auf der Suche nach mir selbst

Archiv für Juni, 2012

Eine Grenze überschritten

Ich fühle mich so, als sei ich weit gegangen, ganz weit.
Und ich weiß nicht, war alles richtig, oder war alles falsch?
Ich bin so weit weg von allem, was ich kenne, und ich weiß nicht, ist dieser Schritt, dieses unsichtbare Überqueren einer Lichtschranke, ein Schritt ins erwachsene, selbstständige Leben, oder ist es ein Schritt weg vom Lebendigsein?
Meine Oma, die für mich Kindheit symbolisiert, die Oma, bei der ich so viele Ferien in meiner Kindheit verbracht habe, sie kommt mir so fremd vor. Oder ich komme ihr fremd vor.
Wenn ich ihr begegne, starrt sie mich wie ein Wesen vom anderen Stern an. „Du bist so groß geworden, so erwachsen, so schmal, so schick gekleidet.“ Nein, vielleicht starrt sie mich auch gar nicht so an. Ich komme mir so vor, so fremd, als sei ich Lichtjahre fortgereist. Als liegen all die Jahre zwischen uns.
Die Jahre, in denen ich so viel Fremdes erlebt habe, meine Sexualität entdeckt (und mich dann doch nicht getraut, sie zu leben, weil ich immer wieder vor allen Beziehungen geflohen bin), das Ausland erobert (oder mich selbst einfach dort, irgendwo im fernen Spanien, verloren?), versucht, meinen Träumen ein Stück näher zu kommen (oder einfach nur alle Chancen zerschlagen, weil ich nicht mehr studiere, sondern versuche, einen anderen Lebensentwurf zu verwirklichen und doch immer wieder Rückschläge erleide?).
Mein ganzer Großfamilienkomplex kommt mir fremd vor, so viele meiner alten Freunde, aus der Schule, aus dem Studium, kommen mir fremd vor. Wesen aus einem anderen Leben, von einem anderen Stern.
Und die Jahre der Depression liegen dazwischen, die Jahre der Essstörung.
Jahre, in denen ich manchmal nicht wusste, ob ich mehr tot oder mehr lebendig war.
Das weiß ich auch jetzt noch nicht.
Bin ich eine Tote, jemand, deren Seele irgendwo weit weg hängengeblieben ist, die von ihrem Platz da oben interessiert auf ihre ganzen alten Bekannten niederblickt, ohne selber dazuzugehören?
Ich habe irgendwo einen Schritt getan, einen Schritt weiter, als ich mir jemals hätte vorstellen können.
Und ich weiß nicht, war das jetzt einfach ein notwendiger Schritt ins Erwachsensein, oder war das ein Schritt weg von mir selber, hinein ins Verderben?
Die Jahre der Essstörung haben mich gezeichnet, und sie waren auch für andere sichtbar.
Erst diese rapide Zunahme. „Sie hat wohl gut gegessen.“ „Sie ist schon ganz schön breit geworden.“ Dann diese rapide Abnahme. „Ja, isst du denn gar nichts mehr? Du bist so schmal geworden.“
Und zwischendrin Ich. Ich wusste nicht, was ich meiner sterbenden Seele geben konnte, also habe ich sie gefüttert, mit ganz viel Schokolade. Ich wollte sterben und es gleichzeitig immer weiter aufschieben, also habe ich versucht zu verhungern. Und zwischendrin habe ich gekotzt, immer, wenn mir alles zu viel wurde, einfach alle Schwierigkeiten weggekotzt, alle Emotionen und Gefühle, sodass nur noch eine Hülle bliebe. Und die konnte ich formen, daraus konnte ich mir eine Maske aufbauen. Und gleichzeitig habe ich immer mehr davon fallen gelassen, hatte es satt, wollte endlich Ich sein. Und habe es aufgegeben, den positiven Schein zu bewahren, habe offen nach Hilfe gesucht, mir eine Therapie gesucht, mein Studium unterbrochen, mir zumindest selber eingestanden, dass ich nicht mehr konnte. Und meinen Stil geändert, offen vor allen spießigen Verwandten kurze Kleider und auffälige Schuhe getragen.
