auf der Suche nach mir selbst

Davor und danach (Teil 1)

„Ich will dich wiedersehen. Ich habe mir die Wochenenden frei gehalten. Ja, nächstes Wochenende? Ich freue mich. Aber vielleicht kann ich doch nicht kommen. Bei euch gibt es einfach keine Unterkünfte.“
„Du kannst doch bei mir unterkriechen, war in der Jugendherberge auch kein Problem.“

Und so kommt er zu mir.
Ein Zwei-Meter-Mann in meiner süßen kleinen Wohnung, in meinem privaten Rückzugsgebiet.
Ich freue mich, und gleichzeitig bin ich so nervös.

Wandern wollen wir gehen.

Bei uns gibt es Berge, steile Berge, selbst wenn es nur ein bisschen Mittelgebirge ist.
„Bald zerfließe ich. Ist dir auch so warm?“ „Wenn einer schmilzt, kann der andere ja auf ihm den Berg hinabsurfen.“
Doch wir gehen hoch, immer weiter hinauf. Wir haben gejammert, doch wir sind noch fit. Diejenigen, die den Getränkewagen ziehen, nicht. Der Wagen auch nicht. Als wir helfen, bricht die Rückwand heraus. Für unsere Blödheit bekommen wir ein Bier spendiert.

Ich habe vorher nichts gegessen. Ich war ja nervös. Und so bin ich von dem einen Bier schon betrunken.
Wir verabschieden uns, wandern den nächsten Berg hinauf. Ein Touristenberg. Viel zu viele Menschen. Kann man auf den Turm klettern? Wieviel kostet das? Wir finden es niemals heraus, ich möchte weg, in meinen sicheren Wald.
Es geht wieder bergab. Wenn man ein Rad wäre, könnte man rollen. Man könnte ja radschlagen. Nein, betrunken mache ich keine Akrobatik.
Wir werfen Münzen, für jede kleine Entscheidung, wo wir lang gehen wollen. Sheldon Cooper hat das auch einmal getan.

Lachend und erschöpft kommen wir in meiner Wohnung an.
Ich habe nichts da, ich habe mich geweigert, einkaufen zu gehen, und Dinge zu kaufen, die womöglich weder er noch ich mögen. Doch. Kartoffeln habe ich. Wir machen Pellkartoffeln. Später.

Zuerst machen wir Met. Und schauen einen Film.
Nun ist mir endgültig schwindelig. Der Film sagt mir nicht viel, ich verstehe nichts. Ich weiß nicht einmal, welcher Film das war. Ihn nehme ich auch nur noch schemenhaft wahr. Es ist wohl nicht der Alkohol, sondern mein Kreislauf, mein Nicht essen, meine Psyche, die langsam, aber sicher dichtmacht, überreizt ist, umklappt.
Zuerst presse ich mich verspannt ans Sofa, dann lehne ich mich an ihn. Scherze über seine Hitzeempfindlichkeit, er kann sein Metglas nicht halten. Verstehe meine eigene Stimme nicht mehr.

In den Film komme ich nicht rein, ich komme sowieso nie in Filme rein, wenn ich abgelenkt werde, da sind so viele subtile Verständnisdinge, die über Bilder und Gesichtsausdrücke laufen, das finde ich spannend, das macht Spaß, aber nebenbei kann ich das nicht, konnte ich noch nie. In Gesellschaft kann ich einem Film nicht folgen.

Und so versuche ich, Pläne für später zu machen. Er sagt, es ist schon spät, und bis der Film zuende ist, wird es richtig spät sein.
Ich bin still, rolle mich ein, versuche, doch mitzukommen.
Irgendwann ist es zuende.
Wir stellen die Kartoffeln auf den Herd.
Ich nehme meine Kamera, versuche, im Halbdunkeln Fotos von ihm zu machen. Mich selber über die detailliertere Wahrnehmung wieder präsent zu machen.
Er macht auch Fotos, immer näher an meinem Gesicht, dann legt er die Kamera weg und kommt noch näher. Ich erstarre, und küsse ihn, beides, abwechselnd. Irgendwie fehlt mir die Orientierung, ich weiß nicht mehr, was ich will, ob ich das will. „Stimmt etwas nicht? Mache ich zu schnell?“ „Alles gut, bis hierhin ist ok. Nur erstmal nicht weiter.“
Geschäftig improvisiere ich einen Dip zusammen, um das Thema nicht weiter zu vertiefen. Alle Zutaten, die ich da habe, zusammen werfen. Er sagt, er mag das Essen.
Doch danach rückt er mir wieder zu nahe.
Findet es schade, dass ich keinen Rotwein trinke, aus Prinzip. Weil davon hat er noch eine Flasche mit.
Und dann kommt sein Gesicht wieder näher.
Klaustrophobie. Männer in geschlossenen Räumen, das geht nicht, das kann ich nicht. Ich will raus, nur noch raus. Ich will keine Flashbacks. Die davor fand ich auch unerträglich, als sie mich drinnen umarmen wollten, und meine Erinnerung mir etwas von Ersticken erzählte. Gefangenschaft, Wände, Zäune, alles das Gleiche.
Wir machen Scherze, über das Naturfreibad. Ob wir nicht einfach schwimmen sollten. Es ist dunkel, und inzwischen regnet es auch.
Abrupt stehe ich auf, packe ein Handtuch in einen Rucksack.
Nur raus hier.
Hand in Hand wandern wir zum Freibad, der Regen nieselt über uns vor sich hin. Er sagt etwas von Taschenlampe, ich möchte keine.
Tastend gehen wir zwischen den Bäumen hindurch.
Legen den Rucksack auf eine Bank, fangen an, uns auszuziehen.
Mir wird alles zu viel, ich ziehe alles aus. Drehe ihm den Rücken zu, werfe die Sachen auf die Bank, gehe zum Ufer. Über uns scheint der Mond.
Das Wasser ist kalt, er tritt neben mich.
Ich schaue ihn nicht an, ich möchte nicht sehen, was er von mir hält. Als er testet, wie tief er sich in das kalte Wasser wagt, verlasse ich den flachen Bereich. Gehe um das Becken herum, lasse mich in die dunklen Fluten gleiten. Er hat es erst gar nicht registriert, bis ich an ihm vorbei schwimme.
Er verfolgt mich, will mich berühren, anschauen. Ich will Abstand.
Wir bespritzen uns, kurz erreicht er mich, hebt mich hoch.
Ich zappele, er lässt mich, und ich gehe wieder auf Sicherheitsentfernung.
Ich zittere, mir ist eisig kalt, ich glaube nicht, dass mein Kreislauf noch lange mitspielen wird.
Ich gehe mich abtrocknen, anziehen, warne ihn, dass ich ihn ohne den Schutz des Wassers nicht berühren werde, solange ich nichts anhabe.
Langsam gewinne ich meine Sicherheit zurück, kann ihn foppen, dass er teilweise bekleidet ins Wasser gegangen ist und nun mit nassen Sachen zurück muss, tadele ihn noch einmal für die Idee, uns angezogen gegenseitig ins Wasser zu werfen. Beides steht für mich nicht zur Diskussion bei der Kälte.
Wir gehen nach Hause, still, wir verarbeiten unsere Eindrücke.
Er duscht noch heiß. Ich schlüpfe schnell in Schlafsachen, die ich sonst nie trage, aber ich brauche ein Versteck, und mummele mich ins Bett. Für heute kann ich keine Nähe mehr ertragen.

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