auf der Suche nach mir selbst

Archiv für Januar, 2011

Kindheit prägt

Ich versuche gerade wieder die Stimmung zu bekommen, die ich am Samstag hatte.
Sie war gut, glücklich, geerdet. Nicht das Glück, was mir hungern oder auch lesen bringt, dieses abgehobene, nicht ganz zu dieser Welt gehörende Glück, auch nicht das Glück, was mir Fressen bringt, dieses betäubte, Schlechtes nicht mehr spürende Glück.
Nein, es war ein ganz geerdetes, ein bisschen kindliches Glück, ein erfülltes Glück, weil ich etwas geleistet hatte.
Ich habe Holz geschleppt, viel Holz, habe einen großen Berg chaotisches Holz draußen in einen schönen aufgeräumten Stapel verwandelt, habe meine Energie dazu benutzt, etwas zu verwandeln, habe sozusagen Magie betrieben. Es war einfach schwere Arbeit, viele Stunden, um es mal schlicht auszudrücken, aber für mich war es viel mehr, es hat mir einen Teil meiner Kindheit zurückgebracht. Den Teil, den ich Papakind nennen kann. Ich habe als Kind viel gearbeitet, hart gearbeitet, tagelang, jahrelang. Habe jahrelang meinem Papa in Landwirtschaft und Forstwirtschaft geholfen, und es hat mir viel Erfüllung gebracht, mich richtig körperlich auszupowern, und dann zu sehen, dass es auch ein Ergebnis gibt, ein Ergebnis, das der Familiengemeinschaft nützt, das Tieren nützt. Und dann konnte ich nach Hause kommen und mir mein verdientes Essen gönnen, meine verdiente Pause zum Lesen gönnen. Arbeit auf dem Land verbindet unglaublich gut mit dem Erdboden, lässt alle Fluchtgedanken, mit denen ich so kämpfe verschwinden. Und es war eben mein Leben, schon immer, und das heißt, wenn ich es jetzt wieder mache, bekomme ich einen Teil meiner Kindheit zurück, einen Teil, den man glücklich nennen kann.
Ich habe später rebelliert, weniger mit meinem Vater gemacht, mehr Mädchensachen angefangen, wollte meinen Freundinnen ähnlicher sein. Habe diesen glücklichen Teil der Kindheit als unglücklich definiert, denn ich hatte viel zu wenig Zeit für Freunde, viel zu wenig Zeit zum Spielen und einfach Seele baumeln lassen, habe gelernt, dass ich mir Erholung nur gönnen darf, wenn ich vorher hart arbeite. Habe eine sehr unentspannte Einstellung zum Leben, musste immer unter Stress arbeiten, wenn es wirklich Spaß machte, war etwas nicht richtig, war ich noch nicht fleißig genug, war ich noch nicht gut genug. Also habe ich diese Arbeit irgendwann verabscheut, wollte nicht mehr arbeiten, nur um meinen Vater zufrieden zu stellen, wollte etwas finden, was mich selber zufrieden stellt.
Ich bin fasziniert von gesunder Ernährung, von der Ökobewegung, von Außenseitergruppen. Meine Mutter hat mich dazu gebracht. Seit ich denken kann, hat sie mich in die Vollwerternährung eingeführt, hat sich später für noch extremere Ernährungsrichtungen, Rohkost, Urkost, interessiert, und ich habe das alles mitgemacht. Habe es alles gegen meinen Vater verteidigt, habe einmal die ganze Fastenzeit Rohkost gemacht und sehr viel mit ihm gearbeitet, um ihm zu beweisen, dass man bei Rohkost keine Leistungseinbrüche hat. Habe alle Macken verteidigt, die meine Mama so im Kopf hat, hab immer zu ihr gehalten.
Und habe irgendwann auch gegen meine Mama rebelliert, mit ihrem überstiegenen Ernährungswahn, aber vor allem auch gegen ihre völlige soziale Unkompetenz, ihre völlige Unfähigkeit, Gefühle zu zeigen, ihre völlige Weigerung, sich mal hübsch zu machen, schicke Kleidung zu tragen, sich zu schminken.

Und stand dann da, gegen beide Eltern innerlich rebelliert, aber noch nicht frei von ihnen. Machte dann teilweise das Gegenteil, aß zu viele Süßigkeiten, weil Mama dagegen war, hockte zuviel drinnen, weil Papa dagegen war.
Versuchte, meine eigenen Maßstäbe zu finden, um mit mir zufrieden zu sein, aber ich fand nichts, nichts, was mich zufrieden machte und meine Eltern nicht. Hasste mich selber, weil ich es selbst einfach nicht schaffte, Dinge zu tun, auf die ich stolz sein konnte. Ich war einfach nie auf mich stolz, fand alles doof.

