auf der Suche nach mir selbst

Archiv für November, 2010

Fluchtgedanken

Ich will davon laufen.
Schon immer. Jedenfalls fast, seit ich mich erinnern kann.
Ich weiß noch, wie ich mit 8 Jahren schon richtig konkret wurde, einen Fluchtrucksack bereit hielt, mir genau ausmalte, wie es sein würde, wenn ich weglaufen würde, weg von zuhause, weg von allem, weg von allen. Ich wollte allein irgendwo da draußen wohnen.
Einfach weg.
Später fing ich an zu reiten, und bei jedem Ausritt schaute ich mir die Gegend genau an, wo ich leben könnte. Kannte den Wald genauer als jeder andere, weil ich ja jeden Pfad kennen musste, um dort zu leben, unsichtbar wie ein wilder Wolf.
War immer bereit, allein zu leben, durch meinen Kopf geisterten schon Katastrophen, wie dass unser Haus abbrennen würde, oder meinen Eltern irgendetwas passierte, die mich zwingen würden, draußen zu wohnen.
Interessierte mich für alles, was mir helfen könnte, Nahrungsanbau, Landwirtschaft, Rohkost, warme Sachen, Schlafsäcke, Zelte, Decken, und Rucksäcke.
Ich machte es nicht, aber ich war immer bereit.

Später, als ich älter wurde, lösten sich die Gedanken ab, ich überlegte, in eine eigene Wohnung zu ziehen, berechnete, wie viel Geld ich bräuchte, um gut zurechtzukommen.
Und mein Draußenleben machte ich urlaubshalber, einmal mit Rohkost, und ein bisschen organisiert als Zeltlager, und einmal ganz frei, und es war eine der spannendsten Zeiten, die ich je erlebt hatte, mit anderen Obdachlosen draußen an einem Strand, und ich merkte, es war sehr gut möglich, meine Träume waren nicht nur Spinnereien.

Das Thema verfolgte mich auch in meine nächtlichen Träume, nicht unbedingt das Leben als Obdachlose, aber der Fluchtgedanke, wie oft habe ich nicht irgendwelche Verfolgungsjagden gehabt, sehr real, und immer war ich die Verfolgte, die, die auf der Flucht war, auch wenn es nie einen ersichtlichen Grund gab, warum gerade ich.

Den gab es ja auch in der Wirklichkeit nie.
Und dennoch wurde ich halb paranoid, habe immer reichlich Bargeld für einen Notfall da, falls ich mal schnell wegmuss, freue mich, dass ich auf meiner Kreditkarte, die ich mir sofort mit 18 besorgte, ausreichend Verfügungsrahmen habe, um wasweißichwohin fliegen zu können, und bin immer bereit.

Dann sah ich noch einen anderen Fluchtweg, zumindest aus Deutschland raus, zumindest weg von zuhause, und das ist der Aupair-Aufenthalt.
Und ich floh.
Und bin jetzt hier, und die Gedanken sind stärker als je zuvor.
Jetzt flieh endlich, zieh in den Wald, verschwinde endlich.
Und ich laufe an meinen freien Tagen durch die Gegend, durchsuche den Wald nach einem Platz zum Wohnen.
Und an meinen Schultagen laufe ich durch die Stadt, sehe eine Obdachlose auf ihrer Matratze, und beneide sie, weil sie frei ist.

Ich weiß nicht, wovor ich eigentlich weglaufen will.
Immer wollte ich weglaufen, aber ich hatte eigentlich nie einen Grund. Keinen realen. Nur dieses drängende Gefühl irgendwo in mir.

Vielleicht suche ich nach Freiheit.
Immer, wenn ich mit anderen Menschen zusammenlebe, fühle ich mich unfrei, mache mich selber unfrei.
Traue mich nicht, so zu leben, wie ich es gern würde, weil ich dann die anderen stören könnte, weil ich dann die Erwartungen der anderen Menschen nicht erfüllen würde.
Weil sie mich dann sehen würden, beurteilen könnten, verurteilen könnten, weil ich mich dann ständig so ausgesetzt fühle.
Ich möchte unsichtbar sein.

Und ich lebe nicht im Jetzt, sondern plane immer, wie ich nach meiner Flucht leben werde.
Wie ich dann endlich versuchen werde, Spaß am Leben zu haben.
Während ich momentan selbst in der freien Zeit, die ich in meinem Zimmer verbringe, krampfhaft darauf warte, dass jemand nach mir ruft, und nichts mache, was mir selber Freude bereiten würde.
Warte die ganze Zeit darauf, dass endlich etwas passiert, das mich aus meiner Starre befreit, und bin gefangen in meinem eigenen Selbst, in meinem mir selber auferlegten Warten.

