auf der Suche nach mir selbst

Davor und danach (Teil 2)

Ich stehe morgens als Erste auf. Muss ja mein klassisches Reinigungsritual durchführen. Ungeduscht kann ich mich nicht in der Öffentlichkeit zeigen, wenn ich mir den Kopf nicht gewaschen habe, kann ich nicht klar denken.
Anschließend fühle ich mich schon viel klarer und normaler. Als er im Bad verschwindet, stehe ich etwas ratlos herum, checke meine Mails und Nachrichten.
Er möchte richtig frühstücken. Fragt nach einem Bäcker. Ich werde nicht gefragt, erst als er vor der Theke steht. Ich kann ja pro forma ein Brötchen mitessen.
Unfassbar, wie schnell ein Küchentisch absolut unappetitlich aussehen kann. Gemüsereste, verschütteter Kaffee, schmutziges Geschirr, ich würde am liebsten vor meiner eigenen Küche schreiend weglaufen.
Stattdessen plane ich ein gemeinsames Programm zum Abreagieren. Einmal auf einen hohen Berg steigen, bevor ich ihm mal meine Uni zeige.
Da stehen ein paar unschuldige Schilder herum, dass man da nicht drauf soll. Früher waren die nicht da. Ich bin verwirrt, und amüsiert. Von oben zeige ich ihm die Stadt, die Nebenorte, das ganze Tal kann man überblicken.
Trotzdem sind wir noch viel zu früh im Unigebäude. Ich zeige ihm die Bibliothek, er redet zu laut. Immer will er reden.
Wir setzen uns in den Raum. Ein Vertretungsdozent ist da, als er eine Frage stellt, beantworte ich sie. Wenn da jemand neben mir sitzt, der immer zuviel redet, dann ist das ansteckend.
Und auch während der Vorlesung krakelt er mir die ganze Zeit Nachrichten auf seinen Block, will spielen. Ich ignoriere ihn, möchte mich konzentrieren.
Er schlägt Kino vor, für später.
Zuerst wollen wir wandern gehen.
Wenn mich etwas emotional anstrengt, dann kann ich nicht drinnen herumsitzen, dann muss ich mich bewegen, dann muss ich freie Landschaft um mich herum haben.
Wir gehen auf einen alten Truppenübungsplatz.
Mittlerweile ein großes Heidegebiet, mit Naturschutz.
Kann man wohl auf diese Bäume klettern? Wir stehen lange vor den großen Eichen herum, meine Nervosität löst Assoziationen in mir aus, vom kleinen Hobbit, wie er mit den Zwergen vor den Orks und Wargen flieht, auf Bäume klettern muss, auf die Adler vertraut. In meiner Phantasie könnte jeden Augenblick ein Wolf aus dem Gestrüpp hervorbrechen.
Ich käme auf die Eichen drauf, wenn ich fit wäre, aber irgendetwas macht mir Angst. Vielleicht, dass ich immer noch neben der Spur bin vom Vorabend, etwas verkatert, oder erkältet vom kalten See, oder vielleicht, dass dieses gruselige Brötchen getränkt in Kaffee in mir herumschwimmt. Ich esse sonst niemals Brötchen. Vielleicht aber auch, dass dieses Brötchen schon lange wieder verbraucht ist, es ist ja schon Nachmittag.
Jedenfalls verhalte ich mich ein bisschen wie unter Drogen, necke ihn, auf Bäume zu klettern, provoziere ihn, dass er es nicht schafft, ziehe mich selber an einem schmalen Stämmchen hoch, um es zu demonstrieren, produziere alle möglichen gruseligen Fantasygestalten in meinem Kopf, die sich scheinbar um uns herum bewegen.
Er scheint mich toll zu finden, schaut mich an, will mir näher kommen.
Wir steigen auf einen anderen Baum, einen Obstbaum, in einer sanften Märchenumgebung, und ich erzähle, von früher, als ich mit meiner Cousine auf Bäume gestiegen bin, von Büchern, die ich gelesen habe. Und wir schweigen, ein sehr nahes Schweigen.
