auf der Suche nach mir selbst

Archiv für Juni, 2013

Normal

Ich habe Normalgewicht, trotz fortwährender Essstörung. Und auch keine extremen, auffälligen Gewichtsschwankungen mehr.
Nein, ich bin nicht geheilt, ich habe nach wie vor Bulimie, übergebe mich im Schnitt jeden zweiten Tag (was schon eine Riesenverbesserung zu täglich mehrmals ist), habe regelmäßig eine Krise, wo meine Oberschenkel viel zu fett erscheinen und ich eher die Ausdehnung eines Elefanten einnehme.
Und ich frage mich, habe ich dieses gesunde, mittlere Gewicht, das nicht einmal an der unteren oder oberen Grenze der Normalität ist, selber gewählt?
Ja, manchmal bin ich froh darüber. Ich kann im Alltag mal weniger essen, ohne dass jemand gleich denkt, ich würde jeden Augenblick verhungern, ich trage die Essstörung nicht optisch vor mir her, und das gibt mir auch den Raum, an andere Dinge zu denken, versuchen, mich über meine Persönlichkeit mehr zu definieren als über meine Krankheit.
Und es zeigt wohl auch, dass ich stark und gesund und unabhängig bin.
Ja, so unabhängig, dass ich seit einem Jahr jegliche Hilfe verweigere. Es hat ja nichts gebracht. Meine ambulante Therapie haben mein Therapeut und ich einvernehmlich beendet, weil wir nicht mehr weiter kamen. Die Tagesklinik wollte mich nicht nehmen, weil ich dafür wohl ein zu schlimmer Fall sei. Die Psychiatrie hätte mich genommen, aber erst nach etwas Wartezeit, und in der hatte ich dann zuviele negative Berichte darüber gehört und wollte nicht mehr. Und auf einen Antrag für eine Rehaklinik hatte ich dann keine Lust mehr.
Und mit einer Leckt-mich-doch-am-Arsch-Einstellung habe ich dann selber daran gearbeitet, mein Leben wieder in den Griff zu kriegen. Ein bisschen zugenommen, wieder angefangen zu studieren, und mir vor allem wieder eine Maske der Normalität und Selbstsicherheit aufgebaut.
Und eine scheinbar absolut gesunde Einstellung zum Essen.
Ja, ich ernähre mich ja tatsächlich gesund, manchmal. Esse gesunde Lebensmittel, im Schnitt nicht zu viel, nicht zu wenig, habe keine Angst mehr vor viel zu viel viel zu kalorienreichem Essen. Manchmal.
Meine Einstellung dazu ist gespalten.
Wenn ich jemanden von meiner Normalität erzähle, dann kann ich das.
Wenn ich zum Beispiel mit meiner Freundin, die von meiner Bulimie weiß, essen gehe. Aufgekratzt rede ich dann über alles mögliche, schiebe zwischendurch konzentriert und langsam das leckere Essen, das ein bisschen wie Pappe schmeckt, in mich hinein, plaudere fröhlich weiter. Und dann kommt die unvermeidliche Frage: Und, wie läuft es mit dem Essen?
Und ich antworte: Nunja, so durchwachsen, mal gut, mal weniger gut. Und wechsele das Thema.
Mit einer anderen Freundin im Café. Gemeinsam jammern wir darüber, wie viel wir mal wieder zugenommen haben, bestätigen uns dann gegenseitig, dass es doch gesund ist, auch mal wieder zu genießen, und schlürfen gemeinsam einen riesigen Eiskaffee. Ich muss ja beweisen, wie normal meine Einstellung zum Essen ist. Nachdem sie mich gerade gefragt hat, ob meine gelegentlichen Kreislaufprobleme vielleicht mit meiner Ernährung zusammenhängen und was ich überhaupt essen würde. Das hat ja alles eine natürliche Erklärung, nicht wahr? Erstens bin ich Vegetarierin und zweitens ist es billiger und gesünder, zuhause zu kochen.
Und es macht auch irgendwie Spaß, so ein gemeinsames Jammern und so eine gemeinsame Völlerei.
Das alles wäre nicht möglich, wenn ich nicht normalgewichtig wäre.
Also habe ich wohl wirklich mit Absicht zugenommen, nur um mir das Leben einfacher zu machen.
Und mir geht es gut, ich habe alles im Griff.
Das denke ich manchmal.

Und manchmal denke ich, ich bin einfach fett und disziplinlos und faul, ich habe die Antriebskraft verloren, ausreichend Sport zu treiben und mich wieder fit zu trainieren, ich habe keinen Willen mehr, auf meine Figur zu achten, ich bin eine Versagerin, ich bin depressiv und sowieso zu doof für diese Welt, also kann ich auch ebensogut zunehmen und an meinem eigenen Fett verrecken, einsam und allein in meinem Zimmer. Und nur deshalb habe ich zugenommen, und ich muss diese elefantösen Maße wieder loswerden.
Und manchmal habe ich einfach keine Lust zu essen, es ist doch ohnehin alles leer und grau, oder ich habe Stress und keine Zeit, ich „vergesse“ es, mag mich nicht ernähren, mag lieber verhungern.
Und dann lande ich doch wieder im Supermarkt, zitternd aus Angst vor all den verbotenen Lebensmittel, zitternd in der Vorfreude darauf, endlich wieder fressen zu können, wütend auf mich, weil ich so verschwenderisch mit meinem Geld umgehe. Und hocke dann heulend in meinem Bad, weil ich so kaputt bin.
Und irgendwie, rein zufällig, hält sich die Fresserei und die Hungerei in der Balance, und so ungefähr halte ich meine Figur.
Und wenn mir all das zu viel wird, dann gehe ich kotzen.
Aber es ist eine versteckte Störung, niemand würde es mir ansehen oder anmerken.
Denn ich bin ja ach so völlig normal und gesund.

Dieses Verstecktsein macht es einfacher, weil mich niemand auf eine Essstörung reduzieren kann, weil ich selber mich nicht reduzieren muss. Weil ich auch manchmal noch an etwas anderes denken kann, es ist nicht so alles verschlingend wie der Versuch, immer weniger zu werden.
Und es macht es auch schwieriger. Ja, ich bin gesünder geworden, ich gehe nicht mehr so an meine Grenzen. Aber das letzte Stückchen in Richtung Gesundheit, das werde ich niemals gehen können, weil es ein selbsterhaltender Kreis ist. Ich sehe nicht hilfebedürftig aus, und niemand sieht, welche Probleme ich mit mir herumschleppe, und niemand bietet mir freiwillig Hilfe an. Und ich habe es aufgegeben, danach zu fragen, also muss ich allein klarkommen. Und wenn es nicht mehr geht, dann gehe ich eben kotzen.
Das ist dann keine Ausnahme mehr, das ist kein Rückfall, das ist dann einfach Normalität bei mir.
Jaja, alles normal.

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