auf der Suche nach mir selbst

Davor und danach (Teil 3)

Im Krankenhaus wache ich wieder auf.
Er ist da, sieht besorgt aus.
Mein Fuß ist ordentlich geschient, er sieht harmlos aus.
Wir unterhalten uns. So lebhaft, nervös, wie man es nach einem Schock tut.
Ich versuche, zu planen, wo man keine Pläne mehr schmieden kann.
Was er mir holen soll, wen ich anrufen muss.
Er überzeugt mich davon, meine Mutter anzurufen.
Die überredet mich, ihm ihre Nummer zu geben, damit er sie auf dem Laufenden halten kann.
Dann kommt ein Anästhesist, stellt mir viele Fragen. Irgendwer, ich muss unterschreiben, dass ich eine OP in Ordnung finde. Ich bin etwas wirr, unterschreibe erst an der falschen Stelle. Dann doch richtig.
Aber ich bin gut drauf, so gute Drogen hatte ich noch nie, und außerdem habe ich nun erst einmal Pause vom Leben. Ich muss keine Entscheidung treffen, was ich bezüglich einer sich anbahnenden Beziehung tun will, ich muss keine verwirrten Nachholaktionen und Aufholjagden an der Uni veranstalten, ich kann einfach schlafen.
Ich unterhalte mich glücklich mit ihm, irgendwann werde ich dann in den OP-Saal geschoben, scherze über mein falsches Schuhwerk, beruhige den besorgten Arzt, dass ich zum Frühstück das letzte Mal gegessen habe und bestimmt nichts mehr im Magen habe, das ich ihm über seine Instrumente spucken werde, und genieße es, nichts tun zu müssen, sondern mich jederzeit mit geschlossenen Augen aus dem Gespräch ausklinken zu können.
Vor meinen Augen verschwimmt wieder alles, vielleicht liegt das auch an meiner Brille, die ich abgeben musste, ich erkenne den Arzt nicht, der mir die Hand gibt, dann tröpfelt es auch schon in meinen Arm und meine Erinnerungen verlieren sich.
Später wache ich auf, werde in ein Zimmer geschoben.
Ich kämpfe darum, Bewusstsein zurück zu erlangen.
Fange an zu reden. Er ist wieder da, ich frage ihn aus, wie er klargekommen ist.
Wir verarbeiten gemeinsam den Schock. Ein bisschen zumindest.
Er tut mir leid, er ist noch so jung, und steht da plötzlich, soll mit fremden Eltern telefonieren, ein fremdes Auto fahren, in einer fremden Wohnung übernachten. Ich bewundere es, wie er damit umgeht.
Im Bett neben mir meckert jemand. Man kommt nicht um Mitternacht aus einer OP und unterhält sich dann laut. Ich schicke ihn nach Hause.
Nun liege ich da. Mein Bein wurde in einer Schiene abgelegt, es gehört nicht mehr mir. Keine Bewegung an der Front. Mein Arm ist vernadelt, auch dort keine Bewegung.
Starr liege ich da, eingeklemmt zwischen lauter Gliedmaßen, die nicht mehr meine sind, zwischen Frauen, die ich nicht kenne. Vielleicht habe ich Schmerzen, vielleicht wirken die Drogen. Ich bin erstarrt, es spielt keine Rolle. Bewegungslos liege ich da. Schlaflos warte ich.