Und träume von einer Heldentat, die mich befreit.
Würde lieber auf im Wald überleben, weil das spektakulärer wäre, als ganz regulär mein Jahr bei der Familie zu überstehen.
Würde mir hinterher lieber selber erzählen können, dass ich draußen fast erfroren wäre, aber meine arme gefangene Seele gerettet habe.
Tja, die Seele, die ich selber irgendwie eingesperrt habe.
Und jetzt bin ich ständig auf der Flucht vor mir selber, will mich befreien, und kerkere mich doch immer wieder ein.

Ok, ein bisschen ist es hier manchmal tatsächlich wie ein Gefängnis, ein Gefängnis aus Pflichtbewusstsein und Konventionen.
Wenn ich abends nach Hause komme, und die schlafenden Kinder aufs Sofa lege, während im Wohnzimmer Klienten der Mutter sitzen, weil es dummerweise gleichzeitig ihr Warteraum ist, dann kann ich mich da absolut nicht wegbewegen, nicht mal meine Sachen wegbringen, weil die Kinder ja aufwachen könnten und vor diesen Fremden schreien, wärend ich dann die doofe Verantwortungslose wäre. Dann hocke ich da, muss Präsenz zeigen, und will gleichzeitig nicht gesehen werden.
Lege mir selber noch Regeln zurecht, darf mich nicht auf dem Sofa zurücklehnen, weil es ja meine Arbeitszeit ist, muss steif da sitzen und für die Kinder bereit sein, sobald sie wach werden.
Und darf nicht mal nachts tief schlafen, weil die Eltern früh weg fahren und ich hören muss, ob die Kinder weinen.
Bin 24 Stunden unter Hochspannung.

Und möchte endlich fliehen, frei sein, lebendig sein, und mal nur für mich selber da sein, und faul in der Ecke liegen, ohne schlechtes Gewissen, weil ich noch nicht den Berg Wäsche gebügelt habe, ohne Angst, ich könnte etwas übersehen haben, was den Kindern nun ganz entsetzlich schadet.

Möchte irgendwo draußen sein, ohne das Gefühl, dass ich die ganze Zeit unter Beobachtung stehe.
Will einfach nur frei sein.
Und angekommen sein, will, dass meine ewige Flucht ein Ende hat, möchte endlich da sein, wo ich bleiben will, wo ich nicht nach kurzer Zeit schon weg will, noch weiter weg von allem.
Jetzt bin ich schon ungefähr 1000 Kilometer von meinem Zuhause weg, und es reicht mir nicht, ich will noch weiter, noch tiefer in alle Schwierigkeiten eindringen.
Mache mir das Leben selber extrem schwer, vielleicht, um später stolz sein zu können, vielleicht, weil ich nicht anders kann.

Und vielleicht muss ich wirklich hier weg, weil ich sonst draufgehe.
Körperlich gehe ich drauf, ich nehme unaufhaltsam zu, während meine Kraft unaufhaltsam abnimmt, ich fühle mich ständig schlapp, und mein Immunsystem kollabiert auch, ich kränkele ständig herum, habe entweder Kopfschmerzen oder Bauchschmerzen oder Übelkeit oder Rückenschmerzen, oder ich fühle mich einfach so zum Umfallen.
Und psychisch gehe ich drauf, mir wird alles egal, ich freue mich über jeden Tag, den ich überlebe, habe meine Unternehmungslust verloren, mache auch an freien Tagen kaum noch was, habe keine Lust mehr zum Schreiben, vor allem nicht an meine Freunde in Deutschland, weil ich die von meiner Depri-scheiße verschonen will, und habe fast alle neuen potenziellen Freunde wieder abgeschreckt, weil ich einfach keinen Bock auf Freunde hatte.

Ok, diese Woche fühle ich mich ein kleines bisschen besser, hatte noch mal an meiner positiven Einstellung gearbeitet, und ein bisschen auf meine Ernährung geachtet, nicht nur die ungesunden FA-Sachen gegessen, sondern auch ein paar Frische.
Und die Mutter war nicht zuhause, und dafür haben Papa und Oma viel geholfen.

