auf der Suche nach mir selbst

Essensmauer und Appetitstarre

Wenn ich in Gesellschaft bin, dann ist das oft so, anfangs habe ich keine große Lust, etwas zu essen. Ich bin schon so damit beschäftigt, das Wesen der anderen Person in mich aufzunehmen, dass ich keinen Appetit habe.
Irgendwann aber, meist, wenn ich den ganzen Tag mit Menschen verbringe und dann mal kurz mit mir allein bin, dann kommt er. Der große Hunger. Dann will ich einfach nur noch Lebensmittel neben mir aufstellen, wie eine Mauer, und mich dahinter verstecken. Einmauern vor den ganzen anstrengenden Sozialkontakten. Alles in mich aufnehmen, was da ist, und schauen, ob ich es verarbeiten kann. Manchmal geht das, manchmal reicht das bisschen steinerner Kloß im Magen, um meine Spannung abzubauen, um mir einen Schutzmantel zu verpassen, der mir hilft, mit all den Menschen umzugehen, die etwas von mir wollen.
Wenn es so weitergeht, wenn ich mich tagelang überesse an Nahrung und Gedankeninput und Emotionsinput, dann reicht das irgendwann nicht mehr.
Dann wird mein Magen entzündlich, mein Kopf bekommt eine Schleimhautentzündung, es schwirrt in mir drin, und spätestens dann muss es raus. In Gesellschaft werde ich über kurz oder lang immer wieder bulimisch.
Und nehme zu.

Und dann kommt die Zeit allein. Endlich Ruhe.
Endlich kein Zwang mehr, etwas hinunterzustopfen, das mich überfordert.
Endlich kann ich meinen Rhytmus wieder frei gestalten, habe nicht mehr das Gefühl, dann essen zu müssen, wenn die anderen essen. Ich esse einfach dann, wenn es nötig ist.
Oder doch nicht? Wann ist denn nötig. Ok, ich habe Hunger. Aber irgendwie fehlt eine klare Struktur, in die ich das Essen einbinden könnte. Und ich bin von den Wochen vorher sowieso viel zu fett.
Und dann fange ich an zu spielen. Wie lange geht es denn ohne die nächste Mahlzeit?
Wie winzig kann ich die Mahlzeit gestalten, ohne mich wirklich schlecht zu fühlen?
Und wenn ich mich schlecht fühle, wen interessiert es? Das ist doch unterhaltsam, dieses Gefühl der Leere, das sich immer mehr ausbreitet.
Manchmal hungere ich dann tatsächlich länger. Manchmal verschaffe ich mir das ersehnte Hungergefühl, und esse dann, wenn ich es ausreichend ausgekostet habe, doch eine große Mahlzeit.
Wenn ich alleine bin, ohne Druck, dann ist es ein Spiel.
Ich beschäftige mich damit, meinen eigenen Körper als Unterhaltungsgebiet zu sehen.
Und nehme ein bisschen ab.

Und dann sind da noch die Zeiten, wenn ich gestresst bin. Wenn ich keine Mahlzeiten mit anderen einnehme, aber zwangsläufig viel Menschenkontakt habe und immer wieder etwas Unvorhergesehenes passieren kann. Etwas, das Übelkeit in mir auslöst.
Deshalb traue ich mich nicht, in Stressphasen tagsüber zu essen. Dann ziehe ich Flüssignahrung vor, Sojamilch oder so etwas, um mich fit zu halten.
Und dann kommt es darauf an. Wenn der Tag wider Erwarten doch nicht besonders aufregend war, dann mache ich mir ein leckeres Abendessen und bin satt und gut ist. Wenn der Tag stressig war, dann knalle ich alles rein, was ich finde, und muss den Tag von innen heraus nach außen katapultieren, wegspülen.
In solchen Stresszeiten nehme ich ab.

Manchmal habe ich auch Stress, wenn ich zuhause bin. Wenn keiner mir einen Essensrhytmus aufzwingt, aber ich muss unbedingt ganz viel Stoff in mich hinein befördern, Lernstoff. Dann verläuft das wieder nach ersterem Muster, ich stopfe mit der einen Hand, in der ein Buch ist, Wissen in mich hinein, die andere schaufelt parallel dazu Essen in mich hinein.
Manchmal überesse ich mich einfach nur, wenn es dann auf die Prüfung zugeht, dann muss ich irgendwann wieder den Stress aus mir herauswürgen.

Das geht alles phasenweise, manchmal bin ich bulimisch, manchmal hungere ich, manchmal esse ich einfach nur etwas zu viel, manchmal etwas zu wenig.
Mein Gewicht pendelt ein bisschen auf und ab, aber im Großen und Ganzen bleibt es.
Ich sage ja zu gern, es spielt keine Rolle, denn wenn ich gerade nicht so viel Stress habe, kann ich ohne Weiteres normal essen, ich bin nicht mehr so abhängig davon, meine Essstörung immer und überall ausleben zu können. Sie ist unauffällig geworden.

Und doch, wenn mir alles zu viel wird, übergebe ich mich, und mein dummes Normalgewicht ist zu viel, immer zu viel.

Teilzeit-Essgestört? Nichts, das mehr irgendwelche Diagnosekriterien erfüllt, solange ich nicht lange Stressphasen habe.
Aber wenn doch, dann rutsche ich halt in den alten Sumpf zurück.
Für Stunden, manchmal für Tage, selten für Wochen.

Und sonst habe ich eben nur etwas absurde Essgewohnheiten.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s