auf der Suche nach mir selbst

Archiv für Juni, 2014

Bedienungsanleitung

ACHTUNG: KURZSCHLUSSGEFAHR! BEI UNVORSICHTIGEM BERÜHREN KANN DER STROMSTOSS UNS BEIDE VERBRENNEN!

Emotional unfähig: Bitte nicht per SMS, Facebook oder Email mit Emotionen, Zuneigungsbekundungen und Glückwünschen überfallen. Du weißt nicht, in welchem Zustand ich das lese, die Abblockgefahr ist groß.

Fokus: Nur wer anwesend ist, bleibt in meinen Gedanken existent. Deshalb halte in Zeiten, wo wir uns nicht sehen, sachlichen Kontakt per Mail mit Diskussionen über Literatur, Wissenschaft und vielleicht sachlichen Planungen, wann wir uns wieder sehen. Diese Art von Kontakt bin ich auch gerne bereit, von mir aus anzustoßen, bitte blocke mich nicht mit Emotionen ab.

Emotionsverzögerung: Manchmal nehme ich meine Gefühle nicht unmittelbar wahr, sondern muss lange in mir nachspüren, bevor ich sie klar zuordnen kann. Deshalb fühle dich nicht zurückgestoßen oder traurig, wenn ich in emotionalen Situationen plötzlich abschalte und anfange zu grübeln. Das ist nichts gegen dich.

Platzangst: Sexuell etwas traumatisierte Person. Wer sich mir in geschlossenen Räumen zu schnell nähert, löst Erstickungsgefühle aus, deshalb warte bitte ab, bis ich von mir aus die Initiative ergreife. Im Freien darfst du dich mir gerne nähern.

Bedürfnis nach Freiraum: Wenn du mich mit zu fordernder Anwesenheit erdrückst, werde ich dich wegstoßen wollen. Ich brauche manchmal Zeit für mich, um nachzudenken und runterzukommen. Bitte gestehe mir diese zu und halte Abstand, wenn ich es dir sage. Du machst mir das einfacher, wenn du nicht den Eindruck erweckst, dass du meine Präsenz benötigst, sondern dich selber beschäftigen kannst.

Ehrlichkeit: Ich weiß, dass ich manchmal sehr kompliziert sein kann. Bitte nimm das nicht unkommentiert hin, sondern sag mir, wenn dich das nervt, ich brauche manchmal eine klare Grenze, an der ich mich spüren kann. Und außerdem spüre ich, wenn du unzufrieden bist, das löst dann gerne Selbsthass in mir aus. Also bitte sprich alles an, was dich stört, selbst wenn ich dann wütend werde. Lass es nicht zwischen uns stehen.

Ich und Wir: Mir fällt es sehr schwer, gleichzeitig ein Ich- und ein Wir-Gefühl aufrecht zu erhalten. Wenn du also zu schnell ein Wir forderst, bekomme ich Panik, dass ich darüber mein Ich verliere und alleine gar nicht mehr existieren kann. Bitte lass und Zeit, ein Wir zu entwickeln, das ein Ich mit einschließt.

Protokoll: Oft interessiere ich mich für Menschen, die ähnlich verletzt sind wie ich, und verstehe mich anfangs hervorragend mit euch. Dann kommt aber ein Punkt, wo du dir Mühe geben willst, normal zu wirken, damit ich dich nicht abstoßend finde, und möchtest einem angelesenen Date-Protokoll folgen, das aus deiner Sicht für Frauen essentiell ist. Dann verbiegst du dich und trinkst dir sogar noch Mut an. Wir müssen diesem Protokoll nicht folgen, bleib weiter du selber, ich habe ähnliche Angst vor diesem Protokoll wie du, deshalb wird es uns eher trennen als zusammenschweißen.

Alkohol: Ich trinke gerne, weil ich die aufgelockerte Stimmung und die veränderte Wahrnehmung mag, aber meist bekomme ich anstelle eines Katers einen extremen Stimmungsabfall und muss nahezu übermenschlichen kämpfen, um die Tage danach nicht massiv emotional einzuknicken. Deshalb kann es irgendwann zwischen uns stehen, wenn du zu oft etwas Alkoholisches mitbringst und mich dazu überredest, das mit dir zu trinken. Ich meide es ansonsten nach Möglichkeit ganz, da die Nachwirkungen mir meinen Alltag zu sehr erschweren.