Irgendwie fühle ich mich immer besonders energiearm, wenn ich Zeit mit der Mutter verbringe, sie strahlt mir gegenüber irgendwie Kälte aus.
Und erinnert mich unglaublich an meine eigene Mutter, in deren Gegenwart ich mich auch erschöpfter als normal fühlte.
Bei beiden habe ich das Gefühl, dass ich bis zum Umfallen arbeiten muss, um sie zufriedenzustellen.
Bin also wieder auf die selbe Art von Mensch hier getroffen, weil ich zuhause die Beziehung zu meiner Mutter absolut nciht zufriedenstellend aufgearbeitet habe, und anscheinend muss ich das Problem noch lösen, und wenn es eben hier ist, statt in Deutschland, und mit einer fremden Frau statt mit meiner Mutter.
Beide beherrschen mich, ich traue mich nicht, in irgendeiner Form zu wiedersprechen, lieber ziehe ich mich zurück und rede gar nicht mehr.
Und beide sind Frauen, die schon eine Menge spannende Dinge wissen und von denen ich durchaus etwas lernen kann.
Und beide machen mich irgendwie fertig und saugen mir meine letzten Reserven weg.

Und lösen den Reflex in mir aus, ans andere Ende der Welt zu wollen.

Und geben mir das Gefühl, niemals gleichberechtigt neben ihnen existieren zu können.
Und das sehen die lieben Kinder auch so, wenn die Mama zum Vergleich steht, dann bin ich einfach die blöde Kuh, an der man alle Schimpfwörter ausprobieren kann, während die Mama toll und perfekt ist.

Dennoch, die Fluchtgedanken sind nicht rational zu erklären.

Und verfolgen mich doch die ganze Zeit.

