auf der Suche nach mir selbst

Archiv für Juli, 2010

Hinter der Maske – Tauchen im Tränensee

Wenn ich mein Zimmer verlasse, setze ich eine Maske auf, grüße freundlich meinen Bruder, halte Smalltalk mit meiner Mutter, habe sogar ein Date, bin da fröhlich, lustig, eine gute Zuhörerin, die gelegentlich auch mal was sagt. Mach noch schön Mittagessen mit meinem Bruder, alles scheint in Ordnung.

Die perfekte Maske.

Wenn ich allein bin, kann ich sie absetzen. Was bleibt, sollte mein ICH sein. Doch ich sehe nichts, nur Leere. Bei genauerem Hinsehen, ein See aus Tränen, die ich nicht weine, wovon ich nicht weiß, woher er kommt.

In den letzten Wochen habe ich diesen See zugeschüttet mit Essen, versucht, ihn trocken zu legen. Das Essen konnte für ein paar Stunden die Oberfläche bedecken, bevor es versunken ist, mich wieder mit dem See allein ließ.

Außer wenn ich ihn auch vor mir selbst hinter der Maske verberge.

Doch er wird größer, lässt sich nicht mehr so leicht verbergen. Und ich werde neugieriger, er ist ein Teil von mir, ich möchte ihn sehen, erkennen, in ihm tauchen.

Und reduziere mein Essen, wenn ich hungere, kann ich im See abtauchen. Möchte mich dort voll und ganz spüren, aber ich spüre dort nur weniger, alles fließt um mich, die Tränen sind kalt, ich friere. Es ist angenehm, einfach in mir selbst zu schwimmen. Aber nicht alltagstauglich.

Die Oberfläche interessiert mich kaum noch, ich tauche zu tief.

Da ich aber noch für die Uni arbeiten muss, kann ich mir das nicht leisten, habe mich zum Essen gezwungen, um den See wieder zur Ruhe zur bringen, einen anderen Weg kenne ich nicht.

Soviel gesundes Essen hätte ich nicht geschafft, ich musste mal wieder auf den verhassten Zucker zurückgreifen. Er fügt dem See weitere Tränen hinzu, weil ich mich nie wieder so ungesund ernähren wollte, aber er wirkt, bedeckt die Oberfläche für einen Tag. Es musste sein.

Und doch ekelt es mich an.

Dabei hätte ich gerade heute so viel Anlass zum Freuen gehabt, ein Spitzenklausurergebnis erfahren, einen netten Anruf gehabt, wo mir für meine bisherige ehrenamtliche Arbeit gedankt wurde, einen netten Kommentar gehabt, eine SMS von meinem Date gekriegt, er will sich wieder mit mir treffen.

Und doch verschwamm es irgendwie, ich hatte es jeweils kurz zur Kenntnis genommen und bin dann wieder abgetaucht, wenn nicht meine Hausarbeit wäre, würde ich weiter tauchen gehen.

Ich habe es satt, eine Maske zu tragen, ich habe es satt, meinen See krampfhaft zuzuschütten.

Irgendwann muss ich all die Tränen weinen, nur tauchen bringt mich wohl auch nicht weiter, entfremdet mich nur von der Realität.

Und ich möchte auf Spurensuche gehen, sehen, wie dieser See entstanden ist.

Und ganz unten auf dem Grund des Sees, vielleicht liegt da der kostbare Schatz, den ich suche, mein wahres Ich.

Wenn alle Tränen geweint sind und die Maske gelüftet wird, dann kommt es zum Vorschein, klar und rein unter dem See erhalten.

Ich suche.

Kommentare bei myblog:

Wolfsauge (31.7.10 07:38)
ichwünschte so sehr,ich könnte weinen. dann würde ich seltener meine gefühle betäuben oder dissoziieren.

DU entscheidest,ob du die maske trägst,bzw welche maske.
ich glaube,sehr sehr viele menschen tragen masken und zeigen nicht alles von sich anderen gegenüber.
das liegt meines erachtens daran,dass man sich ja sonst immer nur über schlechte dinge unterhalten und mit all seinen freunden niedergeschlagen in der ecke hocken würde.
stattdessen rate ich dir,nutze die chance und versuche dich „mit hilfe“ der maske in eine gute stimmung versetzen,dann wird das leid erträglicher.

hast du dich eigentlich jemandem aus deniem freundeskreis anvertraut,dsas irgendjemand bescheid weiß? oder familie? das kann auch schon helfen,weil du dann ganz ehrlich sein kannst auf die frage,wie es dir geht.
und du kannst trotzdem freude haben

lg und gib nicht auf!

kiso (31.7.10 08:55)
Guten Morgen 🙂

Ich habe deinen blog über deinen eintrag bei sinn_entleert gefunden und entdecke gerade viele Parallelen zu mir. Du drückst dich wunderbar aus, ich bin hingerissen. Mir geht es ähnlich wie dir. Habe bisher nur diesen post und die Beschreibung über dich gelesen. Wie lange schon hast du Probleme mit dem Essen? Bei mir sind es es ca. 17 Jahre. In dieser Zeit hab ich meine Vergangenheit in viele kleine Schnipsel seziert und verarbeite schlimme und schöne Dinge. Mir helfen diverse blogs durch den Austausch mit Betroffenen. Auch hab ich mich im Freundeskreis und in der Familie „geoutet“. Das war einerseits furchtbar, diese Traurigkeit und Unverständnis in den Augen seiner Liebsten zu sehen. Auf der anderen Seite ist es ein gutes Gefühl. Denn man ist mit seiner eigenen Hölle nicht mehr allein. Dieser Schritt kostet viel Mut und Kraft. Denn sich selbst zu erklären, wenn man nicht weiß wer man ist braucht Zeit und Geduld. Ich wünsche dir auf diesem Weg viel positive Energie und bin überzeugt das du es schaffen wirst. Außerdem möchte ich mich Wolfsauges Meinung anschließen.