Was bleibt, wenn man sich weigert, angepasst zu sein, es anderen recht zu machen, wenn man dann auch nichts findet, um es sich selber recht zu machen?

Ich machte es einfach niemandem recht, war einfach die Doofe, Gehasste. Vor allem von mir selber Gehasste, denn die anderen merken es ja doch nicht so. Auch wenn meine Geschwister die Nischen entdeckt haben, die ich hinterließ. Nachdem ich mich bei meinen Eltern unbeliebt gemacht hatte, übernahmen sie meine Arbeiten, machten sich beliebt, nahmen meinen Platz ein. Ich wurde überflüssig, versuchte psychisch zu verschwinden, wurde depressiv, versuchte immer unauffälliger, nichtvorhandener zu werden. Ich war ja doch zu nichts gut.

Ich versuchte, mich über die Uni-Leistung zu definieren, aber es hatte sich längst in meinem Inneren eingegraben, dass so etwas doch auch nicht so wichtig ist, dass es Wichtigeres gibt, was zählt. Ja, was denn?
Ich versuchte mich, übers Abnehmen zu definieren, aber die Menschen, die das gut fanden, meinten, ich sei doch sowieso jemand, der nie Probleme mit dem Gewicht haben würde. Weil ich eine war, die durch die harte Arbeit ja doch recht schlank geblieben war, und abgesehen davon hatte ich mich immer von gängigen Schönheitsidealen abgegrenzt. Wen interessierte so etwas?
Und es gab auch Menschen, die das Dünnsein nicht gut fanden, die über meinen zu klein werdenden Hintern lästerten.
Und in mir krochen Zweifel hoch, ich wollte es ja eh keinem Recht machen, schon gar nicht der Abnehmgesellschaft, also fraß ich, ich wollte meinen Status als Schlanke behalten, also hungerte ich, ich wollte es denen Recht machen, die es gut finden, dass Frauen nicht ständig auf Diät sind, also aß ich brav alles auf, was man mir anbot, ich wollte rebellieren gegen die, die eine üppige weibliche Figur mögen, also hungerte ich, und so ging das immer so fort. Ständiger innerer Zwiespalt, ständiger Wechsel zwischen Hungern und Fressen, und es wurde immer extremer.

Während ich unter einem Wertekonflikt litt, einfach nicht wusste, wem ich es recht machen wollte, einfach nicht wusste, gegen wen ich rebellieren wollte.
Eigentlich wollte ich nur für mich selber leben, aber da kommt wieder die altbekannte Frage: Wer bin ich? Was will ich?

Und so langsam merke ich, dass die Gewohnheiten aus der Kindheit schon viel zu tief in mir verankert sind, um sie von mir selber trennen zu können.
Holz schleppen macht mich glücklich. Schwere körperliche Arbeit befriedigt mich.
Rohkost (und auch Fasten) finde ich cool. In Bioläden stöbern macht mir Freude.

Ich bekam auch Werte vermittelt in meiner Kindheit, die heutzutage seltener sind. Durchhaltevermögen, Zähigkeit, sich nicht beschweren wegen etwas, das ist.
Es hilft, manchmal, aber es macht mich auch kalt. Unfähig, Hilfe anzunehmen, denn es ist ja nicht so schlimm. Man sollte nicht ständig jammern und stöhnen.
Es macht mich auch arrogant. Mein Gott, wieso stöhnen denn andere Menschen, wenn sie ein paar Karren voll Holz reinholen? Ich mache das doch schon den ganzen Vormittag. Mein Gott, wieso heult dieses Kind, weil es kalt ist und es ein bisschen zu Fuß gehen soll? Ich habe in dem Alter schon bei Minustemperaturen Rüben aus der Erde gezogen.
Es ist mir manchmal unverständlich, wieso andere so verweichlicht, so empfindlich sind. Während mir alle Empfindlichkeit frühzeitig ausgetrieben wurde, und damit auch eine Möglichkeit, mich auszudrücken.
Werte, die man hat, helfen einem, Situationen einzuteilen. Ich könnte möglicherweise keine Reporterin werden, weil ich alles für normal halte, nach dem Motto, man soll sich doch nicht so anstellen. Ich könnte über manche Härten des Lebens nicht berichten, weil es nur für Weicheier Härten sind.
Und doch wollte ich genau das lernen, zu verstehen, was für manche Menschen untragbare Zustände sind. Und doch kommt so etwas nicht aus meinem Inneren, manchmal jammere ich künstlich über Dinge, die ich für andere Menschen untragbar halte, aber für mich doch nicht. Ich ertrage alles!

