auf der Suche nach mir selbst

Leben und so

Ich habe ja einmal sehr starke Depressionen gehabt.
Momentan sind die mir aber ziemlich fremd, was mich selber erstaunt.
Es sind immer wieder kurze Flashs von ein paar Stunden, wo die alten Gefühle wieder voll reinhauen, aber danach ist alles wieder so, als wären diese Stunden nie gewesen.

Ich überlege immer noch, wie ich das geschafft habe, und ob ich es wirklich geschafft habe.
Ob das nicht nur die Pause vor dem Sturm ist, ob ich nicht einfach anders kompensiere.

Vielleicht ist es auch die Tatsache, ich bin immer sehr dramatisch damit umgegangen.
Habe mich gerne sehr nah an meine körperlichen und psychischen Grenzen gebracht, um dann irgendwo ganz da unten zu bemerken, eigentlich will ich doch noch leben, es kann noch nicht vorbei sein, und wenn ich das tue, dann soll es auch ein gutes, sinnvolles Leben sein, in dem ich nicht mehr darauf warte, dass es endlich aufhört.

Letztes Jahr im August habe ich meinen Körper mit einer viel zu großen Dosis Koffein umgehauen, dachte einige Stunden lang, dass mein Herz explodiert, und keine Woche später bin ich allein auf Reisen gegangen. Völlig geschwächt und körperlich ganz klar noch nicht wirklich fit.
Mal wieder eine der wahnwitzigen Aktionen, aus denen ich entweder tot oder gestärkt rauskommen würde.
Denn ich hatte nur den Flug gebucht, keine Unterkunft.
Ich machte Nächte im Gewitter in freier Natur durch, und war dann nach der durchwachten Zeit so erschöpft, dass ich mich im Regen an den Wegrand gelegt habe und einfach gar nichts mehr wollte.
Als es mir wieder besser ging, schwamm ich bis zur völligen Erschöpfung in einem riesigen See kilometerweit raus.
Und doch kam ich irgendwie glücklicher wieder.

Ich hatte mich einmal mehr an die Grenzen des Möglichen herangetastet.

Und dann habe ich dieses Jahr beschlossen, mein Studium weiter zu bringen.
Ich wollte ja leben, frei und so, wie ich will, und wenn ich dafür einen Abschluss brauche, dann mache ich den halt.
Irgendwie so habe ich mit mir argumentiert, und anschließend alle etwaigen Schwächeanfälle und Panikattacken ignoriert und gnadenlos alles durchgezogen. So wie in diesem See, wenn man einmal draußen schwimmt, muss man weiter schwimmen, um nicht unterzugehen. Wenn man eben selber so dämlich ist, da raus zu schwimmen.
Ich hatte mir ja alle Deadlines selber gesetzt, indem ich viel zu knappe Termine mit den Professoren ausmachte.

Eine Zeitlang ging alles gut, ich war so wahnsinnig fokussiert, dass mich auch ein immer schlapperer Körper und leichter Realitätsverlust nicht davon abhalten konnte und ich immer euphorischer wurde.
Ich redete mit Professoren und war immer begeisterter und überzeugter von meinem Fach, ich ging auf Tagungen und lernte witzige Menschen kennen, und alles schien zu laufen.

Außer dass es so schnell lief, dass ich selber nicht mehr mitkam.

Dass ich stolperte, emotional und dann im wahrsten Sinn des Wortes, ich brach mir einfach meinen Knöchel.
So schnell, und doch scheint es mir so logisch in die Situation zu passen, dass es schon beinahe gruselig ist.

Und nun sitze ich zuhause, weiß nicht, ob es mir gut geht oder schlecht geht.
Denn irgendwie ist aller Rhytmus verloren, und ich bin wieder fokussiert wie eine Verrückte.
Nicht mehr darauf, irgendwelche Prüfungen vorzubereiten oder langwierige schriftliche Ausarbeitungen abzugeben, sondern darauf, mich in alle möglichen Themen einzulesen, die mir interessant erscheinen.
Nein, eigentlich nicht viele Themen, nur eins, aber das so umfassend wie möglich.