Routinen: Morgens bin ich oft schlecht gelaunt und fühle mich überfallen, wenn du dann schon schmusen möchtest. Meine Stimmung ist erst dann wieder stabil, wenn ich mich ins Bad zurückgezogen habe und meine Morgenroutine hinter mich gebracht habe. Wenn ich daran gehindert werde, bin ich den ganzen Tag reizbar und fühle mich nicht richtig anwesend und fähig, menschliche Gesellschaft zu ertragen.

Problembewusstsein: Anfangs erwecke ich gerne den Eindruck, dass ich fröhlich und unkompliziert bin, aber wenn ich mich einmal öffne, dann kann es sein, dass ich dich mit meinen vielen Problemen überfordere. Wechsle notfalls das Thema oder grenze dich ab und sag mir, wenn das zuviel wird. Ich kann dich nicht mehr achten und wertschätzen, wenn du deine eigene Persönlichkeit verleugnest, dann wird meine Liebe zu dir sehr schnell in Verachtung umschlagen. Und selbst wenn ich dir sehr viel anvertraue, ich möchte nicht nur darüber diskutieren und wie man das ändern kann, sondern mit meinen positiven Seiten wahrgenommen werden. Die Probleme kann ich weitestgehend selber in Schach halten, außer ich bitte dich explizit um etwas. Und manches möchte ich vielleicht gar nicht ändern, akzeptiere auch das.

Vor allem: Bleib du selber und lass auch mir die Möglichkeit, ich selber zu bleiben. In zu großer gekünstelter Harmonie wird sich unsere Beziehung ganz schnell auflösen.

Ich weiß nicht, ob diese Bedienungsanleitung schon vollständig ist. Manchmal denke ich darüber nach, sie Menschen zu geben, die Interesse an mir zeigen. Dann würde es vielleicht weniger Probleme geben. Vermutlich traue ich mich nicht.
Aber vielleicht sind auch die genannten Dinge so widersprüchlich zu einer funktionierenden Beziehung, dass ich es besser lasse und noch einige Jahre abwarte, bis vielleicht einige Wunden geheilt sind.


Rote Mondsichel

Draußen schimmert der Mond am Nachthimmel, rötlich, sichelförmig.
In mir drin ist Chaos.

Er will wieder zu mir kommen, mich in neue Verwirrung stürzen.
Tränen verflüssigen meine Augen, irgendetwas in mir möchte stattdessen Blut herabrinnen lassen, rotes Blut.

Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll, ich habe ihm eine abweisende und doch zustimmende Mail geschickt, ich war gemein, und doch würde ich alles jetzt sofort wiederrufen wollen.

Ich will mir wehtun, ich will ihm wehtun, und doch will ich nur eine glückliche lebendige Nacht mit im verbringen, rausgehen, flirten, den Zauber alter und neuer Zeiten in mir erwecken.

Und da sind Erinnerungen, an Exfreunde, an Partys, auf denen ich getanzt und geküsst habe.
Mein erster Freund, mit dem ich nach der Trennung noch geschrieben habe, als ich im Ausland war, als es mir schlecht ging. Und der bereit war, sofort zu mir zu fliegen, falls ich sagen würde, das könnte helfen.
Mein Auslandfreund, mit dem ich nie richtig zusammen gekommen bin, und der mir doch immer ein Trost und ein leuchtender Stern war und der so gut meine Emotionen erkennen konnte.
Der letzte Abend mit meinem Ex, mit dem ich die Trennung ausdiskutiert habe und als alles geklärt war, sind wir noch zusammen etwas trinken gegangen, hatten so viel Spaß wie nie zuvor in der Beziehung, weil wir über all unsere Schwächen scherzen konnten, statt Wege zu finden, damit umzugehen.

Einsame traurige Nächte am Fluss, als ich Lieder vor mich hin gesummt habe, die heute noch die ganze Leere von damals transportieren.

Meine Freundin, die mich warnt vor Kerlen mit schlechtem Ruf.

Die Tagung, als wir alle abends zusammen etwas trinken gingen, als ich mit jedem sprach, während er neben mir saß und mir irgendwie Schutz gab, und der mich dann noch auf einen Tequila eingeladen hat.

Männer, und Alkohol, irgendwie gehört das alles unverrückbar zusammen.
Und beides macht mir Angst, zerstört mich, und doch ist eine solche Sehnsucht in mir drin.