Es gibt auch etwas, das gehört nur mir. Das Schreiben, das Lesen.
Buchläden machen mich glücklich, zufrieden, die richtigen Bücher können mich in bessere innere Welten schaffen, als die, die manchmal so von innen in mir aufsteigen. Mit Lesen kann ich Stunden verbringen, und mich in Buchläden von einem Buch zum Anderen zu tasten macht mich Wort für Wort zuversichtlicher, ich bekomme mehr Zutrauen in die Zukunft, mehr Vertrauen in mich selbst.
Texte schreiben bringt mir jedesmal ein Stück Selbsterkenntnis, ein kleines Scheibchen mehr Ich. Beim Schreiben kann ich mich kreativ betätigen, neue Welten schaffen. Beim Schreiben kann ich leben, und es ist etwas, das mich ganz persönlich erfüllt.
Ich habe eine Persönlichkeit, aus deren Perspektive ich schreibe, aber es ist eben teilweise auch eine Sichtweise, die ich von meinen Eltern übernommen habe. Ich kann mich nicht davon abtrennen. Wenn ich meine Eltern für bescheuert halte, dann muss ich auch mich für bescheuert halten, und das tue ich auch oft. Aber das kann ich mir auf Dauer nicht leisten.
Ich muss diese Sichtweise akzeptieren, denn nur aus dieser heraus kann ich authentisch sein, alles andere wäre wieder Anpassung an etwas, das ich gar nicht kenne, und deshalb nicht lebensnah darstellen kann, höchstens parodieren.

Ich bin ich, und ich bin Tochter meiner Eltern. Ich kann manches anders und besser machen als sie, aber ich kann meine Herkunft nicht verleugnen. Dazu habe ich viel zu viel von ihnen.

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Abwege

Ich habe es hier mit Büchern aus meiner Jugend 😉

Ich habe einmal in einem Buch gelesen, da waren ein alter Indianer und ein junger Indianer an einem heiligen Ort ihres Stammes, und der Boden war mit Zigarettenstummeln verschmutzt. Der junge Indianer wurde wütend, schimpfte heftig auf die Weißen, die heilige Orte nicht wertschätzen können und soviel Abfall hinterlassen.
Der alte Indianer sagte ruhig: „Die Weißen wissen es nicht besser. Sie kommen an diesen Ort, weil sie Verbindung zum großen Geist suchen, und sie würden wohl auch gerne ein Opfer darbringen, so wie unsere Vorfahren früher die heilige Friedenspfeife geraucht haben. Und das hier ist ein stümperhafter Versuch, wieder Verbindung zur Spiritualität der Vorfahren zu bekommen, und dem großen Geist etwas von ihrem Hab und gut hinzugeben. Sie meinen es nicht böse, sie sind nur auf Abwegen.“
Der junge Indianer war beschämt über seine Heißblütigkeit, unwissende Menschen so schnell zu verurteilen.

Raucher machen etwas, was in manchen Kulturen für heilig galt. Aber sie missbrauchen es, weil der kulturelle Rahmen fehlt, die entsprechende Unterweisung, aus dieser Handlung etwas Heiliges zu machen. Und sie übertreiben es von der Menge. Ich weiß nicht, wie oft so eine Friedenspfeife geraucht wurde, aber bestimmt ging es eher in Richtung einmal im Monat als in Richtung zwanzigmal am Tag.

In Südamerika gab es Indianerstämme, die kauten Kokablätter, um zu unmenschlichen Leistungen, langen einsamen Wanderungen durch die Berge fähig zu sein. Heute wird Kokain von jungen Menschen aufs Übelste missbraucht.

Fasten war etwas sehr spirituelles. Viele Religionsführer machten es, um neue, visionäre Erkenntnis zu bekommen, um ihren Geist zu reinigen. Sie machten es nicht im Alltag, sie machten es nicht immer, sie verschafften sich einen speziellen Rahmen, gingen einsam in die Wüste oder in die Berge. Verschafften ihrer Seele den Freiraum, den sie brauchte, und wenn sie fertig waren, aßen sie wieder.
Fasten ist ein irrsinnig gutes Selbstheilungsmittel. Wenn ein wildes Tier schwerverletzt ist, hört es auf zu essen, hört auf, den Körper unnötig zu belasten, und wartet auf seine Heilung. Dann isst es wieder.

