auf der Suche nach mir selbst

Archiv für Juli, 2011

Auf der Brücke

In meinem letzten Post habe ich mich für das Leben entschieden.
Lange ist es her, dass ich diesen Text verfasst habe.
Ich habe versucht zu leben.

Und erkannt, dass es ein viel längerer Weg zurück ins Leben ist, als ich dachte.
Ich bin damals, als ich dem Tod so nahe war davon ausgegangen, dass eine Entscheidung für das Leben ausreicht, um ein ausgefülltes Leben haben zu können. Das war so naiv.
Der Weg ist viel länger und schwerer, als es der Weg in den Tod jemals sein kann.

Ja, ich habe mir schrittweise ein bisschen Leben zurückerobert.
Auf einer wackligen Brücke, über einem tiefen Abgrund.
Ich spannte mir Sicherheitsseile, baute immer mehr Lebendigkeit um mich auf, um mich zu schützen, während der Tod mich in den Abgrund reißen wollte.

Die Seile um mich herum werden stabiler.
Ich habe tatsächlich viel erreicht seit damals, seit der entsetzlichen Nacht, wo ich sterben wollte.
Ich bin wieder fest in mein Studium eingebunden, ich habe einen Freund gefunden, ich habe eine schöne neue Wohnung gefunden.
Und je mehr Menschen mich wertschätzen, umso schwieriger wird es, den eigenen Tod planen zu wollen.
Ich treibe Sport, ich unterhalte mich mit Menschen.
Und ich habe den Mut gefunden, mir endlich Hilfe zu suchen, endlich zu einer Beratungsstelle zu gehen, endlich einen Termin für eine Therapie zu vereinbaren.

Aber der Tod will mich nicht so schnell gehen lassen. Er reißt mich immer wieder runter, zieht mich in seinen Bann. Ich bin weit entfernt davon, die Essstörung gehen zu lassen, und immer wenn es mir gut geht, kommt ein innerer Zwang, das irgendwie ausgleichen zu wollen.
Die Arme mit Dornen zerkratzen, beim Autofahren zu schnell werden und überlegen, wie es wohl wäre, am Baum zu landen, bei jeder Brücke, die ich überquere, zu überlegen, wie es wohl wäre, da jetzt runterzufallen, immer wieder zwanghaft auf Parkhausdächer steigen und da hinunterzustarren.

Ich glaube, wenn man einmal mit dem Leben abgeschlossen hatte, ist es schwer, wieder Fuß zu fassen, selbst wenn man sich mit seinem ganzen Willen dafür entschieden hat. Zu tief ist man noch gefangen in all den dunklen Gedanken.

Es ist ein tagtäglicher Kampf, immer wieder ins Licht zu streben, aber mittlerweile habe ich auch so einige Sachen kennen gelernt, für die es sich lohnt, diesen Kampf anzugehen. Und vor allem so einige Menschen.
Es gibt einem so viel Kraft, wenn andere Menschen einen wertschätzen für das, was man ist.
Und doch ist es auch schwer, aus dem Nichts Beziehungen aufzubauen. Nicht sagen zu können, was man in den letzten Jahren gemacht und gedacht hat, jedenfalls nicht am Anfang.
Ich habe darüber nachgedacht, wie man am Besten sterben kann.
Ich habe darüber nachgedacht, wie man am Besten verhungern kann.
Und ich denke immer noch über solche Dinge nach, oder anders ausgedrückt, diese Dinge schleichen sich immer noch in meinem Kopf rein, immer und immer wieder.
Zu lange waren sie Teil von mir, das kann ich nicht so einfach loswerden.

Und so tanze ich auf dieser Brücke zwischen Leben und Tod herum, weiß, das Leben ist schön, und kann es doch nicht immer mit allen Konsequenzen annehmen.
Doch ich tanze weiter, bis ich angekommen bin, bis ich weiß, hier gehöre ich hin, und das wirklich mit voller Überzeugung sagen kann, egal, was passiert.

Hoffnung. Ein kleines Wort, doch sie hat mich wieder. Ich habe sie wieder.

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