auf der Suche nach mir selbst

Archiv für Oktober, 2010

Ode an den Körper

Ein menschlicher Körper ist etwas Wunderbares.
Egal, was man mit ihm anstellt, meistens funktioniert er trotzdem.
Er ist unglaublich flexibel, kann mit Dicksein umgehen, kann mit Dünnsein umgehen.
Bietet Platz für die Seele, ermöglicht uns das Leben.
Ich kenne einen kleinen Jungen, eine Frühgeburt, dessen Körper nur wenig Essen verträgt, sonst wird ihm schlecht. Er ist viel kleiner und vor allem viel viel dünner als die übrigen Jungen seines Alters. Trotzdem spielt er Fußball, kann rennen, hat Kraft, hat Lebensfreude. Lebt einfach und nutzt seinen Körper optimal, obwohl er eher wie ein Schaf mit zuviel Würmern aussieht.
Ich kenne eine Mutti, mit ausgeleiertem Bauch und nach klassischem Schönheitsideal nicht so guter Figur. Aber sie hat hübsche Gesichtszüge und vor allem aus den Augen strahlt eine solche Schönheit und Weisheit und so viel Liebe.
Ich kenne eine Schwangere, eher zierlich, aber mit sehr rundem Bauch, und die Frau ist von den Gesichtszügen her einfach total süß.
Ich habe eine frühere Schulkameradin, dick, aber hübsches Gesicht und schöne Locken, und intelligent und lebhaft.
Sie alle haben ein Wunderwerk von Körper.
Waris Dirie ("Wüstenblume") ist tagelang durch die Wüste gewandert, ohne Nahrung, sogar ohne Trinken, und auch ihr Körper hat das mitgemacht, hat überlebt.
Auch mein Körper ist ein Wunderwerk.
Er funktioniert noch genauso gut wie mit 15 Kilo weniger, er hat auch noch ähnliche Proportionen, er ist nur eben ein bisschen mehr.
Und ich muss ihn bewundern, was er alles schon mitgemacht hat und mir trotzdem immer verhältnismäßig treu seine Dienste leistet.
Er hat bereitwillig bei mehrmaligem Fasten mitgemacht, hat sich sogar jedesmal schneller umgestellt.
Er hat auch noch jede Monoernährung mitgemacht, holte sich aus meinen Reisdiäten noch das Beste heraus.
Er konnte auch überleben, wenn ich ihn mit einer Tortur aus Süßigkeitenexcessen und hungern quälte, sogar, wenn ich ihn völlig überernähre, funktioniert er trotzdem weiter, leistet treu seinen Dienst.
Ich kann immer noch rennen und auf Bäume klettern, einfach ein bisschen Spaß mit ihm machen, ich habe es ausprobiert.
Und obwohl er jetzt fett geworden ist, macht er auch bei Extremen noch mit, kann durch tiefe Schluchten klettern und mich steile Felswände hochtragen, unter mir ein Fluss. Ist noch geschickt und ausdauernd und kräftig genug, um mich aus diesem tiefen Flussbett wieder herauszubringen, will sich gemeinsam mit mir selber retten, statt auf Helfer von außen zu warten.
Mein Körper ist nicht mehr wunderschön, aber er ist nutzbar, ich kann alles mit ihm machen.
Wie ein altes Auto, das ich überall parken kann, ohne Angst vor weiteren Schrammen zu haben.
Mein Körper ist gezeichnet, aber stark und geschickt.
Ich habe Bauchspeck angesetzt, Hüftspeck angesetzt, Beinspeck angesetzt, einen dicken Hintern gekriegt, trotzdem ist es immer noch derselbe wie damals, und fühlt sich ähnlich an, ob ich nun Knochen spüre oder Fett, macht in seiner Funktion gar nicht so einen Unterschied.
Ein Körper ist anpassungsfähig, es ist ihm egal, ob ich dick oder dünn bin.
Ich sollte es nur nicht ausschließlich sein, nicht meine ganze Zeit mit Dicksein und Dünnsein verschwenden, als Dicke nicht zuhause hocken und mich nicht raus trauen und mich noch dicker fressen, als Dünne nicht nur Kalorienzählen und alles Spaßessen mit Freunden vermeiden.
Mein Körper ist nicht dazu da, irgendeinen Zustand, ob dick oder dünn, zu erhalten, sondern er ist zum Benutzen da. Sonst rostet er ein.
Er ist dazu da, Extremsituationen wie Canyoning und Wüstenwandern zu durchstehen, er ist auch zum Spaßhaben da, ist etwas Sinnliches und soll auch Schön sein, aber eben nicht ausschließlich.
So einen zauberhaften Körper sollte ich nicht länger mit falscher Nahrung, die ausschließlich dick macht und sonst nichts enthält, quälen, sicher, er macht mit, aber es muss ja nicht sein. Er hat das verdient, was er braucht, im Moment werden das wohl hauptsächlich vitaminreiche, frische, energiearme Sachen sein, und im Winter sollte ich ihn mit warmen Gemüsesuppen aufmuntern.
Er sollte wie ein Wunderwerk behandelt werden, und ich sollte diesen Text im Gedächtnis behalten.
Morgen schon werde ich ihn vielleicht wieder hassen, weil er so fett ist, ganz sicher sogar, gestern hatte ich auch diesen Glücksflash und Körperliebhabflash, und heute Morgen verabscheute ich ihn schon wieder, aber solange ich mich regelmäßig daran erinnere, dass er im Grunde ok ist und zu mir gehört, ist es ok.
Merkwürdig nur, dass ich mit ihm in Extremsituationen besser zurechtkomme, mehr eine Einheit mit ihm bilde. Sonst ist er ein abgespaltener Teil von mir, ich spüre ihn kaum, und ärgere ihn und sage, dass er doof ist und es verdient hat, hässlich und fett zu sein. Wenn es ums gemeinsame Überleben geht, wenn ich mich verirre und eine Abkürzung durch eine Schlucht nehme, so eine Art Freestyle-Canyoning ohne Seile und sonstige Absicherungen betreibe, dann fühle ich mich wohl in ihm, spüre ihn, bin eins mit ihm, liebe ihn.
Wenn ich ihn im Alltag kaum nutze, gar nicht sein großes Bewegungspotenzial entfalte, dann ist er mir völlig egal.
Vielleicht deshalb auch meine Verhaltensweisen, die unter ES fallen, wenn ich hungere, bin ich auch in so einer Extremsituation, wo es ums gemeinsame Überleben geht, wo ich ihn mehr spüre. Und wenn ich ihm wehtue, soviel Essen reinstopfe, dass es schmerzt, dann spüre ich ihn, mich, weil ich den Schmerz spüre.
Wenn mein Wunder in der Gefahr ist, aufhören, ein Wunder zu sein, dann bemerke ich es, spüre den drohenden Verlust, kann seine Eigenschaft als Wunder erkennen.
Dann kann ich das Wunder, meinen eigenen, großartigen Körper, ganz unglaublich lieb haben.