Warten, das wird noch länger eine Rolle spielen.
Am Anfang bekomme ich Besuch, muss zu Untersuchungen.
In den Pausen rede ich mit meinen Bettpartnerinnen. Genauso fixiert wie ich, noch viel verzweifelter, denn sie sind älter, und werden länger zur Erholung brauchen. Wir verstehen uns. Wir fühlen mit, und wir können über Dinge lachen, die Gesunde nicht verstehen. Ich mag sie.
Irgendwann werden sie entlassen, oder umgebettet. Mich möchte keiner mehr untersuchen, aber entlassen auch nicht.
Abwechselnd falle ich in Hyperaktivismus, schreibe Professoren an, was ich fürs Studium tun kann, lasse mir Bücher besorgen, gebe sogar Nachhilfe. Und mag nicht mehr, kann nicht mehr, verstecke mich im Bett, alles wird egal. Ich kann ja warten, bis ich eingehe, wenn mich hier keiner mehr will.
Die Nächte sind die Hölle, es ist laut, Geräte piepen, leuchten, Nachbarinnen atmen, und nichts lenkt mich von der Tatsache ab, dass unzählige Fremdkörper in meinem Knöchel Amok laufen könnten, sich durch den Knochen bohren, und wenn ich mich bewege, verdreht sich alles wieder und wird nach außen durch die Haut gepresst. Ich spüre es, ich kann es immer deutlicher spüren! Mein Fuß läuft Amok, und ich erstarre, mag nicht mehr atmen.
Bei der Untersuchung ist alles ok, heilt gut.
Und trotzdem bekomme ich ständig wieder solche Fußhalluzinationen.
Dieses Ding am Ende meines Körpers macht mir Angst. Auch, als ich schon längst wieder zuhause bin. Als der Arzt meint, durch die Schrauben und Platten und Drähte ist alles hinreichend fixiert, ich kann auf den Gips verzichten, behalte ich ihn freiwillig. Da drin ist der Fuß sicher von mir abgegrenzt, eingepackt, ich habe keine detaillierten Vorstellungen von dem bleichen, zittrigen, verletzlichen Ding, sondern kann ihn abspalten, ignorieren, nur als Paket von außen wahrnehmen.
Die Innenwahrnehmung stößt immer wieder durch, es fühlt sich grotesk verzerrt an, als ob alle Knochen abwechselnd herumtanzen und durchbrechen werden. Aber ignorieren ist gut.

Ich habe mich überreden lassen, bei meinen Eltern zu wohnen, und nun komme ich da nicht mehr weg.
Wie im Krankenhaus. Hyperaktivismus, Situation verbessern und verändern, etwas tun. Dann wieder abstürzen, herumhängen, dösen, mich in depressiven Gedankengängen verlieren.
Ich werde mich so bald nicht wieder aufraffen, selbst wenn der Körper heilt, wie soll ich denn mit dem seelischen Rückschlag umgehen, wie soll ich denn jemals wieder an die Uni, schon wieder angekrochen kommen und sagen, ich muss etwas nachholen, wie ich es schon seit Jahren tue, weil ich psychisch so oft gefehlt habe. Was ist das für ein seltsamer Freundeskreis, von dem ich völlig isoliert bin, sobald ich bei meinen Eltern feststecke?
Spielt es eine Rolle? Kann ich nicht einfach darauf warten, bis ich draufgehe?
Ich bin überreizt, habe keinen Rückzugsort, bekomme ständig Migräne.
Betreibe Frustessen, treffe mich heimlich mit der lieben alten Bulimie.
Werde trotzdem immer dicker. Das dauert doch Monate, bis ich mein Essverhalten wieder regeln kann, und meine Figur. Ich hatte doch gerade alles so gut im Griff. Jetzt klammere ich mich wieder an Lebensmittel, als ob sie mich aus meiner Depression holen könnten, und will gleichzeitig lieber weniger essen, habe keine Lust zum Essen, keinen Appetit, alles wird grau, schmeckt wie Pappe, und doch klammere ich mich daran und stopfe sinnlos.
Mensch Eltern, ich will hier weg, ich muss hier weg, sonst gehe ich kaputt. Aber ihr wollt nie zuhören, ihr wollt mich nur mästen. Meint es ja so gut.

Aber wenigstens Internet habe ich. Auch wenn wir streiten, weil ich mich süchtig verhalte. Viel zu viel online bin.
Aber hier kann ich mich vertiefen, dahinretten.
Beschäftige mich mit Diagnosen, Innenbetrachtungen, und suche wieder einmal nach mir selber.
Manches verstehe ich besser, manches bringt ich immer mehr durcheinander.
Es spielt ja keine Rolle.
Seelisch war ich am Gesunden.
Aber offensichtlich nicht. Sonst hätte mein Körper ja nicht schlapp gemacht.
Auch eine Seele hängt an der schwächsten Stelle. Das war das Sprunggelenk.
Das Sprunggelenk der Seele, meiner Seele, sind die Beziehungen zu Männern. Da falle ich immer aus dem Gleichgewicht, stürze.
Und dann habe ich die lange Regenerationsphase, dann muss ich alles wieder aufholen, was ich verpasst habe.

Und er meldet sich immer wieder, will mich wiedersehen. Ich habe Angst.

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