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Im Heuhaufen der Illusionen

Kürzlich hatte ich in einem Entrag geschrieben, dass ich bei der letzten Illusion angelangt bin.
Als ob die Illusionen alle schön in einer Reihe angeordnet wären wie bei einem Hindernisrennen. Und wenn ich über die letzte Hürde gesprungen bin, ist alles vorbei.
Nee, ist nicht so, ganz sicher nicht.
Die Illusionen sind alle Heuhalme, in einem großen Haufen zusammengeworfen, und ich krabbele darin herum, suche meine Nadel, und greife immer wieder nach Heuhalmen, wohl auch mal wiederholt, immer wieder dieselben Halme, an die ich mich kralle.
Ein paar Tage dachte ich, wenn ich einfach akzeptiere, dass ich fresssüchtig und fett bin, dann kann mir das helfen, zu überleben, aber das stimmt nicht. Mein Magen macht einfach nicht unendlich viel mit.
Ich hatte ein paar Tage gefressen, zum Schluss ziemlich merkwürdige Sachen wie eine Nutellaartige Creme aus Kakaopulver und ein bisschen Milch, und das Schüsselweise, weil nichts anderes da war (wendet euch alle angeekelt ab).
Und ich war immer mehr down, war froh, wenn ich meinen Weg durch die Stadt noch schaffte, war froh, wenn ich noch lebte, bevor ich abends halbtot ins Bett sinken konnte.
Hatte durchgehend Lust, den ganzen Mist einfach wieder auszukotzen, aber es war mir zu anstrengend.
Einen Morgen bin ich mitten in einem Fressanfall schlapp auf der Couch zusammengesunken, weil ich nicht mehr konnte, nicht mehr fressen, nicht mehr kotzen, nichts mehr, lag einfach auf dem Sofa und heulte. Schleppte mich dann irgendwie durch das Haus, meine Arbeit zu erledigen, packte aber die Sporttasche noch falsch ein.
Und hatte vorher auch alles falsch gemacht, musste noch zur Schule fahren, um etwas zu korrigieren, und war völlig fertig.
Vor allem psychisch, aber jetzt weiß ich, dass man sich auch zu Tode fressen kann, und dass es schneller geht als Hungern, wenn man es durchzieht, so schnell down war ich in meinen Hungerphasen nie, vielleicht ein bisschen müde, aber angenehm müde und nicht so plattgewalzt.
Dann habe ich beschlossen, mir jetzt doch noch einmal Mühe zu geben, und normal und mittelviel zu essen, und dann hat mein Magen beschlossen, wenn ich ihn ja jetzt wieder fair behandele, hat er die Kraft, sich von allem alten Müll zu befreien, und ich bekam Magengrippe, musste mitten in der Nacht aufstehen, und unabsichtlich kotzen gehen, hing da und presste wiederlichen Schleim aus mir raus, während mein Kopf auch beinahe am platzen war, und ich fror und alles weh tat.
Schlich ins Bett zurück, um mich aufzuwärmen, und musste doch kurze Zeit später wieder ins Bad.
Wollte mal wieder sterben, wie eigentlich immer in der letzten Zeit.
Und habe doch überlebt.
Und nichts draus gelernt.
Fühlte mich am Morgen danach merkwürdig taub, hatte keinen Hunger, spürte meinen Körper mal wieder gar nicht.
Als Kind gab es die Regel, dass ich erst einen Tag kotzfrei bleiben musste, bevor ich wieder etwas essen durfte, damals, zu der Zeit, als ich ständig Magengrippe bekam, als mein Magen sich noch wehrte gegen die unnatürlichen Mengen ungesunder Lebensmittel, die er auf Kindergeburtstagen bekam.
Also wollte ich, meiner Gesundheit zuliebe, um endlich wieder Wohlbefinden zu spüren, einen Tag fasten, nicht zum Abnehmen.
Und hab mich schon wieder verneint, ließ mich bequatschen, gab mich der Illusion hin, dass andere nette Leute, die mir etwas anbieten, mehr Ahnung von meinem Magen haben als ich selbst.
Und fraß danach weiter, in der Hoffnung, dass ich mich danach endlich wieder spüre, und wenn ich Schmerzen habe, alles besser als gar nichts zu spüren, als taub zu sein.
Und fühle mich mal wieder sinnlos voll, denn es hat nichts geändert.
Dass Fressen hilft, ist eine schreckliche, überflüssige Illusion.
Und von der menschlichen Natur überhaupt nicht vorgesehen.
Weniger vorgesehen als alles andere, was ein Essgestörter seinem Körper so antun kann.
Monodiäten mit irgendetwas gesundem, Früchten, Reis, Gemüse, schön, kann vorkommen, dass gerade nichts anderes wächst, solange man irgendwann wieder anders isst, kann man damit klar kommen, für eine begrenzte Zeit ist das alles gar kein Problem. So vielfältig konnten die frühen Menschen sowieso nicht essen.
Mal ein bisschen gar nichts essen, weil grad nichts da ist, auch das kann vorkommen und auch damit kann ein ausreichend gesunder, ansonsten gut ernährter Körper leicht klarkommen.
Aber permanent Dinge essen, die dem Körper nicht bekommen, und sie dann erbrechen, das kann einmal vorkommen, wenn man mal versehentlich eine unbekannte Giftpflanze erwischt, aber kein Mensch mit gesunden Instinkten ist so blöd und isst so etwas danach noch einmal.
Und permanent Giftpflanzen essen, ohne dass danach etwas passiert, ist noch unnatürlicher, wenn sogar die Abwehrmechanismen schon nicht mehr funktionieren, au weia.
Und ich ignoriere permanent die Signale meines Körpers, er sagt Bauchweh, iss endlich weniger, er sagt Schwächegefühl, sorg mal für mehr Vitamine und mach mal eine Pause, und ich fresse weiter, arbeite weiter, und merke, dass mein Körper sich immer mehr von mir zurückzieht, dass ich ihn kaum noch spüre, merke, dass sich meine Seele immer mehr zurückzieht, meine Lebensfreude sich verflüchtigt, dass nur noch mein Ego zurückbleibt, meine Gier, und irgendetwas außer mir, das Pflichtgefühl dieser Familie gegenüber, und ich funktioniere wie ein Zombie, nur um denen zu helfen, nur um denen Gutes zu tun.
Weil ich plötzlich noch etwas Kostbares entdeckt habe, Mitgefühl mit den armen Kindern, die fast immer ohne Eltern auskommen müssen, die immer so allein und verzweifelt sind, die mitten in der Nacht Durchfall kriegen, weil der Papa noch nicht wieder da ist, und die ständig in ihre Nachtwindel, die nur für Pipi vorgesehen ist, kacken, weil sie aus lauter Mamamangel-Stress nicht mehr merken, wenn sie müssen. Mitgefühl und auch ein bisschen Liebe.
Und ein frohes Gefühl, wenn ich an all die freundlichen Menschen im Umkreis der Familie denke, die mich fast wie selbstverständlich in ihre Mitte aufnehmen.
Und da soll ich noch fliehen?

Und doch weiß ich nicht, bei all den Illusionen, ist es nicht auch eine, dass ich in diese Familie gehöre, die mich an den Rand des Wahnsinns treibt, die mich völlig ausbrennt, aushöhlt, und nur die leere Zombiehülle übrig lässt. Ist wirklich Mitleid mit ein paar kleinen Kindern wichtiger als dass ich selber dabei draufgehe?
Werde ich noch einen Weg der Koexistenz finden, wo ich selber überleben kann, glücklich leben kann, gesund leben kann, und trotzdem für die Kleinen da sein?