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Die letzte Illusion

Ich war in so vielen Illusionen verstrickt. Habe versucht, sie zu lösen.
Und jetzt bin ich vielleicht bei der letzten angelangt.
Die Illusion, dass ich eine der Essgestörten bin, die in Kürze Untergewicht erreichen oder es schon haben, eine von denen, die sich aushungern, fast zu Tode hungern.
Nein, zu denen gehöre ich nicht, schon lange nicht mehr.
Freitag gewogen, ich wollte nicht mehr vor der Wahrheit die Augen verschließen. Vorher Gewicht geraten, nur 300g verschätzt.
BMI 23,986678
Ganz knapp nicht übergewichtig. Oder eigentlich doch übergewichtig.
Ich bin ein fettes Monster, selber fand ich das schon lange, jetzt ist es auch offiziell so.
Es ist eine Illusion, dass ich essen muss, um gesund zu sein, es ist schon lange in die andere Richtung umgeschlagen, ich bin fresssüchtig geworden.
Es ist eine Illusion, dass ich nur in meinen Augen fett bin, dass ich für andere noch immer dünn aussehe, dass ich einen Vorsprung im Schlanksein habe und mir ein paar nette Fressanfälle leisten kann.
Vielleicht fresse ich nur, um die Illusion aufrecht zu erhalten, dass ich von Natur aus eine schlanke Figur habe, dass ich Untergewicht haben darf, weil ich nur durch doppelte Portionen Normalgewicht halten kann.
Um mir vorzugaukeln, dass ich leicht wieder Richtung Untergewicht rutschen kann, wenn ich einfach wieder reduziere.
Ich fresse, bis ich Bauchweh habe, um mir vormachen zu können, dass ich eigentlich mit weniger Essen viel gesünder lebe, mich wohler fühlen kann und Miniportionen gerade richtig für mich sind, denn von den Großen fühle ich mich ja unwohl.
Alles nur Illusionen, die Wahrheit ist längst, dass ich einfach zu viel esse, mehr als jeder normale Mensch, und unaufhaltsam zunehme. Dick werde.
Diät halten bald ein Zwang ist, weil ich sonst unmöglich fett werde.
Manchmal hungere ich mal einen Tag oder zwei, um den Schein aufrechtzuerhalten, mir selber zu zeigen, dass ich es noch kann, aber die Ausdauer darin habe ich schon längst verloren.
Wenn ich esse, nenne ich das Fressanfall und stopfe mehrere Mahlzeiten am Stück in mich hinein.
Vielleicht sollte ich mich von all meinen netten kleinen Fresslügen befreien.
Diese Illusion ist eine der letzten, die ich zu meinem Essproblem noch habe. Bald ist es durchschaut, kann mich nicht mehr anlügen, kann mir nicht mehr diktieren, wie ich am besten esse, um mich am besten kaputt zu machen.
Und dann muss ich wieder abnehmen. Ein bisschen, wie jeder normale Mensch, der ein bisschen übergewichtig ist.
Ein bisschen auf meinen Körper achten, mich nicht so gehen lassen, lieber selber mehr gehen.
Nicht alles Essen radikal streichen, sondern ein bisschen reduzieren.
Genau das, was ich nicht gut kann.
Entweder ich lerne es, oder ich baue mir einen neuen Berg von Illusionen auf, wo ich mich hinter verstecken kann.
Die Illusion, dass ich nichts mehr essen darf, da ich ja jetzt fett bin, da ich ja auf Vorrat für die nächsten Monate gegessen habe, und einfach nichts mehr brauche.
Und dann kann ich mir einen netten neuen Kreislauf aufbauen.
Oder ich kapituliere einfach vor meiner Fresssucht, werde hübsch rund übergewichtig und fresse allen was vor und brauche alle zwei Monate neue Klamotten.


