich kann nicht einmal den gesprochenen Worten von allen gleichzeitig folgen.
Ich kann Abende mit anderen Menschen verbringen und sie auch sehr genießen, aber ich kann diese Abende nicht als Erholung verstehen, wenn ich anderweitig Stress habe. Meine Pausen benötige ich trotzdem.
Ich kann versuchen, mich häufiger zu melden und auch mal zu telefonieren, aber dennoch wird es trotzdem etwas, das automatisch geht und mir leicht fällt, ich werde mich immer darauf konzentrieren müssen und einiges an Energie dafür aufwenden.

Ich kann nicht allen Menschen, deren Probleme ich erkannt habe, dabei helfen, sie zu lösen. Ich kann nicht vierundzwanzig Stunden für jemanden da sein, dann würde ich selber kaputt gehen. So gerne ich das auch tun würde.

Ich kann nicht verleugnen, dass ich zwar fast alles tun kann, aber dass manche Dinge mich mehr erschöpfen, als sie es „normal“ tun sollten. Und ich allein deshalb schon massive Grenzen habe, was meine gesellschaftliche Leistungsfähigkeit angeht.

Ich kann mich nicht selber verleugnen, ich kann nicht hingehen und alles abnicken und immer nur ja sagen. Und vor allem, mich immer konform verhalten und kleiden und sprechen und eben normal sein. Doch, ich kann es, aber ich möchte nicht, denn das stürzt mich immer in ein ewiges Gedankenkreisen, ob ich doch etwas mehr hätte ich selber sein sollen, ob ich doch für etwas einstehen sollte, was mir wichtig ist, und es erschöpft mich noch mehr, als offen für meine Meinung einzutreten.
Aber genau das, dieses selbstbewusst zu etwas stehen, kostet auch viel Kraft, deshalb kann ich mich unter Menschen, die von ihrem Wesen her zu sehr von meinem Wesen abweichen, nicht zu lange aufhalten. Entweder ständig schweigend etwas hinnehmen, das mir nicht zusagt, oder es heftig zu verteidigen, geht nicht auf lange Zeit gut, es spielt mit meinen Ressourcen.

Ich kann nicht mein Wesen verändern und auf meine Bücher und meine Blogs und meine Fotos und mein Alleinsein verzichten.
Selbst wenn andere Menschen der Meinung sind, dass das nicht gesund ist, mich so in mir selber zu vergraben, mich so zu isolieren und einsam zu machen.
Ich brauche das alles wie die Luft zum Atmen und wenn man mir meine Persönlichkeit nimmt, dann kann ich auch ebensogut sofort vertrocknen und dahinwelken.

Es gibt natürlich Dinge, die ich ändern kann.
Ich muss mich nicht von Angriffen von außen dazu hinreißen lassen, mir auch selber schaden zu wollen.
Ich darf nicht nur im eigenen Sumpf versauern, sondern auch wahrnehmen und anerkennen, dass auch andere Menschen Probleme haben. Und ihnen zuhören, oder vielleicht sogar über meinen eigenen Schatten springen und etwas tun, das schwer für mich ist, wenn ich erkenne, dass es ihnen noch schwerer fällt, mein Nichtstun zu ertragen.
Ich darf Trauer und Melancholie und dustere Erinnerungen zulassen, ohne dass ich Angst haben muss, dass das nun für immer so weiter geht.
Ich kann mir schädliche Verhaltensweisen auch einmal konkret verbieten, selbst wenn es mich etwas Disziplin kostet, solange ich mich nicht völlig überfordere.
Ich kann mich für Menschen, denen es schlecht geht, engagieren, wenn ich den Eindruck habe, so, wie es ist, ist es nicht gut. Ich darf auch mal spontan Dinge ansprechen, die „man“ so nicht sagt.
Ich darf aber auch schweigen, wenn mir danach ist.

Ich muss die Balance finden zwischen mir nicht zu schaden und anderen Menschen nicht zu schaden, oder positiv ausgedrückt, die Balance zwischen meinem Energiehaushalt und dem Engagement für das, was mir wichtig ist.