Von außen scheint es eintönig, ich scheine mal wieder kein Leben zu führen, aber ich nehme es fast gar nicht wahr, ich bin ja beschäftigt.
Und es ist so facettenreich und spannend und so reich an Selbsterkenntnis, da will ich immer weiter machen. Alles andere scheint uninteressant.
Ich denke die ganze Zeit über mich nach, und doch ist es irgendwie abstrakt, auf der Metaebene. Ein unbekanntes Ich, das ganz viel an Selbsterkenntnis dazugewinnt, und doch könnte ich nicht sagen, ob es mir gerade gut geht oder schlecht.
Dieses Ich ist nur noch als Beobachter interessant, und doch beobachte ich mich die ganze Zeit selber.

Ich habe nicht den Drang, mich selber zu verletzen und Ähnliches, und solange ich meiner Lesewut nachgehen kann, fühle ich mich auch nicht sonderlich gestresst. Mir gehts auf eine ganz vage, sich selber nicht ganz spürende Art und Weise gut.

Und doch habe ich wahnsinnige Angst vor dem Leben da draußen, vor der ewigen Tretmühle, die wieder anfängt, sobald der Knöchel offiziell ausgeheilt ist, sobald ich wieder unter Menschen muss, wieder organisieren muss, wieder geistige Leistung bringen muss, deren Inhalt von außen vorgeschrieben wird, und das alles immer wieder mit anderen besprechen, während ich mich vor wieder anderen erklären muss, dass ich mit Mitte zwanzig immer noch keinen lächerlichen Bachelor-Abschluss habe und keine objektiven Erfolge.

Dass ich persönlich viel weiter bin als sofort nach dem Abi, das sieht ja niemand.
Dass ich die letzten zwei Jahre so hart arbeiten musste, um die Verletzungen und Suizid-Tendenzen der vorherigen zwei Jahre zu überwinden und wieder halbwegs auf Kurs zu kommen, das sieht auch niemand.

Und ich will auch gar nicht, dass es jemand sieht.
Das würde mich so erschreckend verletzlich machen, so erschreckend unnormal und kaputt.
Jedenfalls nach außen hin.

Es gibt Menschen, die dürfen das sehen und wissen, vor denen darf ich mich genauso zeigen, wie ich bin.
Aber es gibt auch Menschen, vor denen möchte ich eine makellose Fassade behalten, zumindest für mich, denn eigentlich weiß ich, dass sie schon anhand von den äußeren Daten sehen müssen, dass da nicht alles ganz glatt gelaufen ist. Aber mit diesen Menschen möchte ich nicht darüber reden.

Und so baue ich mir mein kleines Lebenssicherheitsnetz auf, aus Erinnerungen, die zwiespältig besetzt sind, denn ich war oft in großer Bedrängnis, aber gleichzeitig auch sehr positiv, denn ich habe diese Situationen erfolgreich bewältigt.
Und das gibt mir ein bisschen Kontrolle zurück, diese Erfolge.
Vielleicht habe ich mich deshalb immer wieder selber in bedrohliche Situationen gebracht, in der Hoffnung, sie besser zu überstehen als in der Vergangenheit, als ich keine Kontrolle hatte, und es hat ja auch irgendwie funktioniert.
Auch wenn ich sehr hoch gepokert habe und man seine Selbstachtung eigentlich nicht von so etwas abhängig machen sollte. Viel zu riskant.

Und mein Netz besteht auch aus Menschen, ja, tatsächlich Menschen.
Und das sage ich, die sich in ihrer Wahrnehmung lebenslang als isoliert wahrgenommen hat.
Es sind nicht viele, und es sind keine sehr häufigen Kontakte.
Aber ich kenne tatsächlich Menschen, in denen erkenne ich mich teilweise wieder.
Und schon allein, dass sie existieren, dass ich sie persönlich kennen gelernt habe, ist eine große Hilfe.

Einfach zu wissen, ich bin nicht alleine.
Und auch, ich bin nicht alleine in meiner Stadt.
Dass es irgendwo anders wundervolle Menschen gibt, die ich online kennen gelernt habe, weiß ich ja schon lange.
Ich sage an dieser Stelle einmal danke dafür, selbst wenn ich viele der Angesprochenen an anderer Stelle kennengelernt habe und nicht glaube, dass sie wissen, dass ich dieselbe bin, die hier bloggt, und überhaupt hier mitlesen.
Falls die Mitlesenden sich auch angesprochen fühlen, euch ebenfalls ein großes Dankeschön.

An dieser Stelle beende ich den Beitrag einmal, denn schon jetzt ist unklar, über welches Thema ich eigentlich schreiben wollte, das vom Anfang, das aus der Mitte oder das am Ende. Und für Zwischenüberschriften bin ich gerade selber nicht sortiert genug.

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