Das Leben ist anstrengend

Mich scheinen so viele Menschen zu mögen und auf mich aufzupassen. Und genau das wird mir oft zu viel, dann will ich mich einfach nur noch auflösen.
Am Mittwoch, als ich den ersten Tag nach einem langen depressiven Wochenende wieder zur Schule musste, saß ich im Bus, starrte raus auf die Straße, und sah die Welt nur in Grau, in Schwarzweiß. Ich schaltete meine Handykamera ein, wollte meine Wahrnehmung vergleichen, und es erschien mir so passend, als ich den Schwarzweiß-Effekt aktivierte. Eine Welt ohne Farben.
An der Busstation wartete mein Kumpel auf mich, der immer noch mein Freund sein will, und ich lief vor ihm davon. Als er mich einholte, sagte ich ihm, dass ich allein sein wollte. Sah ihn kaum, alles schien zu verschwimmen. Ich verschwamm.
Und mein Bauch tat schon weh vom morgendlichen Fressen, und ich rannte zum nächsten Supermarkt, holte Nachschub. Stopfte alles im Klo in mich rein, öffentliches Essen ist mir zu peinlich. Wollte Kotzen, aber auch nicht, und ich habe es gelassen.
Aber irgendwie hat mich diese Misshandlung meines Magens erleichtert, und ich konnte in der Schule eine fröhliche Maske aufsetzen.
Am nächsten Tag beschäftigte ich mich in meiner Fresszeit mit Nüsseknacken, wir haben einen eigenen Baum im Garten. Legte mir einen großen Vorrat zu, beschloss mal wieder, endlich meine Ernährung umzustellen und allen ungesunden FA-Mist wegzulassen.
Musste vor der Schule wieder meinen Möchtegernfreund treffen, und er erzählte mir, wie traurig ich am Vortag ausgesehen hatte, man sah mir wohl an, dass ich alles nur in Grau sah. Traf später beim Kinderversorgen weitere Mütter, und sie waren alle so lieb und freundlich zu mir, obwohl ich kaum ihre Sprache verstehe, wir verstehen uns trotzdem ganz gut.
Und abends fragte mich mein Gastvater besorgt, warum ich denn immer so wenig esse.
Ich kann vor anderen einfach nicht viel essen, es passiert automatisch, dass ich da einspare.
Und außerdem esse ich nicht wenig, im Gegenteil, ständig habe ich Magenschmerzen, und habe das Gefühl, immer fetter und fetter zu werden, ich bin froh, wenn ich noch was zum Anziehen finde.
Nur vor ihm esse ich eben nicht.
Sagte freundlich, dass ich keinen Hunger mehr habe und müde bin, ging in mein Zimmer und aß meinen Nussvorrat auf. Alles. Und es war viel.
Aber es half. Bin nicht mehr so überzuckert, kann klarer denken, normaler essen. Glaube ich.
Naja, die Nüsse wirkten abführend, mein Bauch ist angenehm leer. Und ich überlegte, ob ich fressen sollte oder nicht, stand ewig im Laden rum, und entdeckte einen ganz tollen Lightjoghurt mit 47 kcal pro Becher. Und hatte zuhause das Gefühl, einer reicht mir schon.
Ich bin nicht normal, oder?
Wenn mein Bauch voll ist, dann kaufe ich noch mehr Dickmacher ein und esse sie auch alle auf, und mit leerem Bauch will ich nichts kaufen und am liebsten nichts essen. Kaufen Normalos nicht eigentlich mehr, wenn sie Hunger haben, und weniger, wenn sie satt sind?
Ein paar Tage hier glaubte ich, ich würde normal essen, aber ich reduziere automatisch, oder wenn nicht, lasse ich das Abendessen weg.
Oder ich esse vor anderen normal, und heimlich noch mal ca. das Doppelte.
Normal geht nicht, oder wenn es doch sein muss, wie am Wochenende, als ich ständig beobachtet wurde und mich moralisch zum Essen verpflichtet fühlte und keine Vorräte für weiteres Essen hatte, wurde ich depressiv.
Mein bescheuertes Essverhalten wirkt als Antidepressivum.
Seit ein paar Tagen sehne ich mich nach Sport, möglichst intensiv, und am liebsten die halbe Nacht lang. Am liebsten würde ich mir einen Crosstrainer kaufen.
Und kürzlich bin ich nachts aufgestanden, habe Berechnungen durchgeführt.
Habe das ideale Normalessen gesucht, und sogar ausgerechnet, wieviel Eiweiß ich esse und wieviele Kalorien das sind und ich habe ausgerechnet, wie viel mich das pro Monat kostet.
Gesunde Ernährung, die sogar ausreicht, ist möglich, auf dem Papier.
Es kam mir viel vor, wenn ich mir das so vorstelle auf Tellern und als Mahlzeiten.
Aber es ist wenig, wenn man meine Fressmengen bedenkt.
Ich würde es mal gerne eine Woche testen, einfach so, um zu gucken, wie es sich anfühlt, in echt normal zu essen, so wie ich es normal finde und nicht ein übergewichtiger Gastpapa oder Menschen, die nicht Vegetarier sind und deshalb ihre Nahrung anders zusammensetzen. Ich möchte sehen, ob dann meine Wassereinlagerungen verschwinden und ob ich mich fitter fühle, statt schlapp wegen Überfüllung oder wegen Leere.
Ich würde es gerne mal probieren, aber ich kann es meiner Gastfamilie nicht sagen, weil ich dann von meinem Problem erzählen müsste, und wenn ich ihnen es nicht sage, wird es nicht funktionieren.
Geht also nicht, ich muss weiter rummurksen, und hoffen, dass es sich irgendwann bessert.
Oder ob ich wenigstens mal konsequent beim Wenigessen bleiben kann, statt ständig zu wechseln, damit meine Klamotten endlich wieder locker sitzen, statt so zu spannen.
So viele Hoffnungen, so viele neue Freunde.
Und ich suche nach einem Mauseloch, wo ich verschwinden kann.
Aber heute sehe ich die Welt wieder in Farbe 🙂


Abwege

Mein Lebensweg existiert, manchmal kann ich ihn erkennen.
Kürzlich war ich in einem Buchladen, und da schimmerte er mir wieder entgegen. Die ganzen Buchtitel, die mich daran erinnerten, was Leben eigentlich sein kann, was mein eigenes Leben eigentlich sein kann. Wieviele faszinierende Facetten es doch gibt.
ich fühlte mich für einen kurzen Augenblick angekommen, glücklich, wusste, auf diesem Weg kann ich weiter gehen, mit diesem Lebensgefühl.
Konnte es noch ein bisschen nachspüren, ging in einen wunderschönen Park, sah eine eindrucksvolle alte Stadtmauer und genoss diesen Anblick.
Und dann war es weg. Ich habe mich wieder ablenken, vom Weg ins Dickicht locken lassen.

Im Buch "Die Wolfsfrau" las ich die Geschichte von Manawee und seinem kleinen Hund, der eine Braut suchte. Er fand zwei Mädchen, aber deren Vater stellte die Bedingung, dass er die Namen der Mädchen erraten sollte, bevor er sie heiraten durfte. Manawee schaffte es nicht, aber sein Hund rannte zu den Mädchen und erlauschte die Namen.
Mehrfach rannte er zu seinem Herrn zurück, wurde aber durch herrliche Gerüche abgelenkt und fraß die Dinge, die ihn anlockten, auf. Nach dem Fressen vergaß er aber jedesmal die Namen und musste wieder von vorn beginnen.
Beim letztenmal war er so hartnäckig und ließ sich durch nichts mehr ablenken, aber wurde aus dem Hinterhalt angegriffen und musste sich nun auch noch gegen eine Gewalt von außen wehren. Er hielt durch, bekämpfte den Angreifer mit seinen Zähnen und rannte nach Hause, um Manawee die Namen zu verraten, der nun die Mädchen heiratete.

Einige Zitate von Clarissa P. Estès:
"Gelüste sind zumeist recht harmlos wirkende kleine Taschendiebe, die uns aber auf Dauer die Zeit und die Libido stehlen. C.G. Jung erklärte in diesem Zusammenhang, dass der menschlichen Begierde eine gewisse Kontrolle auferlegt werden müsse. Sonst hält man sich […] mit jedem herumliegenden Knochen und jedem Kuchen am Wegesrand auf."
"Uns allen wird eine Vielzahl von verlockenden Knochen in den Weg gelegt. Im schlimmsten Fall ist es eine alte Sucht, die […] uns beinahe in den Ruin getrieben hat. Aber selbst, wenn wir tausende Male versagt und die Namen zehntausend Male vergessen haben, müssen wir es immer wieder von neuem versuchen. So lange, bis wir den Versuchungen am Wegesrand widerstehen und die primäre Arbeit vollenden können."
"Überall am Weg liegen Knochen bereit, saftige, schöne, interessante, aufregende Knochen. Aber sie erzeugen eine Art von Gedächtnisschwund, bei dem man nicht nur vergisst, auf welcher Stufe der Arbeit man sich befindet, sondern dass man überhaupt je an etwas Essentiellerem interessiert war."
"Im Koran heißt es, dass der Mensch eines Tages Rechenschaft ablegen muss über alle gottgewollten Freuden, deren Genuss er sich auf Erden versagt hat. Ein guter Rat. Dennoch kann zuviel oder selbst ein kleines bisschen Genuss zur falschen Zeit zu einem Bewusstseinsverlust führen, der uns teuer zu stehen kommt. […] Es dauert Wochen, manchmal Monate, bis man sich von einem Ablenkungsausflug erholt hat und an den Ausgangspunkt zurückkehren kann."