Dann springen wir wieder herab. Ich will mich herabschwingen, in einer fließenden Bewegung, traue mich doch nicht, halte inne, mein Arm schmerzt durch die abrupte Bewegung. Und dann springe ich doch noch, nach langer Bedenkzeit.
Wir wandern weiter, schauen uns in diesem trostlosen Halbland um, reden, fühlen uns verloren, verlaufen uns.
Er will Fotos von mir machen, ich konfisziere sein Handy.
Wir prügeln uns um das Handy. Er will es mir wieder abnehmen, ich halte es fest, sage ihm, er kann es nicht kriegen, er ist zwar stärker, aber er will weder mich noch sein Gerät kaputtmachen.
Da war ich noch ganz.
Auch seine Drohung, mich in ein Loch zu werfen, oder eine Pfütze, ändert daran nichts.
Wir werden ruhiger, diskutieren den Weg, haben uns verlaufen.
Sein Handy habe ich nach wie vor bei mir.
Auf einem abschüssigen Waldweg, irgendwo im Nirgendwo, will ich elegant an ihm vorbeitänzeln, neckend, leicht, unkonzentriert, müde.
Plötzlich stehe ich im Nebel, unter mit knackt ein Ast.
Ich finde mich auf dem Boden wieder, versuche dem Nebel zu entkommen, kralle meine Finger zusammen. In einem Augenblick hat sich alles geändert.
Das war kein Ast, es war mein Knochen. Mehrere Knochen.
Der Nebel verflüssigt sich. Ich starre meinen Fuß an. Er ist anders gewinkelt, als er sollte. Als ich ihn testweise gerade richten möchte, schnappt er wie ein Scharnier hin und her.
Es tut weh. Aber vor allem macht es mir Angst.
Ich gebe ihm sein Handy zurück. Greife nach meinem Handy, schalte GPS ein, möchte uns orten.
Er ist ratlos, ich gebe die Kommandos.
Ich muss in ein Krankenhaus. Das hier verflüchtigt sich nicht nach einem Tag, wenn ich es ignoriere.
Er muss mich tragen, doch er kann mich nicht gut packen, ohne dass ich wegrutsche. Mein Fuß baumelt wie ein Anhängsel herum. Ich muss ihn festhalten, sonst fällt er ab. Wir wickeln eine Jacke und einen Ast herum.
Er trägt mich wieder ein paar Schritte, muss mich auf dem Boden absetzen.
Ich sitze da, möchte gerne in Ohnmacht kippen. Doch ich darf noch nicht.
Ich orte uns, entscheide mich für eine Richtung.
Er ist sich unsicher.
Wir hören Stimmen, wir rufen.
Sie ergreifen die Initiative, rufen einen Krankenwagen, erklären uns den Weg.
Ich gebe auf einer Skala von 1-10 an, wie groß meine Schmerzen sind. Wenn der Fuß bewegt wird, 9-10. Kurz vor der Ohnmacht. Dann versteinert mein Gesicht wieder. Ich muss den Fuß abspalten, wenn er zu mir gehört, halte ich das nicht aus. Doch so bin ich ich, dazwischen eine Steinwand und unten baumelt der Fuß. Ich weiß nicht, ob ich bei dem Gesichtsausdruck ernst genommen werde. Es spielt keine Rolle, der Fuß spricht für sich.
Endlich erreichen wir den Rettungswagen. Ich gebe ihm den Autoschlüssel, meine Tasche, dann sinke ich auf die Liege.
Ich beantworte einige Fragen, Adresse, Krankenkasse, Gewicht. Das ist wichtig, weil ich jetzt unterstützt werde beim Umkippen. Endlich, ich darf wegsacken, alle Kontrolle aufgeben. Das Gift rinnt in meine Venen, blendet meinen Körper aus. Ein Schmerzmittel, kombiniert mit einem Schlafmittel. Ich schlafe, und sie verbinden den Fremdkörper da unten.

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