auf der Suche nach mir selbst

Archiv für Oktober, 2011

Löcher

Ich schreibe wenig hier.
Auf dieser Seite sind unendlich viele Lücken, Lücken, die die vielen Texte hinterlassen, die ich niemals veröffentlicht habe, niemlas aufgeschrieben habe, obwohl sie in meinem Kopf schon vollständig ausformuliert sind.
Und je mehr Löcher sich auf dieser Seite befinden, umso schwerer wird es für mich, wieder den Einstieg zu finden, doch wieder etwas zu schreiben. Dabei würde ich so gern.

Ich wollte über ein Treffen schreiben, mit anderen Mädchen mit psychischen Problemen, die ich übers Netz kennengelernt habe. Wie surreal es doch war, wie wir teils lachend zusammen in der S-Bahn saßen, wie wir fröhlich gemeinsam gekocht haben. Wie ganz normale junge Frauen. Und doch war etwas anders.
Unsere Vergangenheit, unsere Gesprächsthemen. Unser Verhalten beim Einkaufen, sorgfältig auswählen, ja nichts Angstauslösendes mitnehmen. Unsere Nähe durch gemeinsames Erleben, obwohl wir uns kaum kannten, und dennoch unsere Sorgfalt bei der Wortwahl, weil wir wussten, wie verletzlich unser Gegenüber sein kann.
Tiefsinnige Gespräche, sich endlich einmal verstanden fühlen, und doch der Versuch, vernünftig zu sein, die anderen zu etwas bewegen, wozu man selber kaum bereit ist.
Und um dem allem den Gipfel aufzusetzen, eine weite Anfahrt, eine lange Reise, die hauptsächlich ins eigene Innere führt, und sich doch so real auf einer realen Autobahn abspielt, der Versuch, all die Surrealität zu überspielen, indem die Musik immer lauter aufgedreht wird, das Gaspedal immer weiter durchgetreten. Und nach der Fahrt das große Zittern, weil einem erst dann bewusst wird, wie gefährlich so ein Fahrverhalten sein kann.

Ich wollte über Diagnosen schreiben, über Gedanken, wie viel es mir nun bringt, dass ich offiziell essgestört bin, und dass ich offiziell eine Depression habe, die so stark ist, dass ich bei noch einer kleinen Verschlimmerung Medikamente bräuchte. Und das, obwohl mein Therapeut die Extreme nicht einmal mitbekommen hat, weil ich in seiner Gegenwart Hoffnung habe, dass er mir helfen kann, und deshalb geht es mir nicht gar so schlecht.
Ich wollte schreiben, dass es teilweise erleichternd ist, diese offizielle Anerkennung zu haben, den ich muss mich jetzt nicht mehr selber herabwürdigen, ein schlechtes Gewissen haben, weil ich ja nur allen und mir selber etwas vorspiele, eine Hypochonderin bin. Nein, es ist die Wahrheit, ich habe eine Bestätigung.
Und gleichzeitig löst es Zweifel in mir aus, sobald es mir etwas besser geht. Darf es das überhaupt? Ist das dann nicht der Beweis dafür, dass ich doch nur gespielt habe? Und stimmt die Diagnose überhaupt? Wenn ich teilweise so ausgeprägte Hochphasen habe, dass es schon fast manisch ist, kann ich dann Depressionen haben? Wenn ich immer noch die Energie habe, mit Freunden etwas zu unternehmen und mit meinem Freund wegzugehen, kann ich dann noch krank sein?

Über so vieles wollte ich schreiben, und doch habe ich das Gefühl, dieses Blog spiegelt mich kaum noch wieder, weil da so viel fehlt, einfach nicht vorhanden ist. Was doch so wichtig wäre.

Und doch spiegelt es mich perfekt wieder, denn auch in mir sind Löcher.
Es geht mir gut, und von einem auf den anderen Moment tun sich Löcher in mir auf, in die ich einfach hinabstürze, meine Umwelt kaum noch wahrnehme, die Zeit kaum noch wahrnehme. Oder ich lösche meine Zeit einfach aus, indem ich sie mit Essen und Kotzen blockiere, immer und immer wieder, und zwischendurch hocke ich in meinem dunklen Zimmer und versuche herauszufinden, wer ich bin.

Seit ich Therapie mache, denke ich sehr viel nach, und es kommen immer mehr Gedankenfetzen und Gefühle aus meiner Vergangenheit hoch. Und Fragen, für die ich schon seit Jahren nach Antworten suche, Fragen, was aus meinem Leben werden soll, Fragen, wie ich leben kann, wenn ich die Person bin, die ich nun einmal bin. Auch diese Fragen entgleiten mir immer wieder, fallen in Löcher, geben Ruhe. Solange ich mich verstecke, in meiner Essstörung, in meinen Konzentrationsproblemen. Und sobald ich kämpfen will, endlich etwas machen, endlich anfangen zu leben, endlich wieder Freunde haben, tun sich diese Fragen selber wie Löcher auf, wie große Wellen, die mich verschlingen wollen.

Und Ruhe finde ich nur, wenn ich in meinem Höllenloch aus düsterer Stimmung verharre.
Wenn ich da raus will, ist mein einziges Transportmittel ein Riesenrad, wie auf dem Jahrmarkt, ich kann einsteigen, ich kann auf die Ebene gelangen, wo die meisten anderen Menschen sich emotional aufhalten, dann dreht das Rad sich weiter, ich erlebe Höhenflüge, fange wieder an zu träumen, blicke in meine Zukunft, und dann sinkt meine Gondel wieder nach unten, ich winke meinem Freund zu, und versinke in der Finsternis. Und kann unten entscheiden, ob ich nun in dem düsteren Loch bleibe, mich ausruhe, oder ob ich noch eine weitere anstrengende Höllenfahrt unternehme.
Guten Willen zeige und aus meinem Loch herauskomme.
Und irgendwann taumele ich doch kaputt aus meiner Gondel und bleibe liegen, auf schmutzigem Grund.