auf der Suche nach mir selbst

Archiv für Dezember, 2010

Seelisch und geistig erfülltes Leben

Ich möchte so gern irgendwann ein erfülltes Leben führen, und ich habe mir mal ein paar Gedanken gemacht, was da für mich eigentlich so zu gehört.

Ich glaube, sehr wichtig ist es mir, einen Beruf zu finden, der mich wirklich erfüllt, der meinen Fähigkeiten voll entspricht und eine Arbeit zu haben, die mich wirklich interessiert. Das ist eben der Knackpunkt, schon mal ein Teil meiner Probleme, dass ich es eben nicht wirklich weiß, was mir genau zusagt. Schön, ich habe ein Studium, aber ob ich dann in dem Beruf wirklich weitermachen will, weiß ich noch nicht, es ist spannend, es gibt viele naturwissenschaftliche Probleme zu erforschen, die Zahlen, die Logik, es beruhigt auch in gewissem Sinn, aber andererseits treffen die dort behandelten Probleme nicht den Kern der Problematik, die mich interessiert. Ich mache ja sozusagen schon seit Jahren ein Privatstudium in Internet, erforsche die Gedanken von Essgestörten und Depressiven, wenn man das so sagen kann, indem ich alle möglichen Blogs verfolge. Weil es mich interessiert, wirklich interessiert, weil ich Psychologie und die Ursachen von Süchten, Ängsten, von Problemen mit dem Leben so spannend finde. Weil ich hoffe, dass ich mich selber dadurch besser kennen lernen kann, weil es mich selber betrifft, weil ich selber drinstecke. Aber das Wissen darum, das eigene Erleben, kann ich ja nicht zum Beruf machen.
Schreiben würde ich gerne, so liebend gerne, weil es mich beruhigt, weil es mich von allen Problemen ablenkt, während ich schreibe, weil ich damit neue Welten schaffen kann, weil ich damit den vielen, so unterschiedlichen Seiten von mir einen eigenen Raum geben kann. Und weil ich es kann, glaube ich zumindest in meinen besseren Zeiten, oder auch mal, wenn ich Komplimente bekomme von Real-Life-Freunden für meinen Real-Life-Blog. Weil Wörter mich schon immer verzaubert haben, weil ich mit ihnen zaubern kann. Wenn sie schriftlich sind. Da fallen alle Hemmungen ab, die ich im mündlichen Leben habe. Aber ich habe Angst. Dass ich eben doch nicht gut genug bin, dass ich niemals jemanden finde, der irgendetwas von mir druckt, dass ich selber versage, einfach irgendwann keine Worte mehr finde, dass ich dann, wenn jemand es drucken wollte, nicht mehr ausreichend schreiben kann, es nicht mehr schaffe, irgendetwas zu formulieren.
Ich traue mich nicht, meinen Traum zu verwirklichen.
Auf jeden Fall brauche ich eine Arbeit, die mir Sinn gibt, frustriert zu Hause hocken zieht mich immer so runter, und irgendwann verliere ich dann auch die Lust, in meiner Freizeit noch etwas Schönes zu machen.

