auf der Suche nach mir selbst

Archiv für August, 2010

Wenn die Nacht am dunkelsten ist, steht der Sonnenaufgang bevor!

Mir gehts schlecht, psychisch und körperlich.
Minderwertigkeitskomplexe, Streit mit der Familie, von denen gemobbt werden, Sinnlosigkeitsgefühl, Antriebslosigkeit, Einsamkeit, Leere, der Wunsch, einfach zu verschwinden.
Bauchschmerzen, Völlegefühl, Übelkeit. ES schlimmer denn je. Nachdenken darüber, ob ich nicht eine Nahrungsumstellung machen sollte. Auf Abführmittel und sonst gar nichts mehr.

Und doch, meine Aupair-Familie hat geantwortet. Vielleicht bin ich in einem Monat hier raus.
Weg aus dem deutschen Winter, weg von der Familie, Neuanfang. Mittags ist die Gastfamilie nicht zu Hause, ich kann selber entscheiden, was ich koche und ob ich koche.
Ich werde erst mal freundlich empfangen, kann auch sozial einen Neuanfang hin kriegen.
Statt als Außenseiter in der eigenen Ursprungsfamilie zu leben, werde ich gebraucht und muss mich nicht nutzlos fühlen.
Keiner dort weiß von irgendwelchen Problemen und ich kann neue Freundschaften schließen, an die ich ganz unbefangen heran gehen kann.
Hab eine sinnvolle Beschäftigung, die mir jeden Tag Antrieb verschaffen wird.
Und es kann nur besser werden, falls meine neue Familie schrecklich ist und mich ausgrenzt, mit Einsamkeit lebe ich schon so lange, das macht dann also nichts.

Und für diese neuen Aussichten kann ich auch die oben erwähnte Nahrungsumstellung noch mal überdenken, habe einen Grund, auf meine Gesundheit zu achten.
Und einen Monat werde ich das wohl aushalten, auch mit meiner Horrorfamilie.

Vielleicht wird es nicht automatisch besser, wenn ich da raus komme, aber ich muss da raus, damit ich eine Chance habe.

Dieses Lied kenn ich noch von früher:

In der Mitte der Nacht
liegt der Anfang eines neuen Tags,
und in ihrer dunklen Erde blüht die Hoffnung!

Ich will Licht sein in der Dunkelheit,
die richtigen Wege finden, in der Einsamkeit.
Ich will Licht sehn.

Genau danach ist mir grad.

Obwohl, mittags war mir eher danach:

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Wer die Zukunft fürchtet, verdirbt sich die Gegenwart!

von Lothar Schmidt

Wie wahr, sollte ich mir mal zu Herzen nehmen. Und es mal anpacken, mein Leben frei zu gestalten.

Und doch mache ich es nicht, sondern verderbe mir auch noch meine Vergangenheit, weil ich da die Ursachen für meine Probleme von heute suche.

Wie dumm, ich mache mir mein ganzes Leben kaputt, weil ich Angst habe, Angst zu leben.

Will doch einfach nur richtig lebendig sein.


Zweifel

Meine Familie (wegen Aupair) schreibt nicht zurück. Ok, logisch, kann ich ja nach einem Tag nicht erwarten. Aber was, wenn sie mich auch nach einer Woche nicht wollen?

Und wie konnte ich jemals mein Studium anzweifeln, eigentlich ist es doch toll.

Jammer, jammer.

Wieso kann ich nie zu was stehen, muss immer alles anzweifeln?

Vorhin hat mich noch jemand gefragt, ob ich einen Freund habe. Schon zweifele ich wieder, ob ich nicht doch netter zu meinem Exfreund sein sollte, vielleicht war er doch gar nicht so schlimm.

Ich hasse es. Alles muss ich anzweifeln.

Ok, ist manchmal auch gut, nämlich dann, wenn jemand Blödsinn erzählt und ich die Schwächen seiner Geschichte erkennen kann.