Aber ist es nicht auch eine Illusion, dass es besser werden würde, wenn ich auf die Straße ziehen würde, auch wenn es hier wärmer ist als in Deutschland, dass ich ohne Zuhause, aber auch ohne zerstörerische Verpflichtungen, wieder zu mir finden würde?
Immer habe ich es verschoben, ich wollte es schon als Kind, mal für eine Zeit in den Wald ziehen, habe es dann verschoben, bis ich ein Pferd habe, weil ich dann im Wald beweglicher bin, habe es dann verschoben auf irgendwann später, habe zwischendurch mal einige Wochen Urlaub auf der Straße gemacht, weiß, dass es geht, habe Leute kennengelernt, die sich tatsächlich getraut haben, wollte es einmal die ganzen Semesterferien machen, und musste stattdessen meine Aupairzeit vorbereiten.
Ist es ein Traum, der niemals wahr werden wird, oder ist es etwas, das ich bald verwirklichen werde, weil ich es in der Familie nicht mehr schaffen kann?
Wenn mir der Blick so sehr versperrt ist, ist diese Entscheidung so schwer, soll ich mich fallen lassen in dieses soziale Netz, von lauter wohlwollenden Menschen, die mich trotzdem unbewusst aussaugen, kann ich irgendwie immun werden gegen diesen Vampirismus, oder muss ich aus diesem klebrigen Spinnennetz von Verpflichtungen und Liebe und Leere und Zerstörung schnellstmöglich fliehen?
An einem Tag hat der Junge um sich geschlagen, hat mir wie im Wahn ins Gesicht geschlagen, und ich kann froh sein, dass er mir nicht die Nase gebrochen hat, und bin traurig, dass er mir nicht die Nase gebrochen hat, denn dann hätte er mir die Entscheidung abgenommen, dann wäre ich noch am selben Abend gegangen.

Bin ich fürs normale Sozialleben gemacht?
Krank geworden bin ich, nachdem ich echt einen schönen vergnügten Tag gehabt habe, noch ein paar nette Verwandte kennenlernen konnte, die alle freundlich zu mir waren, als ich echt sagen konnte, ich bin wieder einen Schritt weitergekommen, eine gute Beziehung zur Familie aufzubauen.
Und in der folgenden Nacht schlich ich dann zigmal ins Badezimmer, in der folgenden Nacht tat mir einfach alles weh.
War es, weil ich einfach so viel Nähe nicht ertragen kann, oder war es vielleicht sogar eine Genesungskrankheit, ok, sie mögen mich alle, sie sorgen sich um mich, dann kann ich auch einmal krank werden?
So etwas hatte ich schon oft, dass es äußerlich wirkte, als würden alle Familienbeziehungen (auch in Deutschland) ins Lot kommen, und dann wurde ich krank.
Warnen diese Krankheiten mich, dass ich mich zu weit selber aufgebe, oder sind es Krankheiten der Erleichterung?

Alles ist Illusion, klebt mir schon in den Haaren, in den Klamotten, das ganze Heu, und ich suche eine kleine dumme Nadel, die mich bestimmt stechen wird, bevor ich sie sehe.
Das kleine Ich, meinen eigenen Weg, nicht den ganzen Weg, nur den nächsten Schritt, und dann muss ich in den nächsten Haufen Heu springen.
Wann kommt wieder klare Sicht?


Zootier?

Ich weiß jetzt, wie sich ein exotisches Zootier fühlen muss. Es wird beobachtet, wohlwollend, neugierig, ein bisschen befremdet, aber nicht böse.
Man will, dass es ihm gut geht, dass es so leben kann wie in seiner ursprünglichen Umwelt. Man besorgt alles, wovon man glaubt, dass es dem Tier gut tut.
Und vergisst dabei seine natürlichen Bedürfnisse, ursprünglichen Lebensraum, der fast unbegrenzt ist, Freiheit, und Privatsphäre.
Das Tier versucht sich so gut es geht, damit abzufinden, aber es verhält sich nicht mehr so, wie es das in Freiheit tun würde, gewöhnt sich merkwürdige Macken an, versteckt sich, nicht aus Angst, sondern weil es nicht ständig beobachtet sein will.

