auf der Suche nach mir selbst

Archiv für August, 2013

Lern um dein Leben

In der letzten Zeit hatte ich Klausuren- und Prüfungsphase.
Und manche Aufgaben, die ich bewältigen musste, waren wirklich schwer.
Schwer genug, dass ich fast wieder in mein altes Muster zurückgefallen wäre, mich einfach auszuklinken, mit Selbstverletzung und Bulimie zu beschäftigen und alle Ängste irgendwo im Krankhietssumpf zu ersaufen.
Ich bin krank, ich bin ein Psycho, ich kann das nicht, ich mach das nicht. Seht her, ich verfresse mein ganzes Geld, ich bin ständig verletzt, es geht nicht.

Ich habe mich dagegen entschieden.
Und mich ins Lernen gestürzt.
Lernen gegen die Angst, zu versagen, Lernen als Ablenkung von allen selbstzerstörerischen Tendenzen.
Ich kann mich noch nicht einfach so als Mensch akzeptieren.
Entweder ich bin gut, ich schaffe alles, was ich möchte, oder ich bin ein Versagerpsycho, dann ist alles eh egal, und ich kann mich auch vollständig zerstören.
Also habe ich alles abgesagt, was mich irgendwie am Lernen hindern könnte, und dann versucht, nur das zu tun.
Natürlich habe ich das nicht geschafft, immer wieder unterbrochen, immer wieder versagt.
Aber ich war immerhin ausreichend im Stoff drin, um nicht ganz aufzugeben, um MICH nicht ganz aufzugeben.
Dafür war ich dann doch noch nicht genug am Ende.

Hinterher war ich ganz steif und ausgepowert, aber ich war so froh und erleichtert, als ich meine Angstklausur endlich schreiben durfte.
Nur das Ergebnis lässt auf sich warten, ich hasse es.

Und jetzt lerne ich weiter, zur nächsten Prüfung.
Oder auch nicht, ich faule fette Kuh.
Eigentlich hocke ich den ganzen Tag nur rum und tue gar nichts.

Und immer ist da der Zwiespalt, wie viel muss ich wirklich tun?
Tue ich auch objektiv so wenig, oder wäre es ok?

Und tatsächlich geht es um mein Leben.
Wenn ich nicht lerne, dann verstecke ich mich wieder hinter irgendwelchen Suizidgedanken.
Und wer weiß, wie lange ich denen noch widerstehen könnte.

Also MUSS ich weiterlernen.

Die Alternativen sehe ich nur irgendwo tief in der Krankheit.

Ich würde mich ja so gerne wieder schneiden. Endlich wieder schönes rotes Blut sehen.
Und wieder dünner sein, ich fühle mich so fett.
Und aus der Realität abhauen, einfach irgendwo sinnlos in meinen Phantasien herumirren oder meinetwegen auch in der Weltgeschichte, irgendeinen ziellosen Urlaub ohne Unterkunft machen und irgendwo draußen pennen.

Aber ich habe mir schon so viel Realität geschaffen, Freunde, ein Studium, das ich endlich abschließen möchte, einen besseren Kontakt zu meiner Familie.
Ich kann nicht einfach so spurlos verschwinden.

Und doch, manchmal mache ich es einfach versehentlich.
Ein bisschen aus der Realität rausrutschen, nicht mehr wahrnehmen, was andere sagen, unabsichtlich mein Handgelenk an Kanten vorbeischrappen, dass es etwas angekratzt ist. Und mich daran erinnern, wieviel tiefer man gehen kann, wenn man es extra macht, richtig schöne rote Schnitte.
Diese Sehnsucht macht mich wahnsinnig.

Und mein Klammern an das Leben ist manchmal so anstrengend.
Allen Selbstzerstörungsimpulsen widerstehen, um so viel kümmern, mir nicht mehr selber alles kaputt machen.
Soviel planen.

Mental ständig nicht da zu sein ist einfacher.

Und doch, ich habe es selber so gewollt, ich wollte leben, ich wollte nicht in der Psychiatrie versauern.

Seit ich dort letztes Jahr nicht sofort einen Aufnahmetermin bekommen habe und aus Trotz gesagt, dann will ich gar nicht, kämpfe ich um mein Leben.

Und es ist ein harter Kampf, auf so vielen Ebenen.
Mit dem Lernstoff, mit dem Studiumsorganisatorischen, mit dem lieben Geld, mit Freunden, die ich irgendwann in meiner geistigen Abwesenheit beleidigt und vergrault habe, und so viele kleine Alltagsdinge.
Und ständig gegen meine eigenen Impulse, doch einfach aufzugeben.

Krank sein ist einfacher, viel einfacher.

Und doch ist es manchmal auch spannend, ein weiteres Blickfeld zu haben.
Nicht nur die Krankheit zu sehen, mit der ich kämpfen muss, sondern so viele normale kleine Dinge.
Und damit fühle ich mich dann nicht mehr so allein. Weil ich über die Alltagsdinge auch mit Unbeteiligten reden kann.

Ich weiß immer noch nicht, in welche Richtung ich gehen möchte, aber momentan ist der Kampf mein Weg.
Und ich hoffe, irgendwann hört es auf, nur Kampf zu sein.