Ich berühre sie, und dann lasse ich zu, dass sie mich berühren, und sie schmerzen an der Haut meiner Seele, und ich werde überempfindlich.

Meine reale Haut juckt auch, ich bekomme eine Schwellung am Hals, meine Beine geben mir das Gefühl, sie sind völlig überladen mit Enpfindungen.

Alles zuviel, ich weine, möchte mich in den Schlaf krampfen, und einsam sitze ich am Fenster, starre die rote Sichel an.

Sie alle wollten mich berühren, und ich kann es nicht ertragen.

Er, der so fordernd und selbstbewusst ist, und doch so empfindsam, er ist mir zuviel. Zu real, zuviel Person.

Und dann die schemenhaften Gestalten, die ich nur im Rausch berührt habe. Nicht nur im Alkoholrausch, oftmals war ich völlig nüchtern, nur berauscht von Musik und Lichtern und Berührung.

Und dann der, den ich aus einem anderen Zusammenhang kenne, so ätherisch, unberührbar, den ich nur mit Worten berührt habe.

Manchmal denke ich, ich muss das alles trennen, einen Seelenfreund haben, mit dem ich hölzern, sachlich, reden kann, und ihm zauberhafte Mails schreiben. Und einen, der mit mir die verrückten Abende verbringt, einer, der sich aus meinem Alltag heraus hält, der mein Leben nicht zerbricht und mich angreifbar macht.

Und doch kann ich diese ganzen verwirrten Gedanken nicht trennen, sie laufen alle gleichzeitig in meinem Kopf ab, es wird keine rationale Entscheidung werden, vermutlich entscheide ich mich dagegen und lasse ein kleines Schlupfloch, und irgendwann fasse ich doch wieder in die Flammen und verbrenne mich.

Fühle heiße Schmerzen.

Doch für heute bin ich allein in meinem Zimmer, weine mich in den Schlaf, versuche zu vergessen, dass ich gerne wieder zur Klinge greifen würde, was ich schon so lange nicht mehr brauchte.

Und oben drüber scheint der Mond, unberührt von allen Gedanken, rötliche Sichel.


Ändere, was du ändern kannst – Authentizität

Der Text in der Überschrift ist interessanterweise der Suchbegriff, der am allerhäufigsten auf diese Seite führt.
Über dieses Thema habe ich damals schon einmal geschrieben.

Ich möchte nun dieses Sprichwort aus heutiger Sicht noch einmal bearbeiten.

Gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Und gib mir die Weisheit, das Eine vom Anderen zu unterscheiden.

Und diesmal möchte ich eine andere Ergänzung hinzufügen.

Gib mir das Selbstbewusstsein, dazu zu stehen, dass es Dinge gibt, die ich nicht ändern kann.

Wenn man an sich arbeitet, kann man möglicherweise sehr viel erreichen.

Leistungsfähiger werden, Dinge schaffen, die man sich niemals erträumt hätte.

Einen Abschluss schaffen, Freunde finden, selbstbewusster wirken, sich vor Menschen hinstellen und Vorträge halten, was man sich früher nie getraut hätte, mit der eigenen Stimmung umgehen, selbstzerstörerisches Verhalten reduzieren, von einem einzelnen Stimmungstief nicht sofort darauf schließen, dass nun alles wieder von vorne anfängt und vieles mehr.

Und doch wird es immer Grenzen geben.

Vielleicht liegen die Grenzen in der Masse von dem, was man schaffen kann. Ich kann vielleicht jeden Monat einen Vortrag halten, aber ich könnte keine fünf Vorträge am Tag halten, selbst wenn das zeitlich und vorbereitungstechnisch gehen würde.
Ich kann die Mimik und Gestik von einer einzelnen Person sehr gut aufschlüsseln und verstehen, was sie will, aber kann nicht an einem großen Gruppengespräch teilnehmen und alle gleichzeitig verstehen. Ich kann nicht einmal den gesprochenen Worten von allen gleichzeitig folgen.
Ich kann Abende mit anderen Menschen verbringen und sie auch sehr genießen, aber ich kann diese Abende nicht als Erholung verstehen, wenn ich anderweitig Stress habe. Meine Pausen benötige ich trotzdem.
Ich kann versuchen, mich häufiger zu melden und auch mal zu telefonieren, aber dennoch wird es trotzdem etwas, das automatisch geht und mir leicht fällt, ich werde mich immer darauf konzentrieren müssen und einiges an Energie dafür aufwenden.