Fasten wird, genau wie oben genannte Drogen, als Suchtmittel missbraucht. Sucht zum Hungern, Sucht zum Fasten, viel zu oft, und ohne den entsprechenden kulturellen Rahmen.
Essstörungen.
Sie treten oft bei jungen Menschen auf, die tatsächlich auf einer spirituellen Suche sind.
Aber weil sie niemand psychisch darauf vorbereitet, weil es keine Fastenkultur gibt, artet es aus. Es wird immer weiter gehungert, oder es kommen Zweifel, kommen Fressanfälle. Irgendwann ist das alles nur noch Sucht, alles nur noch Selbstzweck, ist die eigentliche Idee, das gesunde des Fastens, völlig im Hintergrund verschwunden.
Obwohl sich die Menschen sogar versuchen, ähnliche Rahmenbedingungen wie die religiösen Asketen zu finden, indem sie sich von ihren Freunden, von allen Menschen absondern. Aber sie kommen dann nicht aus dieser geistigen Wüste zurück, sie verirren sich darin, ohne irgendeinen Ausweg zu sehen.
Es gibt vielleicht Menschen, die wollen helfen, die fliegen mit einem Hubschrauber über die Wüste, um die richtige Richtung zu sehen, aber die Verständigung ist oft schwer, viel zu schwer. Die Menschen in der Wüste können die Vorschläge aus dem Hubschrauber nicht hören, oder die Menschen im Hubschrauber können die giftige Schlange nicht sehen, die mitten im Weg liegt, die den Ausweg versperrt.

Ich habe ein Märchen dazu geschrieben:

Es war einmal eine junge Frau, die suchte nach Weisheit, sie suchte überall, aber sie konnte sie nicht finden. Sie wusste eigentlich auch nicht, was sie genau suchte, aber sie dachte, wenn sie die Weisheit sehen würde, könnte sie sie schon erkennen.
Bis eines Tages jemand zu ihr kam und ihr von einem hohen Berg erzählte, auf diesem wachse eine bestimmte Pflanze, das sei die Weisheit.
Und die Frau machte sich auf, sie machte sich auf den langen steilen Weg zum Gipfel des Berges. Schweiß lief über ihre Stirn, ihre Füße fingen an zu schmerzen, aber sie ging weiter. Es wurde mühsamer, sie wurde gezwungen, langsamer zu gehen. Sie strengte sich noch mehr an, um ihr altes Tempo wieder zu erreichen.
Und tatsächlich, die Anstrengung schien sich zu lohnen, sie sah eine Pflanze, die sie vorher noch nie gesehen hatte, riss sie aus und barg sie in ihrer Hand. Und machte sich wieder auf den Weg nach unten.
Plötzlich erschien ihr wieder die Gestalt, die ihr von der Pflanze erzählt hatte, aber sie sah nun nicht mehr wie ein freundlicher Mensch aus, sondern eher wie ein zorniger Dämon.
Und der Dämon sagte ihr: Das ist nicht die Weisheit! Du musst weiter suchen und sie finden, sonst werde ich dich verfluchen.
Und die Frau machte sich auf, sie hetzte den Berg hinauf, trotz ihrer Erschöpfung viel schneller als vorher, sie rannte und rannte und rannte, bis sie eine weitere Pflanze sah, sie riss die Pflanze an sich und raste wieder bergab, stolperte, rollte ein paar Meter, rappelte sich wieder auf, rannte weiter, bis sie dem Dämon begegnete. Er sagte nur: Nein!
Und sie zwang sich, ein weiteres Mal den Berg zu erzwingen, es fiel ihr schwer, viel schwerer noch als vorher, aber sie gab nicht auf, sie konnte nicht mehr aufgeben, etwas in ihr zwang sie, weiterzugehen, weiterzustolpern, weiterzurennen.
Diesmal kamen ihr alle Pflanzen schon bekannt vor, und sie stieg noch viel höher als am Anfang, kletterte und stolperte über Steinbrocken, quälte sich ab.
Fand doch noch eine weitere Pflanze, stolperte den Berg wieder hinunter, und der Dämon machte sich schon gar nicht mehr die Mühe, etwas zu sagen, er schüttelte nur den Kopf. Und sie machte sich wieder auf ihren Weg, verzweifelt, erschöpft, aber ohne jede Möglichkeit, aufzuhören mit der Suche.
Und stieg wieder höher und höher, grabschte sich alle Pflanzen, die sie sah, und warf sie eine Felskante hinunter. Seltsamerweise konnte sie den Dämon auch auf die große Entfernung klar erkennen, sah, wie er höhnisch lächelnd den Kopf schüttelte.
Und stieg weiter nach oben, dorthin, wo ewiger Schnee lag, dorthin, wo längst keine Pflanzen mehr wuchsen, holte sich Erfrierungen, die sie gar nicht mehr spürte, sie spürte sich nicht mehr, sie spürte ihre Füße nicht, sie spürte ihre Schmerzen nicht.
Sie wusste, dass sie die Weisheit hier nicht mehr finden würde, aber sie stieg weiter, immer weiter, sie wusste nichts anderes, in ihrem Kopf gab es nur noch weiter, höher, weiter, höher.
Sie sah den Dämon lächeln, dann sah sie gar nichts mehr, nur noch eine hohe Felskante, zu der sie sich wie magisch hingezogen fühlte, von der sie absprang, von der sie sich einfach fallen ließ.
Und sie sah den Dämon nicken, ein befriedigtes Lächeln flog über sein Gesicht. Und kurz vor ihrem Aufprall sah sie es, in ihr war diese wunderbare Blume, in ihrem Inneren hätte sie die Weisheit finden können.
Dann wurde es schwarz um sie, in ihr.