Wie oft schon war ich ganz nahe an meinem wahren Ich, ganz nahe an dem Weg, den ich suche, bevor mich wieder etwas abgelenkt hat, sei es eine Fressphase, oder dumme Spielchen am Computer, oder einfach rumsitzen und warten auf bessere Zeiten. Wo mich aber definitiv das Fressen am meisten ablenkt.
Immer wieder gleite ich in mein essgestörtes Verhalten zurück, und merke, wie schnell die Zeit verfliegt, dass ich psychisch einfach still stehe, wenn ich mich nur von FA zu FA hangele. Dann passiert einfach nichts, ich kann immer wieder von vorn beginnen, und manchmal vergesse ich, dass ich eigentlich noch andere Interessen habe, als mit Essen rumzuexperimentieren, ob ich es einmal schaffe, es zu genießen, statt es einfach reinzuschlingen.
Und doch reizt mich es immer wieder, dieses betäubende Gefühl des Fressens, reizt mich mehr, als meine Ziele, ich gebe mich dem hin, denke mir, das ist doch einfach ein bisschen Genuss, rede es mir schön, dann denke ich gar nicht mehr, irgendwann merke ich, das war es doch nicht, was ich suchte, aber weiß auch nichts Besseres, habe einfach alles vergessen, und versuche wie ferngesteuert alles rückgängig zu machen. Was nicht funktioniert, und falls es doch funktionieren würde, hätte ich doch wieder kostbare Lebenszeit verloren.
Diesmal habe ich Glaubersalz genommen, und als es nicht befriedigend funktionierte, noch mal, und dann ist mein Immunsystem kollabiert und ich bekam eine Art Grippe, mit Nase zu, Stimme weg, frieren, schwitzen, Bauchweh, Kopfweh, Übelkeit. Und der schöne Moment aus dem Buchladen war futsch.

Ich bekomme wieder den Wunsch, davon zu laufen, vor mir selber, vor meinem jetzigen Leben, vor meinem Essverhalten, einfach wieder zu verschwinden. Genau wie ich es mit meinem Leben in Deutschland gemacht habe.
Meine Gastmutter ist meiner eigenen Mutter zu ähnlich, und die Beziehung zu ihr ist nicht aufgearbeitet, ich finde es schwierig, mich damit immer wieder zu konfrontieren.
Sie behandeln mich alle so freundlich, und manchmal fühle ich mich wie der letzte Dreck und würde auch gern so behandelt werden.
Ich habe schon wieder, genau wie in Deutschland, einen Typen am Hals, der an mir interessiert ist und viel zu oft anruft, ohne dass ich an ihm interessiert wäre.
Ich habe schon wieder den Wunsch, möglichst häufig alleine zu sein, und doch genieße ich die Zeit alleine nicht, sondern fühle mich einsam, beschäftige mich mit dummen kleinen Ablenkungen.
Habe schon wieder diese große Unsicherheit in mir, weiß nicht, ob ich erwünscht bin, wenn ich ins Wohnzimmer gehe, weiß nicht, wie ich mich da verhalten soll, einfach aufs Sofa setzen und fernsehen, hektisch herumrennen und gucken, ob es noch Arbeit gibt, weil das ja hier ein Job ist.
Weiß nie, wenn etwas zu Essen hingestellt wird, ob ich mich daran schon sattessen soll (oder auch nicht), oder ob es noch einen weiteren Gang gibt, und ich mich extrem zurückhalten muss, weil ich davon auch noch was essen soll.
Kann nicht vor mir davonrennen, weil es regnet und ich krank bin, muss also zwischen meinem Zimmer und dem Wohnzimmer entscheiden.

Würde so gern alleine wohnen, selber planen, wann ich esse, und nicht ständig in der Angst leben zu müssen, noch etwas Unerwartetes angeboten zu bekommen.
Nicht ständig in der Angst leben zu müssen, mich falsch zu verhalten, weil ich mit anderen Werten aufgewachsen bin.
Möchte ganz anonym und allein irgendwo wohnen, wo ich die Möglichkeit habe, manchmal so zu tun, als ob ich nicht existiere.

Ich fühle mich manchmal wie ein interessantes Zootier, mich wird ganz bestimmt keiner bei irgendwas stören, solange ich nur brav in meinem Käfig aus gutem Benehmen und guter Arbeit bleibe, aber ich bin doch ständig unter Beobachtung, meine Gastfamilie interessiert es, was ich mache, was ich unternehme, und das Meiste bekommen sie ohnehin mit.
Manchmal möchte ich einfach unbeobachtet sein, nicht mal unbedingt, weil ich Sachen machen möchte, die keiner sehen soll, aber um mich frei zu fühlen.
Wenn jeder weiß, was ich mache, setzt mich das extrem unter Stress.
Ich möchte unsichtbar sein.

Manchmal vergesse ich das alles für einen Augenblick, spiele einfach fröhlich mit den Kindern, aber diese Momente sind kurz, viel zu kurz, um die Fröhlichkeit länger genießen zu können, und lang, viel zu lang, denn bin ich, die mal eine der Besseren in ihrem Studium war, wirklich dazu bestimmt, albern wie ein kleines Kind herumzurennen?
Wieso verschwende ich meine Zeit mit launischen Kindern, mit denen ich manchmal sehr gut klarkomme, manchmal gar nicht?
Nur weil mir nichts besseres einfällt, nur weil ich nicht weiß, ob mein Studium das Richtige für mich ist, nur weil ich weiß, dass ich mich zu Hause vermutlich vollständig kaputt gemacht hätte.
Und jetzt bin ich hier, fest entschlossen, das Jahr durchzustehen, und doch freue ich mich schon auf die Zeit, wenn ich wieder umziehen kann.
Doch trotzdem, ich habe mich jetzt schon verändert, entwickelt, irgendwie, und ich glaube, das Jahr wird schon was bringen.
Und vielleicht schaffe ich es irgendwann auch noch, nicht nur mein Blog vollzujammern, sondern ernsthafte Texte zu schreiben, die für die Veröffentlichung geeignet sind, vielleicht schaffe ich es, meinen Weg als Autorin zu finden.
Oder vielleicht kann ich auch nach meiner Rückkehr mein Studium mit neuem Interesse fortführen, endlich als verantwortungsvolle selbstständige Studentin, statt als trübsinniges Kind, das sich irgendwie seine Scheine zusammengrabscht, ohne eigentlich zu wissen, wie.