Ich kann nicht allen Menschen, deren Probleme ich erkannt habe, dabei helfen, sie zu lösen. Ich kann nicht vierundzwanzig Stunden für jemanden da sein, dann würde ich selber kaputt gehen. So gerne ich das auch tun würde.

Ich kann nicht verleugnen, dass ich zwar fast alles tun kann, aber dass manche Dinge mich mehr erschöpfen, als sie es „normal“ tun sollten. Und ich allein deshalb schon massive Grenzen habe, was meine gesellschaftliche Leistungsfähigkeit angeht.

Ich kann mich nicht selber verleugnen, ich kann nicht hingehen und alles abnicken und immer nur ja sagen. Und vor allem, mich immer konform verhalten und kleiden und sprechen und eben normal sein. Doch, ich kann es, aber ich möchte nicht, denn das stürzt mich immer in ein ewiges Gedankenkreisen, ob ich doch etwas mehr hätte ich selber sein sollen, ob ich doch für etwas einstehen sollte, was mir wichtig ist, und es erschöpft mich noch mehr, als offen für meine Meinung einzutreten.
Aber genau das, dieses selbstbewusst zu etwas stehen, kostet auch viel Kraft, deshalb kann ich mich unter Menschen, die von ihrem Wesen her zu sehr von meinem Wesen abweichen, nicht zu lange aufhalten. Entweder ständig schweigend etwas hinnehmen, das mir nicht zusagt, oder es heftig zu verteidigen, geht nicht auf lange Zeit gut, es spielt mit meinen Ressourcen.

Ich kann nicht mein Wesen verändern und auf meine Bücher und meine Blogs und meine Fotos und mein Alleinsein verzichten.
Selbst wenn andere Menschen der Meinung sind, dass das nicht gesund ist, mich so in mir selber zu vergraben, mich so zu isolieren und einsam zu machen.
Ich brauche das alles wie die Luft zum Atmen und wenn man mir meine Persönlichkeit nimmt, dann kann ich auch ebensogut sofort vertrocknen und dahinwelken.

Es gibt natürlich Dinge, die ich ändern kann.
Ich muss mich nicht von Angriffen von außen dazu hinreißen lassen, mir auch selber schaden zu wollen.
Ich darf nicht nur im eigenen Sumpf versauern, sondern auch wahrnehmen und anerkennen, dass auch andere Menschen Probleme haben. Und ihnen zuhören, oder vielleicht sogar über meinen eigenen Schatten springen und etwas tun, das schwer für mich ist, wenn ich erkenne, dass es ihnen noch schwerer fällt, mein Nichtstun zu ertragen.
Ich darf Trauer und Melancholie und dustere Erinnerungen zulassen, ohne dass ich Angst haben muss, dass das nun für immer so weiter geht.
Ich kann mir schädliche Verhaltensweisen auch einmal konkret verbieten, selbst wenn es mich etwas Disziplin kostet, solange ich mich nicht völlig überfordere.
Ich kann mich für Menschen, denen es schlecht geht, engagieren, wenn ich den Eindruck habe, so, wie es ist, ist es nicht gut. Ich darf auch mal spontan Dinge ansprechen, die „man“ so nicht sagt.
Ich darf aber auch schweigen, wenn mir danach ist.

Ich muss die Balance finden zwischen mir nicht zu schaden und anderen Menschen nicht zu schaden, oder positiv ausgedrückt, die Balance zwischen meinem Energiehaushalt und dem Engagement für das, was mir wichtig ist.

Ich darf und muss und soll authentisch sein.
Und dennoch muss ich niemals so weit gehen, dass ich unter authentisch verstehe, durchgehend über Probleme zu sprechen.
Ich darf auch authentisch fröhlich sein und mich zu kindlichen Freudensausbrüchen hinreißen lassen.
Genauso, wie ich auch traurig und niedergedrückt sein darf, wenn dafür gerade der richtige Zeitpunkt ist.

Ich darf und muss auf meine Gefühle und Grenzen achten, immer wieder fein in mich hineinspüren, was gut für mich ist und was meine Kräfte überschreitet. Auch wenn das vermutlich das Schwierigste von allem ist, gerade in Interaktion mit anderen.