Ich darf und muss und soll authentisch sein.
Und dennoch muss ich niemals so weit gehen, dass ich unter authentisch verstehe, durchgehend über Probleme zu sprechen.
Ich darf auch authentisch fröhlich sein und mich zu kindlichen Freudensausbrüchen hinreißen lassen.
Genauso, wie ich auch traurig und niedergedrückt sein darf, wenn dafür gerade der richtige Zeitpunkt ist.

Ich darf und muss auf meine Gefühle und Grenzen achten, immer wieder fein in mich hineinspüren, was gut für mich ist und was meine Kräfte überschreitet. Auch wenn das vermutlich das Schwierigste von allem ist, gerade in Interaktion mit anderen.

Und alles wird immer ein fein balancierter Kompromiss sein, denn das Leben ist nicht perfekt, sondern wird gerade durch die subtilen Spannungen zwischen Chaos und Ordnung, zwischen Zerstörung und Perfektion sein, und gerade das macht es ja so interessant.

Zusammenfassend bestehen also die mir möglichen Änderung darin, das Leben kennen zu lernen und immer neugierig weiter zu erforschen, während ich all die dunklen Seiten akzeptiere und inkludiere.

Nachtrag: Mir ist aufgefallen, dass ich eigentlich recht wenig tatsächlich ändern muss und kann, es geht eher darum, dran zu bleiben.
Denn tatsächlich habe ich schon sehr viel geändert und mir die äußeren Umstände geschaffen, in denen ich meine Persönlichkeit halbwegs ausleben kann.

Ich habe eine eigene Wohnung, die ich als Rückzugsort nutze und in der ich tun kann, was auch immer ich möchte, und die so eingerichtet ist, dass ich mich wohlfühlen kann und außerdem alles zweckmäßig eingerichtet ist.
Und ich kann jederzeit raus und rein gehen, ohne mich beobachtet zu fühlen.
Diese Verbesserung allein ist schon erheblich im Vergleich zu den Zeiten, als ich noch bei meinen Eltern wohnte und mich, wenn ich Rückzug benötigte, in meinem Zimmer versteckte und trotzdem noch die Stimmen der anderen durch die Tür hören konnte. Und zu meiner Au-Pair-Zeit, wo ich immer so unsicher war, ohne Grund (also außerhalb der Arbeitszeiten) Küche und Wohnzimmer zu betreten und außerdem immer lange abwägen musste, ob ich rausgehen wollte, an den anderen vorbei. Ich war also isoliert und litt trotzdem unter Dauerbeschallung von Stimmen und Fernseher.
Eine solche Umgebung ist nichts für jemanden, der überempfindlich und akut depressiv ist.
Als ich dann in einer WG lebte und mich nicht mit den Mitbewohnerinnen verstand, war das ähnlich.
Ich würde also jedem raten, sich zumindest die Wohnumstände so zu schaffen, wie man sie benötigt. Wer Probleme mit den Eltern hat, sollte ausziehen, selbst wenn das bedeutet, viel weniger Geld, keine Automitbenutzung und ähnliches ertragen zu müssen. Wer weiß, dass er alleine keinen geregelten Tagesablauf aufrecht erhalten kann, sollte mit dem Partner zusammenziehen oder in eine WG. Wer Raum für sich braucht, sollte sich eine eigene kleine Wohnung nehmen. Wer gerne mal Gesellschaft hat, aber nicht erzwungen, ist vielleicht in einem Wohnheim gut aufgehoben.
Ich bin glücklich mit meiner Wohnung. Auch wenn ich mich manchmal danach sehne, Menschen an meinem Wohnort zu kennen, mit denen man einmal spazierengehen und reden kann. Ich kann die Menschen aber nicht ändern und zum Umzug zwingen.
Und selber umziehen möchte ich nicht.
Die eigene Wohnung hat damals viele Diskussionen gekostet und ein Beinahe-Familienzerwürfnis, aber letztendlich war es das Beste, was mir passieren konnte. Mittlerweile kann ich auch mit meiner Familie viel besser umgehen.

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