Ich hoffe, ich kann aus diesem Jahr noch mehr herausholen, denn sonst hätten ja diese wenigen Wochen gereicht und der Rest wäre verschwendete Zeit.
Vielleicht kann ich an meiner Gastmutter mein Verhältnis zu meiner Mutter klären, vielleicht kann ich an meinem Verehrer mein Verhältnis zu Männern klären, und vielleicht werde ich ja doch noch sozialverträglich und will nicht ständig einsam sein.

Und doch hat schon wieder Lähmung mich ergriffen, das Gefühl, hier zu sitzen und nichts machen zu können, nicht zu wissen, was ich machen soll, keine Kraft, aufzustehen, Unsicherheit, wie ich mich verhalten soll.

Heute Nacht habe ich mal wieder Unsinn geträumt, ich war auf einem Jahrmarkt, und als ich kam, wurden die Karusselle gerade alle abgeschaltet. Als ich mich bei meiner Mutter beschwerte, meinte sie, das hätte ich doch alles verursacht, indem ich mich langsam absterben ließ, würde auch alles andere absterben, der ganze Jahrmarktsbetrieb, alles wegen mir.
Ja, ich habe mich absterben lassen, aber gerade im Traum, versuchte ich nicht dadurch, dass ich auf den Jahrmarkt ging, wieder zum Leben aufzuerstehen? Und in der Realität, versuche ich nicht gerade auch, mir wieder ein Leben aufzubauen?
Lasse ich mich wirklich immer noch absterben?
Ja, ich habe ständig den Wunsch, mal für ein paar Stunden zu verschwinden, und ich formuliere es im Kopf auch so, dass ich gern für ein paar Stunden sterben würde, aber ist es wirklich so schlimm?

Irgendwie schwirrt mir grad der Kopf, ich weiß nicht, was ich will. Sterben? Meinen Weg finden? Lebendig sein? Unsichtbar werden?
Ich irre gerade völlig ziellos durch meine eigene Psyche, weiß nicht, was mit mir los ist.
Mein Kopf dreht sich, mir ist psychisch schwindelig, wer bin ich?

Ich lese den Untertitel des Buches "Die Wolfsfrau": "Die Kraft der weiblichen Urinstinkte". Haben meine Instinkte noch Kraft? Ist nicht mein zerstörerischer Aspekt viel stärker als mein starker wölfischer? Liege ich nicht gerade plattgewalzt am Boden, aller Instinkte beraubt, krank und kaputt?
Steigt bald eine ungeahnte Kraft aus meinem Innern auf und hilft mir wieder weiter?
Wo ist die Kraft, die mir das Schreiben sonst gibt? Diesmal hat es mich am Boden festgeschraubt. Würde ich sonst taumeln, schmerzlich fallen, wenn ich jetzt aufstehen würde? Schützt mich mein Instinkt, sagt mir, ich soll liegen bleiben, um neue Kräfte zu sammeln?

Bin platt, weiß nicht, wer ich bin.
Weiß nicht, was ich als Schlusssatz schreiben soll.
Meiner Hoffnung Ausdruck geben, dass ich bald wieder Kraft habe? Der Wölfin in mir Raum geben, alle Kräfte sinnvoll einzusetzen. Wölfin, ich liebe dich, mach, was uns beiden gut tut.


Selbstbetrug, Selbstzerstörung und ein bisschen Selbsterkenntnis

Ich habe mich jetzt lange Zeit selbst betrogen.
Ich habe mir selber vorgemacht, wenn ich im Ausland bin, kann ich meine Essstörung in Deutschland lassen.
Ich habe mir in den ersten Tagen vorgemacht, ich bin tatsächlich geheilt. Ich habe mir vorgemacht, dass ich eben so wenig zu Essen brauche, wie ich in dieser Zeit zu mir genommen habe.
Dann habe ich mir vorgemacht, dass ich mir doch etwas gönnen kann, und habe die Feigenbäume in der Umgebung leergegessen, bis mein Bauch wehtat.
Dann habe ich mir vorgemacht, dass es nur am Fruchtzucker liegt, dass ich am Tag darauf ungesunde Fressanfälle bekommen habe. Und ich habe mir vorgemacht, dass die Essmengen eigentlich noch im Rahmen liegen.
Am nächsten Tag habe ich angefangen, Schokolade meiner Gastfamilie zu essen.
Ich hatte mir vorher eingebildet, Schokolade sei etwas, das ich nie wieder brauchen würde.
Aber um denen nicht die Vorräte wegzuessen, habe ich mir eigene Schokolade gekauft.
300g, billiger als in Deutschland.
Habe mir selber eingeredet, dass ich jetzt gesund sei und damit umgehen könnte, weil die ES in Deutschland geblieben ist.
Habe den Bus verpasst, weil ich Schokolade kaufen war.
Musste das Auto der Familie nehmen, und war sauer auf mich, dass ich nun deren Sprit verschwendete.
Aß während der Autofahrt die ganze Schokolade auf und hätte am liebsten gekotzt, aber weil ich das eigentlich NICHT tue, bin non-purging type, nach dem Fressen lieber ein paar Tage hungern, habe ich gelassen und bin einkaufen gegangen, noch mehr essen.
War in der Sprachschule mit Riesen-bauch, und fühlte mich scheiße.
Dann habe ich mir vorgemacht, ich könnte doch normal essen, diesmal in echt, ohne zu hungern, aber ich war einmal in diesem Fressflash drin und fraß alles, was so aussah, als würde keiner merken, wenn was fehlt.
Kaufte mir Essen und aß es heimlich in der Toilette, während die Kinder Fußball trainierten.
Und merkte so langsam, dass meine ES doch nicht geheilt ist.
Bekam teuflische Wassereinlagerungen und passte kaum noch in meine Hose.
Stieg auf einen Rock um, weil es das einzige war, was mir noch passte.
Und hörte auf, mich selber zu betrügen, setzte eine fröhliche Maske auf und betrog die anderen.
Sehe angeblich toll aus und bin supernett. Konnte in meinen anderthalb Wochen hier zwei Eroberungen machen, und beide verachte ich.