Und alles wird immer ein fein balancierter Kompromiss sein, denn das Leben ist nicht perfekt, sondern wird gerade durch die subtilen Spannungen zwischen Chaos und Ordnung, zwischen Zerstörung und Perfektion sein, und gerade das macht es ja so interessant.

Zusammenfassend bestehen also die mir möglichen Änderung darin, das Leben kennen zu lernen und immer neugierig weiter zu erforschen, während ich all die dunklen Seiten akzeptiere und inkludiere.

Nachtrag: Mir ist aufgefallen, dass ich eigentlich recht wenig tatsächlich ändern muss und kann, es geht eher darum, dran zu bleiben.
Denn tatsächlich habe ich schon sehr viel geändert und mir die äußeren Umstände geschaffen, in denen ich meine Persönlichkeit halbwegs ausleben kann.

Ich habe eine eigene Wohnung, die ich als Rückzugsort nutze und in der ich tun kann, was auch immer ich möchte, und die so eingerichtet ist, dass ich mich wohlfühlen kann und außerdem alles zweckmäßig eingerichtet ist.
Und ich kann jederzeit raus und rein gehen, ohne mich beobachtet zu fühlen.
Diese Verbesserung allein ist schon erheblich im Vergleich zu den Zeiten, als ich noch bei meinen Eltern wohnte und mich, wenn ich Rückzug benötigte, in meinem Zimmer versteckte und trotzdem noch die Stimmen der anderen durch die Tür hören konnte. Und zu meiner Au-Pair-Zeit, wo ich immer so unsicher war, ohne Grund (also außerhalb der Arbeitszeiten) Küche und Wohnzimmer zu betreten und außerdem immer lange abwägen musste, ob ich rausgehen wollte, an den anderen vorbei. Ich war also isoliert und litt trotzdem unter Dauerbeschallung von Stimmen und Fernseher.
Eine solche Umgebung ist nichts für jemanden, der überempfindlich und akut depressiv ist.
Als ich dann in einer WG lebte und mich nicht mit den Mitbewohnerinnen verstand, war das ähnlich.
Ich würde also jedem raten, sich zumindest die Wohnumstände so zu schaffen, wie man sie benötigt. Wer Probleme mit den Eltern hat, sollte ausziehen, selbst wenn das bedeutet, viel weniger Geld, keine Automitbenutzung und ähnliches ertragen zu müssen. Wer weiß, dass er alleine keinen geregelten Tagesablauf aufrecht erhalten kann, sollte mit dem Partner zusammenziehen oder in eine WG. Wer Raum für sich braucht, sollte sich eine eigene kleine Wohnung nehmen. Wer gerne mal Gesellschaft hat, aber nicht erzwungen, ist vielleicht in einem Wohnheim gut aufgehoben.
Ich bin glücklich mit meiner Wohnung. Auch wenn ich mich manchmal danach sehne, Menschen an meinem Wohnort zu kennen, mit denen man einmal spazierengehen und reden kann. Ich kann die Menschen aber nicht ändern und zum Umzug zwingen.
Und selber umziehen möchte ich nicht.
Die eigene Wohnung hat damals viele Diskussionen gekostet und ein Beinahe-Familienzerwürfnis, aber letztendlich war es das Beste, was mir passieren konnte. Mittlerweile kann ich auch mit meiner Familie viel besser umgehen.


Leben und so

Ich habe ja einmal sehr starke Depressionen gehabt.
Momentan sind die mir aber ziemlich fremd, was mich selber erstaunt.
Es sind immer wieder kurze Flashs von ein paar Stunden, wo die alten Gefühle wieder voll reinhauen, aber danach ist alles wieder so, als wären diese Stunden nie gewesen.

Ich überlege immer noch, wie ich das geschafft habe, und ob ich es wirklich geschafft habe.
Ob das nicht nur die Pause vor dem Sturm ist, ob ich nicht einfach anders kompensiere.

Vielleicht ist es auch die Tatsache, ich bin immer sehr dramatisch damit umgegangen.
Habe mich gerne sehr nah an meine körperlichen und psychischen Grenzen gebracht, um dann irgendwo ganz da unten zu bemerken, eigentlich will ich doch noch leben, es kann noch nicht vorbei sein, und wenn ich das tue, dann soll es auch ein gutes, sinnvolles Leben sein, in dem ich nicht mehr darauf warte, dass es endlich aufhört.