Aber ich erkenne auch die Schwächen meines eigenen Lebens, und alles alles muss ich anzweifeln.

Und drehe mich mein Leben lang im Kreis, weil ich keine Entscheidung endgültig durchziehen kann.

Aber ich könnte mir auch von jemand anderem nie helfen lassen. Wenn ich mal jemanden um Rat gefragt habe, dann habe ich als Reaktion auf seinen Vorschlag alle Nachteile aufgezählt, die ich davon haben würde. Wenn mir derjenige dann rät, einfach das andere zu machen, dann rede ich das auch noch schlecht.

Wenn jemand aber schlecht über etwas redet, dann zweifele ich das auch an und zähle lauter Vorteile davon auf.

Immer suche ich einen inneren Kompromiss, kann nicht polarisieren.

Habe letztens in einem leicht esoterisch angehauchtem Buch (Rüdiger Dahlke, „Lebenskrisen als Entwicklungschancen“) gelesen, dass das Leben wie ein Mandala ist.
Man beginnt in der Mitte, dann bewegt man sich langsam nach außen, zu einer Seite, polarisiert immer mehr, profiliert sich immer mehr. Und am Lebensende kehrt man langsam wieder in die Mitte zurück.

Ich bin in der Mitte steckengeblieben. Oder wieder zurückgekehrt?
Bin ich nun ein kleiner Embryo, oder ein Greis, der auf den Tod wartet?

Ich muss es wagen, einfach mal in eine Richtung zu gehen, es ist vermutlich egal, was ich mache, wenn ich nur dazu stehe.

Einfach mal machen und nicht denken, nicht zweifeln.

Das klingt so einfach und ist das, was mir am allerschwersten fällt.


Allein

Ich habe gestern abend weiter „Siddharta“ (Herrmann Hesse) gelesen, und eine Stelle hat mich unglaublich berührt, ich werde gleich noch beschreiben, wieso.

Regungslos blieb Siddharta stehen, und einen Augenblick und Atemzug fror sein Herz, er fühlte es in der Brust innen frieren wie ein kleines Tier, einen Vogel oder einen Hasen, als er sah, wie allein er sei. Jahrelang war er heimatlos gewesen und hatte es nicht gefühlt. Nun fühlte er es. Immer noch, auch in der fernsten Versenkung, war er seines Vaters Sohn gewesen, war Brahmane gewesen, hohen Standes, ein Geistiger. Jetzt war er nur noch Siddharta, der Erwachte, sonst nichts mehr. Tief sog er den Atem ein, und einen Augenblick fror er und schauderte. Niemand war so allein wie er. Kein Adliger, der nicht zu den Adligen, kein Handwerker, der nicht zu den Handwerkern gehörte und zuflucht bei ihnen fand, ihre Sprache sprach. Kein Brahmane, der nicht zu den Brahmanen zählte und mit ihnen lebte, kein Asket, der nicht im Stamme der Samanas seine Zuflucht fand, und auch der verlorenste Einsiedler im Walde war nicht einer und allein, auch ihn umgab Zusammengehörigkeit, auch er gehörte einem Stande an, der ihm Heimat war. Govinda war Mönch geworden, und tausend Mönche waren seine Brüder, trugen sein Kleid, glaubten seinen Glauben, sprachen seine Sprache. Er aber, Siddharta, wo war er zugehörig? Wessen Leben würde er teilen? Wessen Sprache würde er sprechen?

Als ich diese Stelle gelesen hatte, lösten sich all meine ungeweinten Tränen. Ich habe mich in den Schlaf geweint, und auch heute musste ich immer wieder weinen.
Hier ist mein ungelöstes Lebensthema, so lange habe ich mich abgegrenzt, bin seelisch schon lange so allein. Und ich wurde voll von der Konsequenz getroffen, dass es nun auch an der Zeit ist, dass ich mein Elternhaus verlasse, mir meinen Lebensunterhalt selbstständig verdienen kann.
Es ist für mich eine untragbare Situation geworden, zuhause zu wohnen und von den Eltern versorgt zu studieren.