Will perfekt sein, alles mit den Kindern richtig machen. Habe Riesenangst davor, dass jemand mich fragt, was ich hier eigentlich mache, warum ich nicht arbeite und stattdessen so viel esse, so ein entsetzlich faules gefräßiges Monster bin. Denke manchmal, dass ich völlig überbezahlt bin und eigentlich kaum Essen und Zimmer wert bin.
Und wenn dann so ein Tag kommt, wo ich alles falsch zu machen scheine, wenn die Kinder nicht gebadet sind und nicht gegessen haben, wenn der Papa heimkommt, wenn dann gerade eins schreiend auf dem Boden liegt, weil es nicht duschen will, dann komme ich mir so unglaublich blöd vor, dann fange ich an, einen unglaublichen Hass zu entwickeln, auf den Papa, der solche Anforderungen an mich stellt, auf das Kind, weil es alles verweigert, und auf mich, weil ich es nicht einfach besser mache.
Ich lächele dann und nicke und sage, dass ich es das nächste Mal besser mache, bestätige, dass der Papa sehr gute Strategien hat, um mit den Kindern umzugehen, und dass ich es bald auch so mache. Zum Perfektsein gehört auch zu, aus seinen Fehlern zu lernen.
Und in mir schwelt diese Wut, und ich darf sie nicht ausleben. Kleinen Kindern darf man nichts antun, würde ich auch niemals machen, seinem Chef darf man auch nichts tun. Bleibe ich.
Ich bin die einzige, der ich was antun darf, wo keiner verbietet, etwas zu tun, was mir schadet.
Also wird meine Wut umgeleitet, meine schwelenden Gefühle verfälscht, ich entwickele einen Heißhunger, möchte mich vollstopfen, bis mein Bauch wehtut, möchte hungern, bis ich schwach bin, und wenn beides gerade nicht geht, suche ich andere Sachen, mit denen ich mich abreagieren kann, an mir.
Ich bin die einzige, an der ich das darf.
Ich habe mit Rauchen experimentiert, obwohl ich überzeugte Nichtraucherin bin, und es funktionierte ein bisschen, aber nicht so gut wie meine ES.
Was auch hilft und nicht schadet, ist laute Musik hören und dabei durch die Gegend latschen, stundenlang und ohne Ziel, einfach immer weiter.
Aber da ich ja jetzt arbeite, habe ich dazu nicht immer Zeit.
Auch probiere ich Qi Gong und die fünf Tibeter, also Sachen, die ein bisschen mit Yoga verwandt sind. Es macht mich insgesamt ausgeglichener, aber akut bringt es gar nichts.
Hungern hilft, das weiß ich, aber es braucht ein paar Tage, um seine Wirkung zu entfalten, und zieht viele Lügen nach sich.
Trotzdem mache ich es schon fast automatisch, wenn ich gerade keinen Fressflash habe, weil ich mir das schon seit langem so angewöhnt habe. Ich reduziere dann unmerklich immer mehr und mehr.
Fressen funktioniert auch ganz gut und ist im Prinzip alltagstauglich, weil man sehr schnell sehr viel runterkriegt, notfalls wie schon erwähnt auf dem Klo vom Fußballplatz.
Aber der große Lebensmittelverbrauch ist ungünstig und dass ich fett werde, sowieso.
Kotzen habe ich vor meinem Auslandsaufenthalt ein paar Wochen betrieben, aber der Leidensdruck war riesig und ich habe mich sehr gefreut, dass meine Abreise dem ein Ende macht. Und es veränderte meine Gesichtszüge komplett, ich sah absolut nicht mehr wie ich selbst aus. Ich habe zwar momentan öfter das Gefühl, ich müsste es machen, aber da ich wenig Routine habe, ist mir das zu unpraktikabel auf öffentlichen offenen Klos, und zuhause bin ich selten und auch nur mit den Kindern, dann geht das eh nicht. Habe also manchmal den Druck, aber ich gebe dem nicht nach. Bin auch irgendwie froh darüber, denn meine paar Wochen vor der Abreise waren die Hölle.
Also bleibe ich essstörungsmäßig bei meinem Wechsel, ein paar Tage fast nichts, ein paar Tage Tonnen an Essen.
Und wenn beides nicht geht, wenn ich schon zu abend gegessen habe und nicht an mehr Lebensmittel drankomme, dann drehe ich ab.
Gestern abend mussten meine Nähnadel und mein Unterarm dran glauben, drei tiefe Einstiche habe ich gemacht.
Es hat mich sehr beruhigt, hat meine ganzen schlechten Gefühle ausgeleitet, aber was ich so in anderen Blogs lese, habe ich große Angst davor, dass mir bald die Nadel nicht mehr reichen wird. Dass ich bald eine Dosiserhöhung brauche. Denn mein Körper fasziniert mich, wenn er verletzt ist. Das war schon immer so.
Als Kind habe ich mich mal mit einem Taschenmesser versehentlich sehr tief in den Finger geschnitten, das Blut spritzte richtig heraus. Und ich fand es spannend, schaute genau hin, was da passierte, fand es spannend, dass ich hinterher eine Narbe hatte (habe sie immer noch), und war irgendwie stolz darauf (das war meine Indianerspielzeit, und große Krieger haben eben Narben).
Und irgendwo in meinem Innern brodelt es, und glaube, ich würde es wieder tun, absichtlich, nicht so unschuldig wie damals.
Aber ich weiß auch, das wäre nicht gut, ich darf damit gar nicht erst anfangen.
Aber ist das, was ich essensmäßig anstelle, besser für mich?
Wahrscheinlich nicht.
Aber ich will mir ja sowieso schaden, ich bin ja irgendwie abhängig davon.