Letztes Jahr im August habe ich meinen Körper mit einer viel zu großen Dosis Koffein umgehauen, dachte einige Stunden lang, dass mein Herz explodiert, und keine Woche später bin ich allein auf Reisen gegangen. Völlig geschwächt und körperlich ganz klar noch nicht wirklich fit.
Mal wieder eine der wahnwitzigen Aktionen, aus denen ich entweder tot oder gestärkt rauskommen würde.
Denn ich hatte nur den Flug gebucht, keine Unterkunft.
Ich machte Nächte im Gewitter in freier Natur durch, und war dann nach der durchwachten Zeit so erschöpft, dass ich mich im Regen an den Wegrand gelegt habe und einfach gar nichts mehr wollte.
Als es mir wieder besser ging, schwamm ich bis zur völligen Erschöpfung in einem riesigen See kilometerweit raus.
Und doch kam ich irgendwie glücklicher wieder.

Ich hatte mich einmal mehr an die Grenzen des Möglichen herangetastet.

Und dann habe ich dieses Jahr beschlossen, mein Studium weiter zu bringen.
Ich wollte ja leben, frei und so, wie ich will, und wenn ich dafür einen Abschluss brauche, dann mache ich den halt.
Irgendwie so habe ich mit mir argumentiert, und anschließend alle etwaigen Schwächeanfälle und Panikattacken ignoriert und gnadenlos alles durchgezogen. So wie in diesem See, wenn man einmal draußen schwimmt, muss man weiter schwimmen, um nicht unterzugehen. Wenn man eben selber so dämlich ist, da raus zu schwimmen.
Ich hatte mir ja alle Deadlines selber gesetzt, indem ich viel zu knappe Termine mit den Professoren ausmachte.

Eine Zeitlang ging alles gut, ich war so wahnsinnig fokussiert, dass mich auch ein immer schlapperer Körper und leichter Realitätsverlust nicht davon abhalten konnte und ich immer euphorischer wurde.
Ich redete mit Professoren und war immer begeisterter und überzeugter von meinem Fach, ich ging auf Tagungen und lernte witzige Menschen kennen, und alles schien zu laufen.

Außer dass es so schnell lief, dass ich selber nicht mehr mitkam.

Dass ich stolperte, emotional und dann im wahrsten Sinn des Wortes, ich brach mir einfach meinen Knöchel.
So schnell, und doch scheint es mir so logisch in die Situation zu passen, dass es schon beinahe gruselig ist.

Und nun sitze ich zuhause, weiß nicht, ob es mir gut geht oder schlecht geht.
Denn irgendwie ist aller Rhytmus verloren, und ich bin wieder fokussiert wie eine Verrückte.
Nicht mehr darauf, irgendwelche Prüfungen vorzubereiten oder langwierige schriftliche Ausarbeitungen abzugeben, sondern darauf, mich in alle möglichen Themen einzulesen, die mir interessant erscheinen.
Nein, eigentlich nicht viele Themen, nur eins, aber das so umfassend wie möglich.

Von außen scheint es eintönig, ich scheine mal wieder kein Leben zu führen, aber ich nehme es fast gar nicht wahr, ich bin ja beschäftigt.
Und es ist so facettenreich und spannend und so reich an Selbsterkenntnis, da will ich immer weiter machen. Alles andere scheint uninteressant.
Ich denke die ganze Zeit über mich nach, und doch ist es irgendwie abstrakt, auf der Metaebene. Ein unbekanntes Ich, das ganz viel an Selbsterkenntnis dazugewinnt, und doch könnte ich nicht sagen, ob es mir gerade gut geht oder schlecht.
Dieses Ich ist nur noch als Beobachter interessant, und doch beobachte ich mich die ganze Zeit selber.

Ich habe nicht den Drang, mich selber zu verletzen und Ähnliches, und solange ich meiner Lesewut nachgehen kann, fühle ich mich auch nicht sonderlich gestresst. Mir gehts auf eine ganz vage, sich selber nicht ganz spürende Art und Weise gut.

Und doch habe ich wahnsinnige Angst vor dem Leben da draußen, vor der ewigen Tretmühle, die wieder anfängt, sobald der Knöchel offiziell ausgeheilt ist, sobald ich wieder unter Menschen muss, wieder organisieren muss, wieder geistige Leistung bringen muss, deren Inhalt von außen vorgeschrieben wird, und das alles immer wieder mit anderen besprechen, während ich mich vor wieder anderen erklären muss, dass ich mit Mitte zwanzig immer noch keinen lächerlichen Bachelor-Abschluss habe und keine objektiven Erfolge.