Tatsächlich haben meine Essprobleme mit Beginn des Studiums angefangen.
Es war für alle der logische Weg, Akademikertochter fängt Studium an, nachdem sie das Abi gemacht hat. Außer meine Mutter, die hätte mich lieber in der alternativen Tierheilkunde gesehen, was ich ja auch selber jahrelang machen wollte.
War es Rebellion gegen meine Mutter? War es Angst, etwas zu machen, das in der Gesellschaft außergewöhnlich ist? War es Angst, dass nun ich eine Entscheidung treffen musste, deren Tragweite ich kaum abschätzen konnte?
Jedenfalls zögerte ich die Entscheidung lange hinaus, bewarb mich für Fächer, wo ich notenmäßig sowieso keine Chance hatte. Und nahm hinterher das Nächstbeste Fach an der Nächstbesten Uni in der Nachbarstadt.
Es war auch noch eine Trotzreaktion, ich kann Sachen, die mir keiner zutraut, weil ich das Fach in der Schule nicht belegt hatte.

Und gestern ist mir klar geworden, dass ich mich völlig von den Leuten unterscheide, die richtig mit Hingabe studieren. Ich sitze mein Studium genauso ab, wie ich damals mein Abi abgesessen habe. Warte nur darauf, dass es vorbei ist, damit ich dann anfangen kann zu leben.
Als ich die Erkenntnis hatte, erschreckte es mich noch mehr, denn das bedeutet ja, wenn ich mein Leben selber leben will, selbst in die Hand nehmen will, muss ich mein Studium abbrechen.
Vor einem Jahr hatte ich das schonmal erkannt, hatte schon einen Studienplatz und eine Wohnung in einer anderen Stadt, in einem anderen Fach. Damals hatte ich zuviel Angst, etwas einmal Angefangenes abzubrechen, und hatte meine Alternativprobleme abgebrochen.
Nach der Entscheidung nahm ich auch zu, weil mir da wirklich alles egal wurde, ich aß und aß, ohne auch nur ein einziges Mal in Erwägung zu ziehen, zum Ausgleich Sport zu treiben, zu sehr hatte ich mich selber enttäuscht, weil ich den Schritt in die Selbstständigkeit nicht wagen konnte.

Und nun stehe ich wieder vor dem selben Problem, nur dass mich diesmal nackte Existenzängste ergreifen. Es ist unmöglich mit meinem Stolz vereinbar, noch ein ganz neues Studium auf Kosten meiner Eltern zu beginnen.
Und es ist vermutlich auch ganz unmöglich, noch ein Jahr oder länger auszuharren, bis ich dieses Studium beendet habe, denn solange ich in diesen Zwängen feststecke, werde ich unglücklich sein, wird meine ES immer schlimmer.

Ich muss also raus, das ist der einzige Weg ins lebendige Leben, der mir noch bleibt.
Sonst gehe ich noch kaputt an dieser Sinnlosigkeit, warten aufs Abi, warten aufs Studienende, danach würde vermutlich warten auf die Rente kommen, und dann warten auf den Tod. Da könnte ich auch direkt sterben, wäre einfacher.

Und doch, diese simple Konsequenz hat mich erst mal erschlagen.

Und ich habe Unmengen aberwitzige Möglichkeiten durchdacht, die ich nun habe.

Habe geheult, hatte Angst vor mir selber.

Habe überlegt, einfach loszuwandern, mit Rucksack, Zelt, ein paar Klamotten und einem großen Haufen Hefte. Auf Reisen zu gehen und die Hefte voller Texte zu schreiben, dann zurück kommen und einen Verleger suchen, aufs Vortragsreise zu gehen und über meine Erlebnisse berichten.
Entweder ich schaffe den Sprung als Autorin oder ich gehe auf der Reise drauf, dann habe ich es wenigstens probiert.

Es klang so aberwitzig, völlig unreal.