Es ist die Geschichte einer Essgestörten, die etwas Wichtiges für ihr Leben sucht, aber es nicht findet, der die notwendige Unterstützung fehlt, die nur auf einen kleinen teuflischen Dämon stößt, der sie immer weiter in die Sucht treibt.

Ich werde Fasten niemals verurteilen, es sind ausreichend gute Aspekte daran, aber es sollte nicht als Suchtmittel, für den täglichen Gebrauch, missbraucht werden.
Man sollte sich den entsprechenden Rahmen schaffen, statt sich in einer Essstörung zu verstecken.
Vielleicht werde ich einmal eine Fastenwanderung auf dem Jakobsweg machen, wo es nicht einfach um körperliches Hungern, um Hungereuphorie und Suchtbefriedigung geht, sondern um mehr, um Fasten, das die Seele nicht vom Leben und von der Gesellschaft abtrennt, wie es wohl die meisten Drogen machen, sondern das die Seele auf eine klarere, zufriedenere, geistigere Ebene führt.
Als einmaliges Erlebnis, nicht als Dauerstress, der jeden Alltag, alles Zusammenleben mit Menschen kaputtmacht.

Missbrauch von heiligen Dingen, er ist so verbreitet.

Mir fällt noch ein Beispiel ein, SVV, das von manchen Kulturen rituell betrieben wird, um die Götter zu beschwören, oder als Mutprobe für junge Menschen auf dem Weg ins Erwachsensein, und bei uns machen es so viele im einsamen Kämmerchen, ohne kulturellen Rahmen, ohne die Prämisse, dass es einmalig ist, immer und immer wieder, und hoffen vielleicht unbewusst, dass es sie weiterbringen wird, aber es passiert nichts Neues, es wird nur immer mehr und mehr zur Sucht.

Normales Essen, gesund und lebenswichtig und schönes gemeinsames Familienritual, und wie viele Esssüchtige gibt es heutzutage, die das Essen einfach einsam und frustriert in sich hineinstopfen, und eigentlich nur Sehnsucht nach der Familiengemeinschaft haben.

Fast alles, was schön und wichtig und heilig ist, kann als Suchtmittel missbraucht werden.
Süchte sind Abwege auf der großen und wichtigen Suche nach dem höheren Selbst.


Innere Reinigung

Um Silvester rum war ich krank, Magengrippe.
Pure Ironie, wenn man sonst absichtlich kotzen geht.
Die Krankheit tat gut, hat mich gereinigt. Gab mir das Recht, einfach mal auf dem Sofa rumzuliegen, nichts zu machen, Pause zu kriegen, nicht ständig unter Spannung zu stehen.
Gab mir das Recht, nichts zu essen, ohne direkt essgestörte Gedanken zu kriegen. Ich konnte ja nicht.
Und gab mir die Gelegenheit, mich mal ganz viel mit meiner Familie zu unterhalten, und herauszufinden, dass die eigentlich gar nicht so schlimm sind. Dass man auch mit ihnen leben kann, ohne benebelt vom Fressen zu sein.
Ich fühlte mich innerlich frei.