Dass ich persönlich viel weiter bin als sofort nach dem Abi, das sieht ja niemand.
Dass ich die letzten zwei Jahre so hart arbeiten musste, um die Verletzungen und Suizid-Tendenzen der vorherigen zwei Jahre zu überwinden und wieder halbwegs auf Kurs zu kommen, das sieht auch niemand.

Und ich will auch gar nicht, dass es jemand sieht.
Das würde mich so erschreckend verletzlich machen, so erschreckend unnormal und kaputt.
Jedenfalls nach außen hin.

Es gibt Menschen, die dürfen das sehen und wissen, vor denen darf ich mich genauso zeigen, wie ich bin.
Aber es gibt auch Menschen, vor denen möchte ich eine makellose Fassade behalten, zumindest für mich, denn eigentlich weiß ich, dass sie schon anhand von den äußeren Daten sehen müssen, dass da nicht alles ganz glatt gelaufen ist. Aber mit diesen Menschen möchte ich nicht darüber reden.

Und so baue ich mir mein kleines Lebenssicherheitsnetz auf, aus Erinnerungen, die zwiespältig besetzt sind, denn ich war oft in großer Bedrängnis, aber gleichzeitig auch sehr positiv, denn ich habe diese Situationen erfolgreich bewältigt.
Und das gibt mir ein bisschen Kontrolle zurück, diese Erfolge.
Vielleicht habe ich mich deshalb immer wieder selber in bedrohliche Situationen gebracht, in der Hoffnung, sie besser zu überstehen als in der Vergangenheit, als ich keine Kontrolle hatte, und es hat ja auch irgendwie funktioniert.
Auch wenn ich sehr hoch gepokert habe und man seine Selbstachtung eigentlich nicht von so etwas abhängig machen sollte. Viel zu riskant.

Und mein Netz besteht auch aus Menschen, ja, tatsächlich Menschen.
Und das sage ich, die sich in ihrer Wahrnehmung lebenslang als isoliert wahrgenommen hat.
Es sind nicht viele, und es sind keine sehr häufigen Kontakte.
Aber ich kenne tatsächlich Menschen, in denen erkenne ich mich teilweise wieder.
Und schon allein, dass sie existieren, dass ich sie persönlich kennen gelernt habe, ist eine große Hilfe.

Einfach zu wissen, ich bin nicht alleine.
Und auch, ich bin nicht alleine in meiner Stadt.
Dass es irgendwo anders wundervolle Menschen gibt, die ich online kennen gelernt habe, weiß ich ja schon lange.
Ich sage an dieser Stelle einmal danke dafür, selbst wenn ich viele der Angesprochenen an anderer Stelle kennengelernt habe und nicht glaube, dass sie wissen, dass ich dieselbe bin, die hier bloggt, und überhaupt hier mitlesen.
Falls die Mitlesenden sich auch angesprochen fühlen, euch ebenfalls ein großes Dankeschön.

An dieser Stelle beende ich den Beitrag einmal, denn schon jetzt ist unklar, über welches Thema ich eigentlich schreiben wollte, das vom Anfang, das aus der Mitte oder das am Ende. Und für Zwischenüberschriften bin ich gerade selber nicht sortiert genug.


Essensmauer und Appetitstarre

Wenn ich in Gesellschaft bin, dann ist das oft so, anfangs habe ich keine große Lust, etwas zu essen. Ich bin schon so damit beschäftigt, das Wesen der anderen Person in mich aufzunehmen, dass ich keinen Appetit habe.
Irgendwann aber, meist, wenn ich den ganzen Tag mit Menschen verbringe und dann mal kurz mit mir allein bin, dann kommt er. Der große Hunger. Dann will ich einfach nur noch Lebensmittel neben mir aufstellen, wie eine Mauer, und mich dahinter verstecken. Einmauern vor den ganzen anstrengenden Sozialkontakten. Alles in mich aufnehmen, was da ist, und schauen, ob ich es verarbeiten kann. Manchmal geht das, manchmal reicht das bisschen steinerner Kloß im Magen, um meine Spannung abzubauen, um mir einen Schutzmantel zu verpassen, der mir hilft, mit all den Menschen umzugehen, die etwas von mir wollen.
Wenn es so weitergeht, wenn ich mich tagelang überesse an Nahrung und Gedankeninput und Emotionsinput, dann reicht das irgendwann nicht mehr.
Dann wird mein Magen entzündlich, mein Kopf bekommt eine Schleimhautentzündung, es schwirrt in mir drin, und spätestens dann muss es raus. In Gesellschaft werde ich über kurz oder lang immer wieder bulimisch.
Und nehme zu.