Und ich bekam solche Angst, ob ich wirklich mein Studium abbrechen sollte. Immerhin gibt es mir ein kleines bisschen Sicherheit.

Und ich habe überlegt, ob ich einfach in den Urwald gehe, und gucken kann, ob ich nicht von irgendeinem ursprünglichen Stamm etwas über den Sinn des Lebens lernen kann. Auch so ein Kindheitstraum.

Auch so irreal.

Angst, heulen, zur Beruhigung mit Essen vollstopfen, meine besten Depri-Songs hören und mich ein bisschen verkriechen.

Ich bin allein, ich muss diese Entscheidung selber treffen, niemand kann sie mir mehr abnehmen.

Und habe vermutlich eine Lösung gefunden.

Ich möchte als Aupair arbeiten, dann bin ich weg von zuhause, kann mir mein Leben selber verdienen, und ich habe abends (oder morgens, je nach Stelle) genug Zeit, an meinen Schreibambitionen zu arbeiten.
Und meiner Uni kann ich erst mal ein Urlaubssemester melden, falls ich doch wieder zurück will.
Dann sind nicht alle Brücken abgebrochen.
Und ich habe erst mal Sicherheit, für ein Jahr.

Trotzdem Angst, denn in der heutigen Zeit muss man doch eigentlich sein Studium von Anfang bis Ende durchziehen, um es zu was zu bringen.
Aber: Ich kann mir gar nicht vorstellen, was ich mal werden will, in meinem Studienfach. Es passt nicht in meine Zukunftsvisionen rein.

Ich muss endlich den Mut aufbringen, allein Entscheidungen zu treffen, für immer und ohne Rückfahrschein.
Einfach dazu stehen.

Und ich heule wie ein kleines Kind.


Rhytmus

Ich habe einmal in meiner Essvergangenheit nachgeforscht und überlegt, wann es mir gut ging mit dem Essen.

Das war immer dann, wenn ich meinen eigenen Rhytmus haben konnte.

Einmal war ich eine Woche allein zuhause.
Ich frühstückte, und danach war ich noch nicht befriedigt.
Ich fing schon an, hektisch in der Küche rumzurennen, zu überlegen, ob ich ausharren sollte, da ja die Mahlzeit vorbei war, oder lauter dumme kleine Zwischenmahlzeiten in mich reinstopfen sollte, wie Käse, Süßigkeiten…
Dann kam mir die glorreiche Idee, mein Mittagessen einfach vorzuverlegen.
Ich hatte schon seit Tagen geplant, ein bestimmtes Rezept auszuprobieren, dies kochte ich mir nun und aß es als zweites Frühstück.
Ich war nicht mit Zwischenmahlzeiten überfressen, also konnte ich es mir gönnen und es schmeckte lecker.
Und dann hatte ich erst mal Ruhe für den ganzen Nachmittag mit Essen.
Und ich war satt, was ich nach dem Frühstück noch nicht war.

Und eine andere Situation, in der ich wenig Gedanken an Essen verschwendet hatte, war, so paradox es auch klingt, eine meiner Radikaldiäten.
Ich aß nur matschig gekochten Reis. Die Tagesportion kochte ich mir morgens, und ich aß, wann immer ich das Bedürfnis danach hatte, ein Schüsselchen voll, bis eben abends der Topf leer war.
Ich musste nicht nachdenken, ob ich es noch bis zu einer bestimmten Uhrzeit aushielt, aufs Essen zu warten, ich musste nicht das Essen in mich reinzwingen, wenn ich noch gar keinen Hunger hatte.
Und ich musste auch nicht ständig darüber nachdenken, was denn meiner Diät zusagte und was nicht, denn es war ja klar für den Tag festgelegt.
Somit hatte ich keinen psychischen Hunger und alles war ok.
Körperlichen Hunger hatte ich ja zu dem Zeitpunkt eh kaum noch.

