auf der Suche nach mir selbst

Archiv für September, 2010

Gier nach Aufmerksamkeit

Ja, ich gebe zu, ich will Aufmerksamkeit.
Hier gebe ich es zu.
Im wirklichen Leben kann ich das nicht.

Und hier konnte ich es bisher auch nicht. Sogar hier wünsche ich mir Aufmerksamkeit, wünsche mir die Teilnahme, die Kommunikation mit anderen Menschen, die ich im echten Leben nie bekomme.
Nie wollte. Immer von mir gestoßen habe.
Und hier habe ich aufgehört, mehrmals am Tag zu schreiben, weil ich das Gefühl hatte, dass es sowieso keinen interessiert, weil ich das Gefühl hatte, mit so vielen Beiträgen um Aufmerksamkeit zu betteln, ist nicht ok.

Ich habe mich zurückgezogen, schreibe wenig, rede wenig, verstecke mich in meinem Zimmer, damit keiner sieht, wie groß meine Sehnsucht ist.
Und klicke mich doch ständig durch die Gegend, ob nicht doch noch ein Kommentar kommt, eine Mail erscheint, jemand auf einen Forenbeitrag geantwortet hat.
Und fühle mich so allein.

Ich will ja ins Ausland, und ich habe das Gefühl, ich bin schon gegangen.
Aber nicht angekommen.
Ich hänge in der Luft, ich hänge in meinem Zimmer, ich hänge vor meinem Computer.
Meine Familie ignoriert mich, tut so, als sei ich schon lange weg, sogar schon fast so, als sei ich schon lange tot, oder eher, als sei ich niemals vorhanden gewesen.

Ich führe eine Nichtexistenz, und das nur, weil ich mich schon lange selber ausgelöscht habe, mich schon lange zurückgezogen habe.
Weil ich niemals Aufmerksamkeit beanspruchen wollte, sondern lieber für alle anderen verschwinden.
Mir selbst genug sein.

Und ich kann die Person, die ich bin, nicht mal achten. Eine, die alle Aktivität verloren hat, eine, die darauf wartet, dass es besser wird, eine, die sich hier keine Mühe mehr gibt, weil sie sowieso bald weg ist.
Eine, die einsam ist, weil sie selbst nicht genug Person ist, um mit sich klar zu kommen.
Eine, die die Welt von sich gestoßen hat und nun hofft, hofft, dass nur eine Person stärker ist als sie, und sie trotzdem in die Arme nimmt, trotz allen Verweigerungen.
Und doch würde ich keinen tatsächlich an mich ranlassen, würde alle weiterhin von mir wegstoßen.

Und giere danach, dass es irgendwann trotzdem jemand schafft.


Ins kalte Wasser

Wart ihr schon mal im Sommer in einem See schwimmen?

Wie geht ihr ins Wasser, springt ihr einfach rein, oder tastet ihr euch ganz langsam vor, immer tiefer, bevor ihr anfangt zu schwimmen?

Ich mache es so: Ich gehe rein, probiere es aus, wie kalt es ist. Bleibe stehen und jammere ein bisschen rum. Gehe wieder ans Ufer, starte einen neuen Versuch. Komme tiefer ins Wasser. Bleibe wieder stehen und spüre die Kälte. Bleibe lange so stehen, will nicht tiefer, obwohl ich weiß, es ist nicht schlimm.
Und dann nehme ich Anlauf und springe rein. Soweit, dass ich gerade so noch stehen kann.
Und merke, das Wasser ist gar nicht so kalt. Es ist sogar angenehm warm und ich kann schwimmen.
Ich wusste es vorher auch, aber ich brauchte trotzdem meine Zeit.
Und dann kam der Anlauf, der mich weitergebracht hat.

Der See ist mein lebendiges Leben, in dem ich herumschwimmen werde.
Ich habe mich immer wieder ans Ufer gerettet, in die Depression, in die Essstörung, weil ich dachte, das Leben sei kalt, grausam.
Bin im seichten Wasser stehen geblieben, hab darauf gewartet, dass etwas passiert. Dass ich etwas mache. Dass ich anfange zu leben.
Ich muss es selber machen, selber reingehen, und losschwimmen.
Das Reinrennen passiert plötzlich, aber es ist das Ergebnis eines langen Gewöhnungsprozesses, mal im Wasser herumstippen, ob ich es ertragen kann, und immer wieder Flucht.