Und dann kommt die Zeit allein. Endlich Ruhe.
Endlich kein Zwang mehr, etwas hinunterzustopfen, das mich überfordert.
Endlich kann ich meinen Rhytmus wieder frei gestalten, habe nicht mehr das Gefühl, dann essen zu müssen, wenn die anderen essen. Ich esse einfach dann, wenn es nötig ist.
Oder doch nicht? Wann ist denn nötig. Ok, ich habe Hunger. Aber irgendwie fehlt eine klare Struktur, in die ich das Essen einbinden könnte. Und ich bin von den Wochen vorher sowieso viel zu fett.
Und dann fange ich an zu spielen. Wie lange geht es denn ohne die nächste Mahlzeit?
Wie winzig kann ich die Mahlzeit gestalten, ohne mich wirklich schlecht zu fühlen?
Und wenn ich mich schlecht fühle, wen interessiert es? Das ist doch unterhaltsam, dieses Gefühl der Leere, das sich immer mehr ausbreitet.
Manchmal hungere ich dann tatsächlich länger. Manchmal verschaffe ich mir das ersehnte Hungergefühl, und esse dann, wenn ich es ausreichend ausgekostet habe, doch eine große Mahlzeit.
Wenn ich alleine bin, ohne Druck, dann ist es ein Spiel.
Ich beschäftige mich damit, meinen eigenen Körper als Unterhaltungsgebiet zu sehen.
Und nehme ein bisschen ab.

Und dann sind da noch die Zeiten, wenn ich gestresst bin. Wenn ich keine Mahlzeiten mit anderen einnehme, aber zwangsläufig viel Menschenkontakt habe und immer wieder etwas Unvorhergesehenes passieren kann. Etwas, das Übelkeit in mir auslöst.
Deshalb traue ich mich nicht, in Stressphasen tagsüber zu essen. Dann ziehe ich Flüssignahrung vor, Sojamilch oder so etwas, um mich fit zu halten.
Und dann kommt es darauf an. Wenn der Tag wider Erwarten doch nicht besonders aufregend war, dann mache ich mir ein leckeres Abendessen und bin satt und gut ist. Wenn der Tag stressig war, dann knalle ich alles rein, was ich finde, und muss den Tag von innen heraus nach außen katapultieren, wegspülen.
In solchen Stresszeiten nehme ich ab.

Manchmal habe ich auch Stress, wenn ich zuhause bin. Wenn keiner mir einen Essensrhytmus aufzwingt, aber ich muss unbedingt ganz viel Stoff in mich hinein befördern, Lernstoff. Dann verläuft das wieder nach ersterem Muster, ich stopfe mit der einen Hand, in der ein Buch ist, Wissen in mich hinein, die andere schaufelt parallel dazu Essen in mich hinein.
Manchmal überesse ich mich einfach nur, wenn es dann auf die Prüfung zugeht, dann muss ich irgendwann wieder den Stress aus mir herauswürgen.

Das geht alles phasenweise, manchmal bin ich bulimisch, manchmal hungere ich, manchmal esse ich einfach nur etwas zu viel, manchmal etwas zu wenig.
Mein Gewicht pendelt ein bisschen auf und ab, aber im Großen und Ganzen bleibt es.
Ich sage ja zu gern, es spielt keine Rolle, denn wenn ich gerade nicht so viel Stress habe, kann ich ohne Weiteres normal essen, ich bin nicht mehr so abhängig davon, meine Essstörung immer und überall ausleben zu können. Sie ist unauffällig geworden.

Und doch, wenn mir alles zu viel wird, übergebe ich mich, und mein dummes Normalgewicht ist zu viel, immer zu viel.

Teilzeit-Essgestört? Nichts, das mehr irgendwelche Diagnosekriterien erfüllt, solange ich nicht lange Stressphasen habe.
Aber wenn doch, dann rutsche ich halt in den alten Sumpf zurück.
Für Stunden, manchmal für Tage, selten für Wochen.

Und sonst habe ich eben nur etwas absurde Essgewohnheiten.