Also für mich ist es eher negativ, fixe Mahlzeiten zu fixen Uhrzeiten zu essen, oder auch mit anderen zu bestimmten Zeiten zu essen. Sowieso setzt mich Essen mit anderen unter Stress, weil ich sie dann immer beobachten und analysieren muss. Und meist steht dann auch eine so riesige Essensvielfalt zur Verfügung, dass ich damit gar nicht klar komme.

Mit dieser Einsicht bin ich nicht allein. Karen Margolis, eine ehemalige Magersüchtige, beschreibt es in ihrem Buch „Die Knochen zeigen“ folgendermaßen:

Ich beobachte heute sehr genau, wie andere essen, und finde es immer merkwürdiger, dass Hungernde Außenseiter werden, wo doch alle eigenartige Essgewohnheiten haben. Im Großen und Ganzen befolgen wir alle die Essgewohnheiten, die uns von unseren Müttern oder in der Schule beigebracht wurden; das heißt im Klartext, wir betrügen die ganze Zeit. Die Regel von drei großen Mahlzeiten am Tag gibt es in Wirklichkeit nicht, sie ist eine statische Erfindung.
Nachdem das Hungern mich in eine Art Kindheit zurückgeworfen hatte, konnte ich dort wieder anfangen, ein Gefühl für meine Bedürfnisse aufzubauen. Ich habe meine Festanstellung hingeschmissen und mein Leben in einem neuen Rhytmus besser organisiert. Dies ist nicht jedermann möglich, und es ist wahrscheinlich nur eine Übergangsphase, oder eine, die von Zeit zu Zeit nötig ist. Z.B. schlafe ich manchmal nur am Nachmittag, oder ich gehe einen ganzen Tag nur spazieren oder höre nur Musik. Und ich esse zu ungewöhnlichen Zeiten, obwohl ich das nicht so empfinde. Wenn ich arbeite, kann ich nicht essen, weil ich das Gefühl habe, es verlangsamt mein Arbeitstempo und lenkt mich ab. Es gibt Zeiten, da bin ich entspannt und knabbere ständig etwas; an anderen Tagen esse ich nur eine Mahlzeit. Ich esse aber nie regelmäßig dreimal am Tag.
Außerdem entsteht das Problem auch durch andere Leute. Niemand würde dir ein Buch aufdrängen oder dich zwingen, bestimmte Sachen anzuziehen, wenn du sie besuchst, aber sie bestehen darauf, dass du ihr Essen zu dir nimmst – so wie sie es zubereiten und zu dem Zeitpunkt, da sie es dir vorsetzen. Eine Ablehnung kommt einer Beleidigung gleich. Die Anthropologen gehen davon aus, dass Essen das wichtigste Kommunikationsmittel ist; wenn man seine eigene Art zu essen entwickelt, macht man deutlich, dass man anders ist.
Die meisten Menschen behalten das Anderssein für sich, sonst liefen sie Gefahr, als Außenseiter abgestempelt zu werden. Ich finde es heute einfacher, dieses Risiko einzugehen und klarzumachen, was ich essen werde und was ich mir vorbehalte zu verweigern. […]
Das ist wahrscheinlich auch die Verbindung zwischen Essen, Hungern und meiner Angst vor anderen Menschen. Ich fühlte mich anders, hatte aber Angst, es zu zeigen, weil man mich dann vielleicht für fremd oder minderwertig hielt. Ich bin gierig nach Leben – nicht nach Essen – in einer Gesellschaft, die Selbstbeherrschung sehr hoch bewertet. Ich habe gehungert, um meine Angst vor dem Urteil anderer zu verstecken. Indem ich fastete, stand ich jenseits jeden Urteils, habe aber meine Individualität behalten.
Ein Kartoffelchip bringt mich nicht zum Weinen. Ich esse es, oder ich lasse es, aber mit Vergnügen. Vielleicht esse ich lieber um fünf Uhr früh Erdnüsse im Bett.