Ich bin so ein Zootier gewesen, bin in einem fremden Land als Deutsche, ach wie exotisch, und dazu ernähre ich mich noch vegetarisch.
Und bin eben eine Fremde im Haus.
Also werde ich angestarrt, beobachtet, jeder Bissen, den ich esse, wird registriert, wie ich schlafe, wann ich mich anziehe, wie ich meinen Abend verbringe, was ich am Wochenende mache, alles wird neugierig, fasziniert, und auch verwundert zur Kenntnis genommen.
Isst sie überhaupt was?
Hatte sie ursprünglich nicht vor, jedenfalls am Anfang nicht, weil sie viel zu fett war, aber irgendwie ist es ihr entglitten, was sie aß, und ja, sie isst was, sie isst sogar ziemlich viel, nur eben nicht die Lebensmittel, die ihr hingestellt werden, hurra, als Zootier wird man gefüttert, aber sonst isst sie viel zu viel, wird immer fetter, jaja, Zootieren geht es gut, sie sind nicht so ausgemergelt wie Tiere in freier Wildbahn.
Und sie fängt an, sich in der kleinen Höhle, die für sie aufgestellt wurde, denn auch ein Tierchen braucht ein bisschen eigenen Raum, zu verkriechen. Versucht zumindest am freien Wochenende jeden Kontakt zu vermeiden. Wird merkwürdig, halb verrückt, denn die Gefangenschaft lähmt sie.
Auch wenn man die Käfigtür einen Spalt weit auflässt, ihr ein Auto zur Verfügung stellt, und ihr sagt, sie soll in ihrer Freizeit Ausflüge machen, bleibt sie in ihrem Käfig, hat schon resigniert, und weiß, dass sie ja sowieso immer unter Beobachtung steht, vielleicht nicht im tatasächlichen Sinn, aber sie soll ja doch abends von ihren tollen Ausflügen erzählen, und sie will nichts erzählen, hat nichts zu erzählen, will nicht Tourist spielen, sondern einfach ziellos, ohne zu gucken, durch die Gegend latschen, ohne Uhr, ohne sich auszukennen, sich einfach für einen Augenblick die Illusion von Freiheit vorgaukeln.
Und das kleine Türchen wird wieder geschlossen, und vor ihre Höhle eine Glaswand gesetzt, sie soll doch bitte nicht das ganze Wochenende depressiv in ihrem Zimmer rumliegen, sondern wenigstens frühstücken kommen, hallo sagen, sonst sind die Kinder irritiert, und es wird nie etwas aus einer guten Beziehung zwischen klein Zootierchen und den süßen Kleinen, die das Tierchen ja extra für sich bekommen haben, damit sie beschäftigt sind, wenn die Eltern weg gehen.

Und wenn das süße Tierchen mal mit auf einen Ausflug kommt, dann gibt es auch ein großes Trara, stundenlang wird telefoniert, das Menü abgesprochen, damit das Tierchen auch was essen kann, und alle sehen genau, was es isst, denn die vegetarische Portion wird genau abgeschätzt, vor den Augen aller, und alle fragen ständig, ob es denn auch schmeckt und was es sonst noch will, und beobachten genau, wieviel klein Zootierchen so isst.
Und dann gehen alle auf eine Straßenshow, Theater für Kinder, und Zootierchen kommt mit, versteht sogar das Theater größtenteils, obwohl es erst einen Monat lang die Sprache lernt, und sagt zur netten Omi neben ihr, so etwas ist ganz klasse zum Sprachenlernen, und die Omis strahlen sich an und sagen, oh, es hat ihm gefallen, wie schön, wir konnten ihm eine Freude machen, und fragen noch einmal nach und wollen Bestätigung, und sind glücklich, endlich haben sie das exotische Ding einmal richtig behandelt.

Klein Zootierchen hatte schon Fluchtgedanken, klar, alle sind nett zu ihm, aber es ist eben nicht frei, und es wird immer so behandelt, als sei es auf einer anderen Ebene, eben fremd und merkwürdig, kommt aus einer anderen Kultur, spricht eine andere Sprache, und im Gegensatz zu einem Zootierchen wird es eben nicht nur angeschaut, sondern soll auch arbeiten, den ganzen Tag, während ihm von den Kindern vorgehalten wird, dass es viel zu gut behandelt wird, viel zu oft mit darf zu Vergnügungen und eigentlich doof ist, immer will es ihnen Socken anziehen und sie anschnallen und sie baden, lauter schreckliche Dinge eben.