Und jetzt stehe ich tief im Wasser, spüre gerade noch Grund unter mir. Spüre die Wärme, das Leben ist schön. Und ich kann losschwimmen, ich stehe schon da, alles ist bereit.

Ich werde im Leben schwimmen, lebendig sein, Freunde haben.
Eine schöne Abschiedsparty feiern und dann ab in meine neue Welt.
Die, in der ich leben kann, leben werde, schwimmen kann, schnell, oder mich auch mal von den Wellen tragen lassen, wie ich gerade will.

Ich werde lebendig sein.


Verantwortung für meinen Körper

Ich habe gerade erkannt, dass das etwas ist, das mich am Erwachsenwerden hindert.

Das Verstecken hinter meiner Essstörung.

Dadurch habe ich nie selber gehandelt, nie selber bestimmt, was für mich gut ist.
Ich habe immer nur reagiert, entweder indem ich verweigert habe oder indem ich aus Trotz Dinge gegessen habe, die meine Mutter für ungesund hält.

Ich habe auf andere gehört, auch Bücher, die sagten, Fasten ist gut, Askese ist gut, Essen ist undiszipliniert und niedere Gier.
Ich habe auf andere gehört, die sagten, gönn dir doch was, iss ruhig, wenn es dir schmeckt, auch auf die ganzen Aufrufe zur Prävention gegen Essstörungen, die mir suggerierten, es ist gestört, wenn ich mich einschränke.

Ich wusste irgendwo, es ist nicht ok, wenn man ungehemmt alles isst, was einem die Industrie so vorsetzt, aber statt mich damit auseinanderzusetzen, habe ich einfach alles total verweigert.
Ich wusste irgendwo, es ist nicht ok, wenn eine Frau nur über ihre Figur definiert wird, und habe den Diätenwahn total verweigert, mich einfach vollgestopft, obwohl es weit über den Hunger ging.

Ich habe heimlich gegessen, gefressen, und immer in der Angst, bald werde ich erwischt und irgendein Erwachsener sagt mir, man darf nicht so viele Süßigkeiten essen.
Ich habe gefastet, gehungert, und immer in der Angst, bald kommt jemand und sagt, ich würde magersüchtig, wenn ich so weitermache.

Nie habe ich einfach nach meinem Geschmack gegessen, nie habe ich einfach nach meiner Sättigung aufgehört.
Immer dachte ich, wenn ich mich an einer Mahlzeit mit anderen Menschen beteilige, muss ich auch brav alles aufessen, das machen, wofür ich als Kind immer gelobt wurde.
Und dann entweder aus lauter Bravheit viel zu viel gegessen oder erst gar nicht zu einer Mahlzeit hingegangen, weil ich das nicht wollte.

Habe nie einfach auf mich gehört, meinen Hunger, meinen Körper, und das gegessen, was gesund ist und mir gut tut.
Gesund habe ich hauptsächlich gegessen, um damit abzunehmen, und dann zu wenig.
Sättigend habe ich hauptsächlich dann gegessen, wenn ich frustriert war oder mir alles egal war, und dann war es nicht sättigend, sondern stopfend, ekelerregend.

Aber es ist mein Körper, ich muss nicht mich betrügen, dass ich nichts zu essen brauche, nicht andere betrügen, dass ich schon gegessen habe, ich kann einfach akzeptieren, dass er da ist, und dass er mir gehört, und dass er ich ist, und dass ich mich drum kümmern muss.

Genau wie ein Haustier, es braucht eben bestimmte Pflege, bestimmte Nahrung, bestimmte Bewegung.
Mein Körper wurde von mir zur Pflege übernommen, und ich muss dafür sorgen, dass es ihm gut geht.

Er ist nicht mein Feind, sondern ich muss ihn besser kennenlernen und kann ihn dann lieb gewinnen.

Ich esse nicht, um fett zu werden, ich esse nicht, um abzunehmen, ich esse einfach, weil es eben dazugehört. Und ich kann die Nahrungsmittel aussuchen, die mir am besten tun, wenn ich sie nicht nach den Kriterien möglichst verboten und ungesund und billig (fürs Fressen) oder möglichst kalorienarm aussuche.