Habe Ängste, mit etwas anderem als mit mir selber etwas anzustellen.
Habe mich als Kind daran gewöhnt, nie Gefühle zu zeigen, nie Wünsche zu äußern.
Es wurde mir nie explizit verboten, aber ich hatte immer das Gefühl, ich dürfte nicht.
Und habe mich nie getraut zu fragen, ob ich irgendwas vielleicht doch dürfte. Habe wahrscheinlich so vieles verpasst, was ich hätte machen können, weil ich das Gefühl hatte, ich durfte nicht.
Habe mich lange Zeit immer in meinem Zimmer eingesperrt, weil ich dachte, ich brauchte einen Grund, um mich im Wohnzimmer aufzuhalten. War nie einfach so da.
Und jetzt frage ich immer, ob ich in mein Zimmer gehen darf (ja, ich habe gelernt zu fragen), weil ich das Gefühl habe, ich muss 24 Stunden da stehen, um verfügbar zu sein, um Anweisungen entgegenzunehmen, was ich noch machen soll.
Halte es fast für unmoralisch, etwas zu essen, wenn man ebenso gut für die Kinder was vorbereiten könnte.
Lebe in ständiger Angst, alles falsch zu machen.
Speziell beim Essen habe ich sowieso dieses Problem, dass ich sowieso immer alles falsch zu machen glaube. Kann in der Öffentlichkeit nicht entspannt essen, weil man da so viel falsch machen kann. Zu viel essen, zu wenig, mit offenem Mund, zu durcheinander, nicht ordentlich mit Messer und Gabel, alles reinschlingen, zu schnell essen, dass es gierig wirkt, zu langsam essen, dass alle warten müssen. Habe mich als Kind schon so oft blamiert, weil ich es nicht konnte, weil ich den Mund offen hatte, weil ich mir das ganze Gesicht verschmierte oder weil ich mich ungeschickt mit dem Besteck anstellte. Es bleibt etwas hängen, selbst wenn ich es vermutlich mittlerweile kann. Trotzdem erlitt ich letztens wieder Höllenqualen, als ich mit der Familie Essen gehen war und versuchte, Salatblätter in meinen Mund zu kriegen, ohne dass die vorher im Gesicht herumschlabberten, und beim nächsten Gang schaute ich ständig bei den anderen nach, ob mein Esstempo ok war.
Ich finde mein Essverhalten abartig und deshalb erlaube ich mir lieber gar nichts zu essen.

Bin sowieso in der Öffentlichkeit nie entspannt und denke, ich mache immer alles falsch, auch deshalb verkrieche ich mich so gerne in meinem Zimmer.
Ok, hier geht das mit dem Verkriechen sehr schwer, ich muss ja ständig irgendwohin, entweder mit den Kindern oder zur Sprachschule, und dann habe ich also meine Mitschüler und andere Eltern als Sozialkontakte, und wenn ich etwas falsch mache, dann kann das ja immer noch daran liegen, dass ich die Sprache nicht kann oder dass das in Deutschland eben anders ist.
Also bin ich mit meinen sozialen Problemen etwas entspannter.
Außer wenn ich abdrehe, allein sein will und fressen will und mit Nadeln spielen will.
Wie gesagt, ich kenne schon zwei Typen, die gern mit mir zusammen wären, und es macht mich wahnsinnig. Sie kennen nur meine äußere Hülle, die ihnen gefällt, und sie wollen am liebsten meine ganze freie Zeit für sich haben.
Den einen kenne ich aus der Sprachschule, und in einem Anfall von Ehrlichkeit habe ich ihm gesagt, dass ich sowieso nicht an ihm interessiert bin. Trotzdem hängt er sich an mich, sobald er mich sieht, und hockt dann wortlos neben mir, seit ich ihn angemeckert habem traut er sich nichts mehr zu sagen, und glaubt, ich werde irgendwann an ihm interessiert sein, wenn er da ist und bereit dafür, alles für mich zu tun, mich zum Bus begleitet, damit ich nicht allein bin, und alles macht, was ich sonst von ihm verlange, und die Klappe hält, während ich im Internet surfe.
Elender Kriecher, der mich wahnsinnig macht, und doch merke ich gerade beim Schreiben, dass er gerade die Eigenschaft hat, die mich auch an mir selber stört, dieses Warten darauf, ob man nicht doch etwas Nützliches tun kann, und dabei zu wenig Eigeninitiative zeigen. Obwohl ich daran ja gerade arbeite.
Außerdem will er immer Aufgaben mit mir machen, stellt sich aber echt blöd an, mir fällt das alles sehr viel leichter.
Den anderen habe ich im Bus kennen gelernt und er findet mich toll, weil ich netter wirke als die einheimischen Frauen und angeblich auch ganz super toll aussehe.
Er hat den Vorteil, dass er etwas Deutsch spricht, und rückt mir auch nicht so sehr auf die Pelle.
Ihm habe ich von Anfang an gesagt, dass ich manchmal meine Ruhe haben will, und ihn auf dreimal die Woche begrenzt. Er sagt zwar, er will öfter, aber auf nette und witzige Weise und ohne kriecherisch und nervig zu sein. Trotzdem will er eben auch mehr, und ich finde das viel zu anstrengend, soviel Zeit wie in einer Beziehung mit anderen zu verbringen, weil ich mein Verhalten so abartig finde und mich dann ständig kontrollieren muss, es ist absolut nicht entspannend. Außerdem ist dieser Typ zwar einer, mit dem ich ganz gern mal ein bisschen flirte, aber ich bin psychisch viel zu weit von ihm entfernt, um wirklich eine Beziehung zu ihm zu haben.
Aber ich kann von ihm lernen, von seiner entspannteren Lebenseinstellung, und auch von seinem Umgang mit Sprachen.
Er spricht zum Beispiel ganz nett Deutsch, aber ohne ein einziges Wort schreiben zu können, ich lerne grundsätzlich alles erst, wenn ich weiß, wie es geschrieben wird.
Genauso ist mein ganzes Mneschenbild, meine ganze Einstellung zum Leben, schriftlich entstanden, ich kenne alles aus Büchern, kann Gefühle als Text formulieren, sie aber nicht fühlen, lebe mehr in Buchstaben als im Leben, und ich kann glaub ich von jemandem, der in echt lebt, sehr viel lernen.
Von jemanden, der Sprachen spricht, statt sie nur zu lesen, und der lebendig ist, statt nur vom Leben zu lesen.