Ich habe soviel nachgedacht, mein Körper hat mir diese Zeit gegeben. Und es hat mich psychisch ein ganzes Stück erleichtert.
Ich habe einfach mal alle Probleme ausgekotzt, in echt, nicht nur so pseudoversuchsmäßig wie sonst bei der Bulimie.
Und gleichzeitig war es so gründlich, dass mir der Spaß am Kotzen ein bisschen vergangen ist. Seitdem mache ich es seltener, übertreibe nicht mehr so.
Besinne mich wieder auf meine besseren Zeiten, daran, dass es auch noch eine gesunde Ernährung zwischen Fressen und Hungern gibt.
Dass es ein Leben gibt, mit anderen Menschen, mit weniger Einsamkeit.

Diese Krankheit kam zur richtigen Zeit.


Wetterwechsel

Das Wetter ändert sich ständig.
Meine Laune ändert sich ständig.
Früher hat es mich fertig gemacht, wenn ich gerade psychisch im Gewittersturm stand, ich ging davon aus, dass er niemals wieder aufhören würde.
Früher hat es mich euphorisch gemacht, wenn die Sonne schien, aber sie hat auch meine Kreativität ausgetrocknet, und irgendwann musste doch wieder ein Regen kommen.

Es hat sich etwas verändert. Das bin ich.
Ich akzeptiere jetzt, dass sich alles immer wieder ändert. Das ist das Leben.
Ich finde es doch auch in einer gemäßigten Klimazone, wo sich das Wetter regelmäßig ändert, viel schöner, ich möchte doch gar nicht in einer Wüste leben, wo immer nur die Sonne scheint.

Das wichtigste ist, ich habe keine Angst mehr vor der Zukunft. Ich vertraue darauf, dass ich mein Leben bewältigen kann, dass ich meine Störungen bewältigen kann.
Ich freue mich auf die Zukunft, ich bin gespannt darauf, was noch alles passieren wird.
Ich bin auch gespannt auf die Stürme, die ich noch erleben werde, sie sind ein spannendes Naturereignis.
Und ich vertraue darauf, dass immer wieder die Sonne scheinen wird.


Zwei Wohnungen

Jeder Mensch hat wohl eine psychische Wohnung, in die er andere Menschen hineinlassen kann, in der er ihnen was von seiner Seele, von seinem Wesen zeigt.
Ich habe zwei Wohnungen.
Ich lasse die meisten Menschen nur in die eine Wohnung hinein. Ich verberge nichts, ich zeige ihnen alle Zimmer, die Wohnung ist komplett eingerichtet. Und keiner kommt auf die Idee, dass ich noch eine Zweitwohnung haben könnte, wozu denn, ist doch alles da, was ein Mensch so braucht.

Aber sie ist da. Meine Essstörungen, meine Depressionen, das, was ich so in diesem Blog schreibe. Beide Wohnungen sind völlig real.

Ich habe damals mal mein äußeres Leben mit einer Maske verglichen, mein offizielles Essverhalten mit einem Versteckspiel. Aber das stimmt nicht, es ist auch ich. Ich habe mein offizielles Leben längst so kultiviert und personalisiert, dass es auch meins ist, mit sehr viel Individualität und Persönlichkeit. Ja, auch ich werde für meine Person gemocht, für das, was ich bin, für das, was ich anderen zeige.

Trotzdem habe ich noch diese zweite Wohnung. Auch in ihr lebe ich, und vor allem letztes Jahr war ich dort wohl noch häufiger als in meiner Erstwohnung.
Auch diese Wohnung ist sehr gut eingerichtet. Es sind wertvolle Seelenschätze dortdrin. Aber auch eine Menge Müll.

Eines Tages werde ich vielleicht umziehen, in eine größere Wohnung, in der meine Seele mehr Raum hat, in der sie sich richtig gut entfalten kann. Dann bekommen alle meine versteckten Schätze einen Ehrenplatz, und den Müll werfe ich weg.

Denn es ist teuer, zwei Wohnungen zu haben, anstrengend. Das ist es auf Dauer nicht wert, vor allem bin ich in beiden beengt.

Eine schöne große helle Wohnung, in der ich alles da habe, was meine Psyche benötigen wird, sollte viel besser für mich sein.

Ich freue mich auf meinen Umzug, mal sehen, wann er wirklich gemacht wird!