Ich mache auch keinen Sport, um zwanghaft Fett wegzutrainieren, sondern weil es meinen Körper beweglich und fit hält und eben zu seiner Funktion dazugehört, dazu ist er da, und es macht glücklich, wenn er seine ihm zustehende Bewegung erhält.

Und um diese Erkenntnis zu haben, bewusst zu haben, denn sie schwelt schon lange in mir, musste ich erst nach einigen Fresstagen aus Frust abführen, weil ich so voll war, beschließen, ein paar Wochen gar nichts zu essen, mittags schon wieder Hunger auf Schokolade kriegen und überlegen, ob ich jetzt das Hungern durchziehe oder wieder Fruststopfen mache, um morgen wieder vor demselben Problem zu stehen.
Und dann wieder rumjammern, ich würde so gern erwachsen werden, und wieder nichts dafür tun.

Ich akzeptiere jetzt: ICH HABE EINEN KÖRPER, ER GEHÖRT MIR, ABER DAFÜR MUSS ICH MICH UM IHN KÜMMERN, DIE VERANTWORTUNG FÜR IHN ÜBERNEHMEN UND IHN LIEB HABEN. DAFÜR HABE ICH DANN MEIN LEBEN LANG EINEN TREUEN PARTNER. ICH BRAUCHE IHN NICHT ZU MISSHANDELN, DENN BIS ICH STERBE, MÜSSEN WIR ES ZUSAMMEN AUSHALTEN, UND DAS KÖNNEN RUHIG NOCH EIN PAAR JAHRE SEIN.


Suche Sündenbock

Jaa, hab in meinem letzten Text noch so einen großartigen Entschluss gefasst.

Aber wem gebe ich denn jetzt die Schuld für all meine Probleme?
Auf wen kann ich all meinen Hass projizieren?
Wenn ich zu dem Körper doch nett sein will?

Wie kann ich lernen, dass unfreundliche Äußerungen meiner Schwester nicht bedeuten, dass ich im ganzen unglaublich schlecht bin, mit Körper und Geist und Seele, sondern nur, dass sie eine pubertierende Zicke ist?

Und wie kann ich verstehen, dass ich nicht fett bin, bloß weil meine Mutter fragt, ob ich schwanger bin? (Hatte sie danach gefragt, ob ich zu früh oder zu spät geboren bin, weil ich in einem esoterischen Buch gelesen habe, dass sich Verhaltensmuster von der Zeit als Ungeborenes manchmal durchs ganze Leben ziehen.)
Und wie kann ich verstehen, dass ich nicht fett bin, wo ich doch mittlerweile sogar objektiv gesehen nicht schlank bin? Und mein Bauch sich gerade wieder so entsetzlich voll anfühlt, obwohl nur gesunde Sachen drin sind?

Wie kann ich meinen Körper nicht beschuldigen, dass ich gerade in dieser Situation bin, wenn er mich doch hier festhält? Wäre ich nur Geist, könnte ich jetzt ans andere Ende der Welt und einfach mal meine Ruhe haben.

Fühl mich grad so mies, und kanns nicht mal an meinem Körper auslassen. Wo denn sonst?

Wie kann ich denn stolz auf meinen Entschluss sein, wenn alles, was ich gerade an negativen Gedanken überwinden will, mir doch wieder von außen zugetragen wird?
Wie kann ich sie richtig genießen, wenn ich mich schon am ersten Abend lieber wieder in Luft auflösen würde?

Und die anderen mich auch los werden wollen.
Meine Mutter: „Ich verstehe nicht, warum du dir nicht schon längst ein Zimmer gesucht hast.“
Meine Schwester: „Verschwinde, du hast kein Recht hier zu sein, du hast kein Recht, das zu essen, wir alle hassen dich.“

Kann mich mal grad jemand in ein anderes Land beamen, wo ich keinen mehr störe?
Wo ich mich selbst nicht mehr störe?

Ich bin so überflüssig. Und fett und undiszipliniert. Und zu faul, um mir einen Job und ein Zimmer zu suchen.
Und zu allein, um für irgendwen wichtig zu sein.

Und dann soll ich mich gut um meinen Körper kümmern?
Und dann womöglich meine Psyche auch noch freundlich behandeln?

Das überfordert mich.

Alles überfordert mich.

Wenn ich jetzt alles auf den Körper schieben könnte, dann hätte ich wenigstens was zu tun.

Und so? Einfach überflüssig. Ich. Meine Familie. Alles.