Bevor ich hierhin gekommen bin, habe ich so die letzten Monate praktisch nur schriftlich gelebt, saß in meinem Zimmer, las, Bücher, Blogs, schrieb, in Foren, in Blogs, ging schlafen, essen, fressen, kotzen, oder aß mal nicht, schlief mal nicht, und las und schrieb und sonst passierte nichts.
Und nun führe ich so eine Art Leben, lerne gerade, wie es ist, alles, was ich als Wörter kenne, in Wirklichkeit zu spüren und zu machen, muss jeden Tag raus, bekomme Struktur, Sozialkontakte, muss reden, lachen, und lerne, wie es ist, ein Mensch zu sein.
Und wenn das Menschsein mich überfordert, gehe ich meinen Störungen nach, schade mir selber, mache mich wieder ein bisschen kaputt, damit ich mich ertragen kann.
Als Mensch, in echt, in lebendig, bin ich Anfänger, genau wie in meiner neuen Sprache.
Ich werde es lernen, hier muss ich es lernen, um das Jahr zu überstehen.
Manchmal will ich mich in Luft auflösen, manchmal wünsche ich mir ein einsames Zimmer mit ständigem Internetzugang, aber ich habe mich entschlossen, es zu lernen, und ich habe die Chance, genau hier, genau jetzt.
Ich lerne, dass Menschen sich am Wochenende nicht einbunkern, sondern sich die Stadt angucken, gemeinsam mit ihren neuen Freunden, dass normale Menschen sich mit anderen in den Park setzen und reden, statt in den nächsten Supermarkt zu rennen und Fresszeug suchen oder alternativ sich absichtlich zu verlaufen, um eine Stunde rumrennen zu können und Fett abzutrainieren, bevor der Bus kommt.
Ich lerne, dass man als Mensch nicht einsam in seinem Zimmer verschwindet, sondern freundlich gute Nacht sagt und noch ein paar nette Worte wechselt, vielleicht auch noch Pläne für den nächsten Tag macht.

Und ich lerne gerade, dass Musik hören und gleichzeitig schreiben mich immer noch sehr entspannt, obwohl ich heute morgen noch dachte, dass ich nicht mehr schreiben kann, weil ich die ganze Woche noch kein Wort geschrieben habe. Vielleicht ist es zuviel geworden, als dass das alles jemand lesen kann, aber mich hat es wieder etwas runtergebracht von diesem Gefühl der Hochspannung, das ich die ganze Zeit hatte.

Und ich habe rausgefunden, diese Fressanfälle muss ich hinter mir lassen, ich habe zu viele Sozialkontakte, ich bin nicht mehr die anonyme Fresserin. Im kleinen Dorf die Supermärkte habe ich alle durch, hier im Haus kann ich mir auch nicht leisten, noch mehr zu essen, das würde auffallen, in der Stadt läuft mir meistens einer der Verehrer hinterher, da kann ich nicht einkaufen, und heut hat mir eine der Mütter erzählt, sie hat mich dort gesehen, ich habe also schon nach so kurzer Zeit meine Anonymität verloren.
Und da ich mir gerade ein vernünftiges Leben aufbaue, will ich nicht als die Bekloppte bekannt werden, die immer alle Mahlzeiten minimiert oder auslässt und trotzdem die Vorräte schwinden lässt.
Jetzt muss ich nur gucken, dass ich ohne Essanfälle nicht anderweitig abdrehe.
Ich muss lernen, gesund mit all den unterdrückten Gefühlen umzugehen, und weniger zu unterdrücken.
Lieber stundenlang schreiben als mich selber zu durchlöchern.
Hungerloch von innen, Nadelloch von außen.
Mal wieder der Entschluss, den gestörten Kram hinter mir zu lassen, diesmal habe ich Menschen, die mir beistehen, auch wenn sie nichts davon wissen, hatte ich zwar vorher auch, aber damals konnte ich die Kontakte wochenlang vernachlässigen, und jetzt muss ich fast täglich aktiv sein.
Es hilft, und meine Chancen stehen besser denn je, auch wenn mein Verhalten immer noch etwas ungünstig ist.
Auch wenn der Stress mein zerstörerisches Verhalten auch wieder etwas fördert, aber damals in der freien Zeit hatte ich es ja auch, eigentlich habe ich es unabhängig von äußeren Einflüssen gehabt, nur die Form war immer etwas unterschiedlich.

Hmm, stellen sich die ganzen Erkenntnisse, die ich hier aufgeschrieben habe, bis nächste Woche alle wieder als Täuschung, als Selbsttäuschung heraus, und alles ist doch anders, als ich jetzt denke?
Es kann sein, alles ist möglich, und vielleicht habe ich jetzt durchs Aufschreiben eine Schicht meines Ichs durchsichtig gemacht, und bald kommt die nächste Schicht zum Vorschein. Schale für Schale komme ich näher an meinen Kern, aber ich weiß nicht, ob ich ihn jemals ganz enthüllen kann, vielleicht gibt es immer weiter und weiter noch eine Schicht, dünner noch als die vorigen, die mein Ich verbirgt.
Ich kann nur versuchen, weiter nach innen zu kommen.
Drehe mich in endlosen Spiralen, kann nicht erkennen, in welche Richtung sie tatsächlich führen, doch vielleicht jede Runde ein Stück näher zu mir.

Nachtrag:
Ich habe es doch wieder getan, heute morgen, gefressen und gekotzt, obwohl ich das nie wieder machen wollte.
Ich hatte Stress, musste die Kinder anziehen, und sie schrien entweder oder ignorierten mich, und waren immer dagegen, gegen Frühstück, gegen Anziehsachen, gegen alles. Und ich durfte vorher nicht frühstücken, habe das immer vorgezogen, ein kleines Frühstück unter Aufsicht, und das ging nun nicht, also fuhr ich die Kinder weg und führte Selbstgespräche. „Hurra, jetzt muss ich gar nichts essen, ich hasse Essen. Nein, leider hasse ich es nicht. Hungere ich jetzt einfach den ganzen Tag, oder nehme ich Abführmittel und hab den ganzen Tag Durchfall, aber weniger Hunger, oder fresse ich zur Abwechslung mal wieder? Oder esse ich einfach eine kleine Mahlzeit und mache dann die Hausarbeit? Ich würde ganz gerne mal ein bisschen sterben, so bis heut nachmittag, geht das? Nicht? Das ist aber doof. Und jetzt muss ich mich wieder dem Esskram stellen.“
Ich habe es probiert, aber dann sah ich noch das Essen und das, und meine Sicherungen sind durchgebrannt. Und dann merkte ich, mit dem Bauch möchte ich nirgendwohin. Und stand dann heulend vor dem Klo, weil ich das alles doch gar nicht wollte.
Hab dann heulend meine Hausarbeit gemacht und wieder fast den Bus verpasst.
Und war doch wieder stolz, dass ich es trotzdem geschafft habe.
Mein Treffen mit meinem Verehrer war angenehm, ganz kurz, nur zum Absagen, weil er keine Zeit hatte, es hat mich also nicht eingeengt, aber aufgemuntert.
Gerade gehts mir ganz gut. Hoffe, das bleibt so.