Aber klein Zootierchen muss keines sein, wenn es selber nicht will, es kann auch ein Mensch sein.
Muss sich mit ganz selbstverständlicher Anmut, ohne schüchternes Verstecken, einfach, als ob es dazu gehört, eben auch ein Mensch ist, verhalten.
Muss sich nur mit so ein paar kleinen menschlichen Verhaltensnormen anfreunden, hallo sagen, zur Frühstückszeit mal runterkommen, sich mit ganz viel Selbstverständlichkeit eine Kanne Tee kochen und sonst nichts, ein bisschen doof vor dem Fernseher rumsitzen, gerade so lange, um allen zu zeigen, dass es ein Mensch ist, und kann dann wieder in seine Höhle gehen, mit einem besseren Gefühl als vorher und genauso viel oder wenig Zeit verplempert, als wenn es im Bett liegengeblieben wäre, bis alle weg sind.
Und mal kurz brav irgendwo hin fahren, wo es schön ist, und hinterher den Ort nennen und sagen, ja, es hat mir gefallen.
So ein paar nette Kleinigkeiten, um zu zeigen, dass man eben kein Zootierchen ist, sondern ein Mensch.
Und immer ganz selbstverständlich die merkwürdigsten Sachen machen, nicht doof mit Ausreden kommen, sondern ganz locker sein und so tun, als ob alles so sein muss. Auch wenn das die anderen nicht machen, ein bisschen kann der Exotenbonus ja genutzt werden.

Ich bin kein Zootierchen, sondern ein ziemlich exotischer Mensch.


Gestrandete Wunschträumerei

Früher habe ich Kataloge gesammelt. Konnte sie stundenlang ansehen und Pläne machen, was ich später einmal kaufen werde, wenn ich reich bin oder sonst eine bestimmte Voraussetzung vorliegt.
Als Kind waren es Reitsportkataloge. Und ich habe für die Zeit geplant, wo ich einmal ein bestimmtes Pferd habe, was ich ihm dann für einen tollen Sattel kaufe, und welche Decke und welches schicke Zaumzeug.
Dann kam die Pubertät und ich träumte von einer tollen Figur, einem größeren Busen und einer schmaleren Taille, und suchte dann die passenden Klamotten und vor allem Dessous heraus, und schaute, welche es in meiner Wunschgröße zu kaufen gab.
Später kam ich dann auf den Ökotrip und den Reichwerd-trip, und guckte Kataloge mit schicken Biomöbeln aus zertifiziertem Vollholz an, suchte mir teure Naturkosmetik heraus und sozial verträgliche Designerklamotten.
Und zum Geldverdienen brauchte ich auch eine passende Büroausstattung, verglich Unmengen von Preisen und Leistungsmerkmalen für verschiedene Drucker und Computer.

Kataloge waren tatsächlich das, womit ich einen Großteil meiner Freizeit verbringen konnte, es gab so viel zu vergleichen und anzuschauen, und es bot mir soviel Platz zum Träumen, ich konnte mir alles bildlich vorstellen, was ich mit den Sachen alles machen würde und wie es wäre.

Das Hobby ist geblieben, die Fähigkeit, verschiedene Merkmale zu analysieren und zu vergleichen, damit stundenlamg Zeit zu verbringen.
Aber worauf ist es jetzt gerichtet?
Es ist wirklich traurig, das zuzugeben, meine Kataloge von damals sind die Supermärkte von heute.
Ich laufe durch die Regale, lese Zutatenlisten, vergleiche Preise, vergleiche Kalorien, denke darüber nach, wo Zucker drin ist, überlege, welches Produkt wieviele Proteine enthält, stelle mir vor, was ich essen kann, wenn ich mal normal bin, mache Essenspläne, überlege, was für das nächste Befressnis geeignet ist, denke nach, was ich wann gern essen würde, manches als Picknick, manhces als Abendessen, manches, wenn ich einen Freund hätte, der das mit mir essen würde.
Bei manchem frage ich mich, ob das überhaupt Lebensmittel sind, ob die irgendwas zu einer Ernährung beitragen, ob die nicht nur für Esssüchtige erfunden wurden, oder für Bulimiker. Leicht in großen Mengen herunterzuschlingen, von der Packung her für Kinder gestaltet, aber nichts, was ich jemals einem Kind geben würde.
Und diese Dinge starre ich traurigerweise lange an, überlkege, was besser schmeckt, wovon ich mehr herunterkriege, was billiger ist.
Dann laufe ich schnell zum Obstregal, zum Gemüse, gucke, was man da alles Leckeres draus machen könnte, renne hin und her, rechne, vergleiche, gucke, was es sonst noch so im Sortiment gibt.
Es macht keinen Unterschied mehr, alles egal.
Unterhaltung, so verbringe ich meine Zeit, wenn ich in einer Stadt auf irgendetwas warten muss.