Bei mir ist es nicht genauso wie bei der Autorin, da ich eben nicht nur hungere, aber ich glaube, ich würde auch gerne mit Essen meine Individualität ausdrücken, weil ich mich das nicht traue, esse ich aber nur heimlich abnorm und passe mich in Gesellschaft den anderen an, verberge somit auch meine wahre Persönlichkeit abseits vom Essen.

Und ich glaube, es ist auch eine große Erkenntnis, dass man auch ohne Essstörung Sachen ablehnen könnte, wenn man keine Lust darauf hat. Ich glaube immer, es ist falsch, etwas abzulehnen, was ich mir in meinen Hungerphasen verbiete, weil es ja dann wieder soo essgestört wäre. Und nehme viel zu Dinge an, die ich gar nicht haben will. Was natürlich dann ganz leicht wieder den nächsten FA auslösen kann.

Das ist aber auch abseits vom Essen so. Mein Zimmer ist voll von Katalogen, weil ich früher mal als Hobby Kataloge durchstöbert habe und auch heute noch schenken mir meine Familienmitglieder alle ihre Kataloge.
Mein Kleiderschrank ist voll von alten Sachen meiner Mutter, die ihr zu klein sind, die sie aber zu schade zum Wegwerfen findet.
Und Klamotten einkaufen kann ich richtig konstruktiv nur dann, wenn ich allein bin, weil ich sonst nach dem Geschmack meiner Begleiter einkaufe.
Das heißt auch, mein Schrank ist insgesamt voll von Klamotten, die so gar nicht mein Stil sind, kein Wunder, dass ich kein klares Körperbild habe und nicht gut mit meinem Essverhalten zurecht komme.

Also mein großes Problem heißt auch INDIVIDUALITÄT ZEIGEN, sowohl im Lebensrhytmus, Essverhalten, Kleidungsstil und auch bei meiner eigenen Figur.
Manchmal will ich zunehmen, weil ich mir nicht weiblich genug vorkomme, manchmal will ich abnehmen, weil ich mir so plump vorkomme. Der Abnehmpart kommt häufiger vor.

Und noch was, ich bin ja jetzt über dem Gewicht, was der Körper vor der Essstörung jahrelang hatte. Also über meinem Setpoint. Vielleicht ist es ja normal, dass ich abgesehen von FA, wo ich sowieso nicht mit Hunger esse, sondern einfach reinschlinge, sehr wenig Hunger habe, weil mein Körper von selber wieder sein normalgewicht anstrebt. Und ich mache ihn ganz kirre, weil ich versuche, „gesund“ mehrere regelmäßige Mahlzeiten zu essen, obwohl ich den Hunger gar nicht so verspüre.
Vielleicht will mein Körper von sich aus mal ein bisschen Ruhe vor dem ganzen Essen haben, denn sowieso haben in der letzten Zeit die Fressphasen gegenüber den Hungerphasen überwogen.
Nur, ich habe immer noch Angst, auch zuzugeben, dass ich mal keinen Hunger habe, so paradox es auch klingt, weil ich ja Hunger auch nicht zugeben mag.
Bei mir in der Familie ist es aber so, mein Vater war als Kind ein extrem schlechter Esser und auch ständig im Untergewicht, und er wurde immer gelobt, wenn er aß.
Und ich wurde auch immer für meinen guten Appetit und meine Bereitschaft, recht viel zu essen, gelobt. Ich war also immer eine gute Esserin, meine Hungerphasen habe ich meistens geschickt verborgen.
Und es käme mir merkwürdig vor, jetzt plötzlich zu sagen, nein, soviel Hunger habe ich gar nicht. Es kam mir komischerweise immer einfacher vor, alles komplett zu verweigern.

Und seit meinen Essstörungsproblemen habe ich sowieso große Probleme, auf meinen Körper zu hören, also habe ich lieber auf andere gehört. Und das ging dann manchmal dahin, dass es genau das Gegenteil meiner eigenen Bedürfnisse war.

Ich muss wieder herausfinden, wo genau meine eigenen Bedürfnisse liegen.

Und zu meiner Individualität stehen.