Dann ist es mir wichtig, körperlich gesund zu leben, ausreichend und regelmäßig Sport zu treiben, die Gelegenheit haben, mich wirklich auszupowern, gesund zu essen. Damit meine ich nicht normal im herkömmlichen Sinne, ich finde es unfassbar, was für körperliche Wehwehchen und Schwächen meine normal essenden Freundinnen so haben, während ich zumindest in meinen tendenziell orthorektischen Phasen viel vitaler war, mit meinem Körper viel mehr anfangen konnte. Und Sport ist auch ein wunderbares Ventil, das mich glücklich macht, auch wenn ich es teilweise schon mal ein bisschen ausarten ließ, gar nichts zu machen ist noch schlimmer. Und ich finde es so traurig, dass in der normalen Gesellschaft wirklich gesundes Essen und ausreichend Bewegung als so unwichtig eingestuft wird.
Ja, und für mich gehört zu diesem Aspekt der körperlichen Gesundheit auch eine gute Figur dazu, und ich habe eigentlich Glück, meine Familie väterlicherseits ist sehr schlank, und mein Vater war immer grenzwertig am Untergewicht, also darf ich das auch sein. Klar, zu meinem erfüllten Leben gehört es nicht, wirklich krankhaft dünn zu sein, das wünsche ich mir auch nur in meinen schlechteren Zeiten. Aber es gehört eben auch nicht zu einem erfüllten Leben, oberes Normalgewicht zu haben und chronisch unzufrieden damit zu sein, wie ich es von so vielen Leuten kenne, immer wieder Diäten zu probieren und sich doch nie richtig schön zu finden. Also ich werde später einmal schlank sein, sehr schlank, so wie ich es früher auch immer war.
Dieser Teil gilt vielleicht nicht für jeden, es gibt bestimmt auch Menschen, die mit oberem Normalgewicht glücklich sind, aber ich war immer diejenige, die bei irgendwelchen Sportvorstellungen am liebsten aufgesprungen wäre und mitgemacht hätte, ich war nie glücklich darüber, dass ich auf der Zuschauerbank sitzen musste/durfte, ohne mich so doll anzustrengen wie die auf der Bühne.
Mein Ideal ist dünn und sportlich, und das ist bestimmt nichts, womit ich mir schade (im Gegensatz zu jetzt, wo ich eine dicke Stubenhockerin bin, die allen Mist frisst und gelegentlich mal kotzt).

Ach ja, und irgendwann will ich einmal so stark sein und so viel Individualität entwickelt haben, dass ich mich nicht für alles verteidige, was ich mache, sondern einfach dazu stehen kann und es durchstehe, das gehört auch zu einem erfüllten Leben dazu. Mein letzter Abschnitt war ja eine einzige Rechtfertigung für einen Angriff, der vielleicht niemals erfolgt wäre. Warum habe ich eigentlich immer das Gefühl, mich für mein Leben und meine Meinung rechtfertigen zu müssen? Ich bin Ich, und das darf ich sein. Aber ich lege mir ja sogar Begründungen zurecht, wenn ich in unserem Haus andere Räume als mein Zimmer betrete, Ausreden für etwas, was eigentlich zu meinen Grundrechten gehört.

Soo, zurück zum Thema.

Wichtig für mich ist auch noch eine gewisse künstlerische Betätigung, etwas, womit ich Schönheit schaffen kann. Tanzen zu einer exakten Choreographie, zu passend zusammen gestellter Musik. Fotos machen, die wirklich Kunst sind. Diese eventuell noch nachbearbeiten, am Computer kreativ mit Bildbearbeitungsprogrammen arbeiten. Webseiten gestalten. Musikinstrumente spielen. Singen. Mich selber ausdrücken. Irgendwie gestalterisch tätig werden, eines von den oben genannten Dingen machen.

Ich wünsche mir auch etwas, das mir Sinn gibt, ein Ziel, für das ich leben kann, das mir einen Sinn gibt. Vielleicht etwas Soziales, vielleicht etwas Politisches, vielleicht auch nur ein fester Glauben. Etwas, das mir einen Grund gibt, immer weiter zu leben, gerne Weiterleben zu wollen, etwas, von dem ich an meinem Tod sagen kann, ok, hier habe ich etwas erreicht, ich habe nicht umsonst gelebt. Ich werde weiterleben, es gibt einen Grund, dass man sich gern an mich erinnert.

Dann brauche ich (vielleicht) noch eine erfüllte Beziehung, einen Partner, vor dem ich mich traue, mich weit zu öffnen, einen Mann, den ich wirklich achten kann für den, der er ist, einer, der mir ebenbürtig ist, an meinen positiven Eigenschaften, und auch an meinen dunklen Seiten. Und der trotzdem genug Leichtigkeit in sich hat, um mich ans Licht zu tragen, einer, der nicht gemeinsam mit mir im Sumpf verschwindet. Und der mit mir gemeinsam für ein Ziel kämpft.

Und ich möchte die richtigen Freunde finden, mit denen ich über die wirklich interessanten Sachen reden kann, über Menschwerdung, Psychologie, vegetarische Ernährung, Umweltschutz, Dinge, die das ganze Leben betreffen und nicht nur den Alltag eine Woche in die Vergangenheit und eine Woche in die Zukunft.

Ich möchte auch die richtigen Bücher lesen, die mich immer wieder stärken, aufheitern und weiterbilden könne.