Wie tief bin ich nur gesunken mit meinem Hbby.
Wie traurig ist das alles.

Und wie schade, dass ich dann viel zu oft die Sachen kaufe, bei denen ich anzweifele, dass man sie essen kann. Und die gerade meine Hauptnahrung darstellen.

Manchmal esse ich sie einfach auf, fühle mich voll und werde dick, und manchmal kommen sie wieder raus. Oben, also am falschen Ende.
Entweder ich hab Bauchweh, weil zu viel drin ist, oder ich hab Halsweh, weil zu viel durchkam.
Am Wochenende habe ich mich tot gestellt, lag zwei Tage fast nur im Bett, meine Gastfamilie fragte mich b ich das bin, tot.
Ich wollte es sein, lag da und wollte sterben, weil es mir zuviel wird, das ganze Leben, die ganzen Schmerzen, die Kinder, alles.
Ich wollte nicht mehr existieren.

Und stehe es doch durch, igrnedwie.
Halte es nicht ohne Esserei aus, nur die erinnert mich daran, dass ich existiere.
Ich bin überfordert, arbeite rund um sie Uhr, kriege bald Burnout.
Halte mich mit fressen am Leben.
Will nicht fett werden, manchmal kotze ich alles raus, manchmal ist es mir egal, dann bleibt es eben drin.
Ich überlebe eben, geradeso.
Bin eigentlich schon tot.
Habe habe versprochen, zugestimmt, dass ich ein Jahr da bleibe, ist ja als Aupair so üblich.
Und die brauchen ,mich, das Kind als Opfer., um wild um sich zu treten, zu schlagen, wenn es die Eltern vermisst, verzweifelt ist, weil es keinen mehr hat, die Eltern, um guten Gewissens stundenlang arbeiten zu können, praktisch rund um die Uhr.

Und ich überlege, ob es besser für mich, meine Menschwerdung ist, wenn ich auch unangenehme Situationen durchstehen kann, zäher werde, einmal etwas bis zum Schluss durchhalte und stolz darauf sein kann, oder ob es besser ist, wenn ich lerne, rechtzeitig zu fliehen, bevor es brenzlig wird, ob ich nicht zu meinem eigenen Schutz so schnell wie möglich da weg sollte.
Und ob es einfacher ist, das durchzustehen, wenn ich mich bemühe, normal zu essen, oder iob es einfacher ist, wenn ich als kleinen psychischen Ausgleich mein heimliches Fressen habe. schon ernsthaft, on
Eins ist klar, ich werde aus dieser Situation etwas lernen, eztas fürs Leben, und es ist eine tolle Erfahrung, eine einmalige Chance, mehr Erfahrung auf einmal zu machen als viele sonst in vielen Jahren machen.

Und trotzdem, ich bin unentschlossen, wie ich weiter machen soll.

Manchmal ziehen fantasien durch meinen Kopf, phantasien, die ich von Kind an hatte, Träume, einfach auszuziehen, weg von allen, in den Wald, und gucken, dass ich von dem überlebe, was da ist.
Den Traum, einmal auf mich ganz allein gestellt zu überleben, und daraus Kraft und Zähigkeit für mein ganzes Leben zu bekommen.
Hier wäre es möglich, es ist wärmer als in Deutschland, ich könnte draußen leben, und auch zum Essen wächst da genug, wenn man weiß, wo man suchen muss.
Es würde gehen, und ich weiß nicht, welche Erfahrung wichtiger für mich ist, die vom Draußen leben, überleben, oder die, endlich in der Ziviloisation zu leben, als Mensch, und endlich zu lernen, wie andere Leben.

Die familie sagt, ich soll mich dem familienleben noch mehr anschließen.

Und eine Stimme in meinem Kopf sagt, hau ab, es war immer dein Traum.

Mein Herz, mein bauch, sagen gar nichts.

Oder ist die kleine Stimme aus meinem bauch gekommen.

Oder nur ein Traum aus vergangenenr Zeit?

Ich weiß es nicht, weiß nichts, bin leer und doch so voll, körperlich überfüllt, zeitlich völlig audsgefüllt, und mein Denken und Fühlen ist leer, nicht existent.

Ich fürchte, ich habe viele Rechtschreibfehler hier rein gefuckelt, mein Browser spinnt, und ich schreibe blind.

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