auf der Suche nach mir selbst

Caffeine

Mit Koffein, der Superdroge, verbindet mich eine wechselhafte Geschichte.

Als Kind und Jugendliche habe ich kaum jemals welches angerührt, auch nicht Kaffee und Cola.
Später dann kam die Essstörung. Und der Trick, soviel Kaffee zu trinken, dass einem ausreichend schlecht wird, dass man nichts herunter bekommt. Habe ich dann wieder gelassen, nachdem mir auch in Vorlesungen so schwarz vor Augen wurde, dass ich mich mal eine Runde aufs Klo verziehen musste, um den Kaffee wieder aus mir herauszubefördern.
Dann habe ich dieses harmlose weiße Pulver entdeckt, gibts im Kilopack zu kaufen und ist bei vergleichbarer Koffeinmenge magenverträglicher als das braune Gesöff. Eignet sich wunderbar für alle Arten von Aufputschversuchen, um wach zu werden, um gute Laune zu bekommen und vieles mehr, also eigentlich immer.

Tatsächlich hat es eine sehr positive Wirkung auf mich, vielleicht so wie Ritalin auf einen ADHS-ler wirkt? Ich kann mich besser konzentrieren, bin präsenter, ruhiger, fokussierter, und tatsächlich entspannter und trotzdem fitter als ohne.
In einer bestimmten Dosis jedenfalls, die ich möglichst genau treffen muss. Nehme ich auf die Dosis noch zusätzlich etwas oben drauf, zum Beispiel Cola, dann werde ich albern und hibbelig, oder mein Blutdruck steigt etwas zu hoch. Die Wirkung ist aber auch noch wohltuend, nur kann ich danach schlechter schlafen.

Fatal ist es, wenn ich versuche, mich in sehr angespannten Situationen mit Koffein zu beruhigen. Und das unschuldige Pulver einfach in mich hineinschaufele.
Dann fängt mein Herz an zu pumpen wie verrückt, ich kann schlechter atmen, und somit steigt meine Anspannung ins Unermessliche. Wenn mir in dieser Situation jemand ein falsches Wort sagt, dann kann ich ihn eine Viertelstunde lang ankreischen, um den Druck loszuwerden.
Danach fühle ich mich körperlich erschöpft.

Oder ich nehme NOCH mehr, absichtlich, um mir selber zu schaden. In absoluten Krisensituationen. Das habe ich schon mehrmals getan.
Der Körper schaltet dann auf Alarmzustand, der Magen erträgt nichts mehr in sich, nicht mal Flüssigkeit, das Herz rast wie verrückt, und oft muss ich mich dann erst einmal groggy hinlegen. Die Raumwahrnehmung verändert sich, die Hände scheinen weit weg zu sein, die Wände viel zu nah. Ich passe nicht mehr in mein Zimmer.
Noch ein Löffelchen, los.
Die Atmung setzt beinahe aus, weil der Raum so eng geworden ist. Mein Herz klopft gegen die Wände, während ich gerade sterbe. Eigentlich will ich nach Hilfe rufen, aber dann müsste ich ja zugeben, wie doof ich gewesen bin.
Also selber atmen. Atemzug, Atemzug, Atemzug.
Die Wände und mein Herz rasen aufeinander zu, stoßen einander wieder ab, mein Kopf ist ein kaputter Luftballon, dessen Fetzen im Sog des Herzens durch die Gegend rauschen.
Weiteratmen.
Mich rettet niemand, ich muss ganz allein weitermachen.
Atemzug. Atemzug.
Kotzen gehen.
Ein bisschen Schleim, ein paar Minuten ist etwas mehr Luft zum Atmen. Ich passe etwas besser in den Raum.
Meine Kopffetzen tanzen durch das Zimmer.
Ein immerwährender Kreislauf.
Atmen, Kotzen.
Nicht schlafen können, nicht sitzen können, nicht liegen können.
Eine Nacht lang.

Am nächsten Morgen bin ich körperlich so alle wie nach einer ganz schweren Grippe.
Die Vergiftung geht nahtlos in Migränesymptome über.
Augenflimmern, Übelkeit, höllische Kopfschmerzen.
Schwäche, sehr viel Schwäche. Ich kann mit letzter Kraft einen Raum durchqueren, dann muss ich sitzen.

Aber der Druck, der mich so lange gefoltert hat, der ist draußen.

Ein paar Wochen habe ich Angst vor dem Teufelszeug Koffein. Dann fange ich wieder an. Mit normalem Kaffee.
Bis ich eines Tages Stress habe und doch schnell eine Fingerspitze Pulver nasche. Kurz rebelliert mein Magen, er erinnert sich an die schlimmste Nacht.
Dann wirkt es, und ich fühle mich wohl und normal.

Angenehm fokussiert statt ziellos verspannt, frisch, stark.
Alles gut.

Medikament und Gift zugleich.

Seit ich es nehme, ist es ein Anker. Ein sozialer Anker, einer, der vor depressiven Abstürzen schützt. Einer, der es mir ermöglicht, selbstbewusst vor einer Gruppe zu stehen.
Ohne will ich nicht.

Aber vergiften muss ich mich hoffentlich nie wieder.

(Die beschriebene Situation war im Hochsommer 2013. So lange ist es noch nicht her, und doch ein halbes Leben.)

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