Und ich habe in diesen Jahren alle körperlichen Grenzen ausgetestet.
Ich weiß nicht, ob ich sterben wollte oder ob ich nach einem Gottesurteil gesucht habe, ob es mir vielleicht doch bestimmt ist, zu leben.
Wie viel kann man kotzen, ohne zusammenzubrechen, wie oft kann man dehydriert und leergekotzt ins Bett gehen, und morgens trotzdem wieder aufwachen, mit wie wenig Essen kommt ein Körper aus, um trotzdem noch ein aktives sportliches Leben zu schaffen, wie wenig Schlaf ist möglich, wie viele Runden Inlineskaten um die Talsperre kann man packen, ohne umzukippen, wie lange kann man mit 200 über die Autobahn brettern, ohne dass die Konzentration abfällt, wie viel Alkohol geht und wieviele Abführtabletten kann man gleichzeitig einwerfen?
Und ich frage mich, wie weit entfernt habe ich mich von dem kleinen Mädchen, dem solchen abstrusen selbstzerstörerischen Aktionen so dermaßen fremd waren?
Das schon normales pubertäres Verhalten, ein bisschen draußen herumhängen und faulenzen und flirten und pöbeln und ein bisschen Alkohol für absolutes Teufelswerk hielt, das beschloss, einfach von der Kindheit direkt erwachsen und vernünftig zu werden.
Ich weiß nicht, ob ich mir diese Kindheit zurückwünsche, allzu behütet und allzu einsam und doch mit so vielen unschönen Erfahrungen, mit einem Vater, den man viel zu oft betrunken sehen musste, mit einer Mutter, die sich selber immer als soziale Außenseiterin fühlte, mit Klassenkameraden, die einen immer wie ein Alien behandelten.
Aber ich würde mir diese Sicherheit zurückwünschen, dass das, was ich tue, das, was ich will, richtig ist, dass ich irgendwelche krankmachenden Verlockungen und Drogen und Süchte nicht brauche und auch nicht bei allen beliebt sein muss, und dass ich Träume habe und meinen Weg gehen will und dieses unerschütterliche naive Vertrauen habe, dass das auch funktioniert.
Jetzt bin ich älter, und ich habe so viele Zweifel.
So viele Ängste, ob ich überhaupt eine Zukunft habe, und ob es sinnvoll ist, zu versuchen, irgendwelche Träume zu verwirklichen.
Und diese große Unsicherheit, ob ich eine normale Krise durchlebe, ob es ganz normal ist, dass mit dem Erwachsenwerden alles anders und fremd und seltsam wird, oder ob das alles nur von der Depression geprägt ist und ich mich nur so krisenhaft kaputt und fremd und weit weg von allem fühle, weil meine Seele schon lange kaputt ist, weil ich einfach unheilbar angeknackst bin und einfach nur die arme verückte Irre, die nur zufällig noch lebt und frei herumläuft.
Die eigentlich schon lange gestorben ist.
Und wer da herumläuft, ist eigentlich nur noch ein Zombie, eine leblose Hülle, die immer noch lächeln und sympathisch wirken kann, weil es ihr jahrelang so antrainiert wurde.
Und doch bin ich näher denn je dabei, endlich meinen Traum zu leben.
Ich hoffe nur, es fühlt sich irgendwann auch so an. Nicht, als habe ich mich irgendwo im Traum verloren, das wahre Leben verlassen, sondern als sei der Traum bei mir angekommen, endlich real. Als sei ich angekommen, kann endlich ruhen, mich sicher fühlen, Wurzeln schlagen.
Mich endlich richtig und ganz fühlen.
Nicht mehr der Störkörper sein, der nur zufällig da ist, sondern einen Platz haben, wo ich hingehöre, wo ich gebraucht werde, wo ich einzigartig sein kann und genauso gesehen werde, wie ich bin.
Wo ich mich endlich selber erkennen und akzeptieren kann.

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