auf der Suche nach mir selbst

Archiv für März, 2011

Tausend Tode

Es ist wieder ein Teil von mir gestorben.
Es war hart, es hat mich tief heruntergerissen. Ich dachte, ich müsste als Ganzes sterben, ich war so weit, ich wollte tot sein.
Diesmal war ich nicht nur bereit dazu, diesmal wollte ich nachhelfen.
Doch als ich ganz tief unten war, da bin ich auch wieder einen kleinen Schritt weiter gekommen. Ich habe einen Teil von mir erkannt, der vorher verborgen war.
Gestorben ist letztendlich also nur die Schutzmauer, die um diesen versteckten Seelenanteil aufgeschüttet war. Die ich selber aufgeschüttet hatte.
Und der Rest durfte weiter leben.

Immer wieder stirbt etwas in mir ab, immer wieder töte ich ein komplettes altes Leben und fange ein neues Leben an. Immer wieder schnüre ich Beziehungen die Luft ab, die mich auf einem Stück meines Lebenswegs begleitet haben, weil es vorbei ist, weil ich psychisch plötzlich in einer völlig anderen Situation bin.

Aber diesmal habe ich etwas Neues erkannt.
Das Leben besteht nicht nur aus diesem Sterben, es geht nicht nur darum, immer weiter alle vitalen Lebenstriebe abzuschalten, bis nur noch der klare Kern meiner Selbst übrig bleibt, sondern es ist eher ein Wechsel, ein Fließen, aus Tod und neuem Leben. Wenn ich eine Mauer einreiße, ist mehr Licht, und mehr Raum für Wachstum.
Wenn ich mit einer Lebensphase abschließe, dann habe ich mehr Raum für Neugestaltungen, ich darf neue Dinge lernen, darf andere Tätigkeiten suchen, die mich glücklich machen.
Für eine gewisse Zeit.
Und dann ist wieder Zeit, etwas gehen zu lassen.
Dann ist wieder Zeit für einen neuen Tod.
Bis ich irgendwann erlöst bin, vom ewigen Kreislauf der Wiedergeburten, vom ewigen Versuch, ein neues und besseres Leben anzufangen. Dann werde ich endlich angekommen sein, ein Leben haben, in dem ich bleiben will, eins, das mich glücklich macht. Dann werde ich im Nirvana angekommen sein.

Die Todeskrämpfe, wenn wieder ein neuer Übergang kommt, sind furchtbar.
Suizid-Gedanken, essgestörtes Denken krasser denn je, der Zwang, das äußere Leben komplett umzugestalten, weil man das Innenleben nicht mehr aushält, aber plötzlich ist es vorbei. Dann kommt die Geburt, die Freude auf ein neues Leben, die Fähigkeit, sich überhaupt wieder zu freuen, und endlich wieder die Möglichkeit, auf Dinge zu fokussieren, die ich mag. Im Todeskrampf ist irgendwann alles hinter einem Nebel verschwunden, ich hatte keine Ziele mehr, keine Träume, keine Wünsche, ich wollte mich nur noch auflösen, damit der Nebel mir nichts mehr anhaben konnte. Selber zu Nebel werden.
Doch wie eine Gaswolke, die sich immer mehr verdichtet, bis der Druck so hoch wird, dass ein Stern entsteht, so ist auch in mir ein leuchtender Stern erschienen, so darf auch ich wieder leben.

Doch was ist gestorben?
Vor langer langer Zeit schon habe ich die Angst vor dem Tod verloren, ist sie abgestorben.
Aber diesmal habe ich eine ganz andere Angst verloren, die Angst vor dem Leben, die Unfähigkeit, mich auf alles einzulassen, was Spaß macht und mich an die Erde bindet, an die Menschen, ans Glück. Jetzt kann ich es innerlich zulassen, Spaß zu haben, Bindungen aufzubauen, einfach mal spontan zu leben, selber, nicht nur meine Maske leben zu lassen.
Ich darf das jetzt. Weil ich keine Angst mehr davor habe.
Verloren habe ich auch die Illusion, dass ich allein und abseits von anderen Menschen stehen muss, um zu Erkenntnis zu kommen, meinen Geist auf höhere Stufen zu bringen. Nein, diesmal habe ich erkannt, dass der Weg gerade darüber führt, ein bisschen Austausch zu haben, andere Menschen mit auf die wunderbare Reise zu mir selbst zu nehmen.

Und doch war dies nicht die letzte Krise. Wenn man sich einmal auf den Weg zu seiner eigenen Seele gemacht hat, gibt es ab einem bestimmten Punkt keine Möglichkeit mehr, umzudrehen, ohne sich lebenslang danach zu sehnen, weiter zu kommen, mehr von diesem faszinierenden Innenleben zu erkennen.
Und nicht nur positiv faszinierend. In mir ist so viel schwarz, entsetzlich schwarz. Und ich lasse mich viel zu leicht in diesen Strudel aus Finsternis hineinziehen, rutsche viel zu leicht in die Spirale aus Todessehnsucht. Und dann geht es nicht mehr darum, dass ich die Schwärze erkenne, sondern darum, dass ich umgerissen werde. Mitgerissen und in die Tiefe gesogen.
Ich werde erst einmal ein bisschen auftauchen, nicht in der Tiefsee herumsteuern, sondern mir auch die Oberfläche anschauen. Und gucken, dass ich mir einen stabilen Anker aufbaue, bevor ich mich wieder in die Tiefe wage.
Mal abgesehen davon, dass so viele meiner hellen Seiten auch noch erforscht werden müssen, und auch da gibt es noch so viel Neues zu entdecken.

Aber ich weiß, die Tiefe gehört dazu, und eines Tages wird sie mich rufen. Dann muss ich wieder untertauchen, absacken, mich vom Leben abwenden, einen Teil von mir sterben lassen.
Nur, mittlerweile weiß ich, es ist wirklich nur ein Teil, und ich als Ganze darf weiter leben, ich darf auftauchen, wenn es Zeit ist, froh zu sein, und ich darf untertauchen, wenn es Zeit ist, mich zu erforschen.
Ich muss mich nicht unten oder oben festklammern, ich darf hinauf und hinunter schwimmen, ich darf leben und ich darf sterben.
Es gehört alles dazu, es sind zwei Seiten einer Medaille.

Nur wenn ich intensiv die Anwesenheit des Todes gespürt habe, kann ich auch wirklich intensiv, wirklich echt und authentisch leben.
Ich muss das Todesgefühl in mein Leben lassen, sonst kann ich nicht das Leben leben, das ich mir wünsche.

Ich bin durch den Tod gegangen, und jetzt fange ich gerade an, zu leben. Vielleicht das erste Mal in meinem Leben. Und ich freu mich tatsächlich darauf.