Lernen möchte ich sowieso mein Leben lang, ich möchte Sprachen lernen, Menschen kennenlernen, Reisen, meinen Horizont erweitern, ich möchte nicht auf einem Punkt stehenbleiben, ich möchte mich entwickeln. Immer menschlicher werden, nicht nur Bildung auf dem Papier haben, sondern Herzensbildung.

Und ich möchte immer wieder die Möglichkeit zum Abtauchen haben, nicht destruktiv abtauchen, sondern erholsam, mich vom Alltag mit all seinen psychischen Belastungen erholen, in den Quell des Lebens eintauchen und erfrischt wieder ins Leben treten.
Ich muss nur noch den Quell des Lebens für mich finden, einen Weg finden, wie ich meine Psyche erneuern kann. Vielleicht sind es Spaziergänge bei Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang, vielleicht werde ich einmal am Meer leben und kann buchstäblich abtauchen, bevor ich zurückkomme, vielleicht kann ich auch Yoga lernen oder Meditation.

Vielleicht werden zu diesem erfüllten Leben auch einmal Kinder dazugehören, Kinder, denen ich all die positiven Gefühle aus diesem Text weitergeben kann, Kinder, denen ich einmal Werkzeuge zeigen kann, wie man aus Problemen wie denen, die ich jetzt habe, herausfindet, Kinder, die ich einfach beim Menschwerden beobachten kann.

Nach dieser Erfüllung suche ich, und wenn ich so viel Sinn habe, so viel Leben haben, dann bin ich endlich ganz Mensch geworden, dann werde ich mein Ich gefunden haben.


Der Wert und die Intensität meines Lebens liegt nur in den Stunden wo ich dichterisch produktiv bin, also wo ich gerade das Unzulängliche und Verzweifelte meines Lebens ausspreche.

Hermann Hesse


„Halbherzige ES“ ist die größte Qual

Als ich noch davon überzeugt war, dass Hungern, dass Abnehmen, das Wichtigste ist, da war ich psychisch stabil, freute mich über meine Abnehmerfolge. Mir ging es eigentlich gut. Obwohl ich da rein theoretisch tiefer drin steckte.
Dann kamen kleine Zweifel. Ähm ja, vielleicht ist es doch nicht so richtig, immer dünner werden zu wollen. Dann kamen die Meinungsschwankungen. Eine normale Figur ist doch toll, dann habe ich wenigstens ein bisschen Oberweite. Nein, ich wäre lieber ganz ganz dünn, viel dünner als ich jemals war, dünn bis auf die Knochen.
Dann hungerte ich einen halben Tag, dann fraß ich abends, weil ich mir dachte, ist doch egal, ich muss doch gar nocht abnehmen, ich habe doch eine normale Figur. Dann hungerte ich ein paar Wochen, nahm ab, stellte erschreckt fest, dass ich so viel auf einmal abgenommen habe, fraß wieder ein paar Wochen, und sah wieder aus wie vorher.
Dann wurde ich tatsächlich zu dick, und wurde wieder ein bisschen konsequenter essgestört. Die Zeit, wo bulimisches Verhalten dazu kam. Ein FA am Tag, alles raus, und dann nichts mehr. Die FA wurden kleiner, wurden sinnlos, ich begann wieder das Interesse am Essen zu verlieren, ohne Fressen nahm ich schneller ab.
War wieder mit ganzem Herzen essgestört, war wieder psychisch stabil.
Dann kamen wieder Zweifel, Weihnachten, ich wollte um des lieben Familienfriedens normal essen. Die Bulimie, die Tendenz zum Erbrechen blieb, aber ich strengte mich nicht mehr so an, quetschte nicht mehr alles aus mir raus, und was drinblieb, aufgewühlt und durcheinandergeworfen, verursachte mir Bauchschmerzen, Übelkeit.
Die Tendenz, mit anderen nicht normal essen können, blieb, also musste ich mir ständig heimlich Lebensmittel besorgen, um doch noch nachzuholen, doch noch normale Mengen zu mir zu nehmen. Weil ich ja mal wieder Zweifel am Sinn des Hungerns hatte.
Und der Leidensdruck wuchs, wächst. Essgestörtes Verhalten, das kein Ziel hat, das sich selber kompensiert, Fressen kompensiert mein halbherziges Hungern, Essensverweigern. All die Heimlichtuerei, und doch kein Ergebnis, keine Abnahme, nichts, das (für mein krankes Denken), die ganze Qual rechtfertigt.
Und der Selbsthass steigt, der Gedanke, dass ich viel zu fett bin, nichts zu essen verdiene, der Versuch, doch zu essen, mich einfach mit dem Essen, mit viel zu großen Mengen an heimlich verschlungenem Essen, zu betäuben.
Dauerhaft ungutes Gefühl, Lügen, Heimlichtuerei. Weil ich ja über Weihnachten nicht essgestört sein wollte. Und doch automatisch danach handele.
Ewiger Zwiespalt. Müsste ich nicht mal wieder ein paar Fastentage einlegen? Ich habe zugenommen, mal mindestens an Mageninhalt, an Darminhalt, von der ewigen Fresserei. An Wassereinlagerungen, habe entsetzlich angeschwollene Beine. Traue mich nicht auf die Waage.
Sollte ich nicht doch versuchen, normal mit den anderen mitzuessen? Würde ich wahrscheinlich weniger von zunehmen als von dem, was ich ständig heimlich esse.
Ach, in solchen Momenten möchte ich einfach wieder alles Essen verweigern, hungern, klar, zielgerichtet.
Essgestört. Klar.
Aber nicht so qualvoll wie dieser halbherzige Shit.


Update-Hinweis

Ich habe den Über mich – Text aktualisiert.


Kleiner werden

Ich fürchte, ich blogge wieder zu viel auf einmal. Hab gerade Zeit und Mitteilungsbedürfnis.

Ich bin auf Heimaturlaub. Angereist bin ich als selbstbewusste erwachsene Frau, die von ihren Auslandserfahrungen berichten konnte und ihren Tagesablauf im Griff hatte, und im Laufe der Tage bin ich wieder geschrumpft, bin wieder die depressive Teenagerin geworden, die sich in ihrem Zimmer versteckt und zu nichts mehr Lust hat.

Werde von meiner Mutter immer kleiner gemacht, mir werden immer mehr Schuldgefühle eingeredet, sie hat eine irrationale Wut auf mich, weil ich meinen Tag nicht nach ihren Vorstellungen gestalte. Sie redet kaum noch mit mir, nur über meine Schwester, die es genießt, mich fertig zu machen.

Und ich schrumpfe, fühle mich klein, möchte verschwinden, mich in Luft auflösen.

Als ob mein eigener Hass auf mich selber noch nicht ausreichen würde.

Ich bin wieder perspektivlos und habe Angst vor der Zukunft, die, die ich mir vor wenigen Tagen noch in leuchtenden Farben ausgemalt habe, vor wenigen Tagen, als ich einen Glücksflash hatte, weil ich meiner Familie, meinem Leben, besser entgegentreten konnte als vor meiner Abwesenheit.

Jetzt nicht mehr, jetzt bin ich wieder genau wie vorher, ganz dieselbe Person, ganz das selbe Verhalten, ganz dieselbe Unfähigkeit, mit dieser Situation angemessen umgehen zu können.

Alles wie gehabt.

Ich bin wieder das Kind.

Und weiß, dass ich in meiner Familie niemals glücklich werden kann. Dieser gehässige Umgang. Diese Lieblosigkeit. Diese grausamen Witze auf meine Kosten. Diese Anfeindungen, einfach weil ich da bin, und das Internet benutze. Es könnte ja langsamer werden, wenn man es zu dritt statt zu zweit nutzt.

In diesem Haus darf ich keinen Raum einnehmen, nicht existieren.

Aber fliehen kann ich gerade auch nicht, ich wurde einfach in den Boden eingestampft.

Alle Kraft, mich zu wehren, wurde aufgezehrt, teilweise von ihnen, teilweise von meinem eigenen Selbsthass.

Ich bin platt, klein.

Nur mein Bauch ist dick. Ich betäube meinen Frust mit essen, und über die Feiertage wollte ich es mal drin behalten.

Klein. Fett. Ungewollt. Ich möchte nicht nur psychisch im Erdboden verschwinden, sondern vollständig.

Einfach weg sein.