Alles Liebe und Schöne dir,

kiso


Zwangsgedanken und Nein sagen

Aber offensichtlich ist das das einzige,was man bei Zwangsgedanken und -impulsen tun kann. Akzeptieren,dass sie da sind und feststellen „Es sind nur Gedanken. Ich bestimme,was ich tue.“ by Wolfsauge

Lernen Sie NEIN zu sagen: Wenn Sie zu allem ja sagen, haben Sie keine Zeit mehr für Ihre Prioritäten. Und das ist grosses Frustpotential. Je klarer Ihre Ziele sind, umso leichter fällt es Ihnen NEIN zu sagen. by Martin Betschart

Ich muss lernen, NEIN zu sagen, NEIN gegenüber den Gedanken, die mir sagen, ich soll essen, bis der Bauch weh tut, NEIN gegenüber der Schokolade, die mir sagt, iss mich auf, ich tu dir so gut. Und NEIN dann gegenüber dem Alles-Egal-Gedanken nach der einen Schokolade, der mir sagt, jetzt hast du ein verbotenes Nahrungsmittel gefressen, jetzt kannst du noch ganz viele Andere hinterherstopfen. NEIN gegenüber den Menschen, die mir ständig wohlmeinend etwas anbieten, wenn ich weiß, es tut mir nicht gut, aber NEIN auch gegenüber dem Impuls, mir alles verbieten zu wollen, mir das Essen komplett verbieten zu wollen, auch ich darf Dinge genießen.

Wenn ich mich finden will, muss ich lernen, selber auszudrücken, was ich selber will. Und das auch durchsetzen. Einfach frei entscheiden, wohin ich will, was meine Prioritäten sind, und das dann durchzuziehen, konsequent, aber freundlich.

Keinen Umrennen, mich nicht abkapseln, nur um keinen Widerspruch zu kriegen, einfach da sein, ICH sein.

Andere Meinungen akzeptieren, aber mich nicht automatisch anpassen und meine eigenen Meinungen, mich selber, nicht mehr akzeptieren.

Ich will auch dann freundlich zu Anderen sein, wenn ich mich selber als wichtigste Person in meinem Leben akzeptiere, wirklich MICH, und nicht meine Zwangsgedanken.

Wer bin ich denn, was denke ich, was will ich, was bleibt übrig, wenn alle Zwänge verschwinden?

Kommentare von myblog:

Wolfsauge (30.7.10 11:06)
wow,ich werde rot =) ich werde zitiert,da freu ich mich,danke sehr
hoffe,es hilft dir. mir manchmal ganz gut.

habe ein bisschen bei dir rumgestöbert und wir haben wohl einiges gemeinsam.
rolf zuckowski habe ich früher immer geliebt und als ich das mit 12 immer noch gehört habe,wurde ich dafür ausgelacht und fertig gemacht

ich frage mich auch immer,was bzw wer ich denn bin,wenn ich gesund bin und meine krankheiten nicht mehr auslebe. das kann ganz schön zermürbend sein,vor allem,weil man rein durch nachdenken auf keine antwort kommt.

darf ich fragen,was du studierst?
der eintrag hier gefällt mir,zeigt mut zur veränderung auf dem weg zu dir selbst und ich glaube,dass du dich finden kannst

lg *wink*


Lebenskarussel, Essenskarussell

Ich merke gerade, ich drehe mich im Kreis.

Was ich im Februar geschrieben habe, gilt jetzt noch genauso.

Ich sitze auf einem Karussell, komme immer wieder an den selben Punkt. Lerne meine Ursachen kennen, schmiede neue Pläne. Denke über einen neuen Job nach, übers Ausziehen, alles wiederholt sich.

Zwischen allem mein Essverhalten. Auch das wiederholt sich. Wenig essen, viel essen, gesund essen, Süßigkeiten essen.

Solange ich auf diesem Karussell sitze komme ich nicht weiter im Leben. Aber ich kann auch nicht vollends abstürzen, mich nicht vollends verirren.

Sitze einfach nur da und wirbele im Kreis herum. Alles wiederholt sich.

Nur ich wiederhole mich nicht. Meine Gedanken kommen immer wieder, doch ich werde älter.

Und ich denke auch immer weiter, manche Gedanken sind neu. Oder nur die alten Gedanken im neuen Kleid?

Irgendwann denke ich weit genug, um abzusteigen, auszusteigen, kenne mich, kenne einen Weg für mich, irgendwann habe ich genug Überblick, um nicht mehr auf diesen sicheren Sitz angewiesen zu sein.

Sicher, aber nicht glückbringend, nicht zukunftsweisend.

Kein Stillstand, ich bewege mich ja, drehe mich immer schneller. Aber auch kein Fortkommen.

Mir wird schwindelig.

Wie soll ich da klar denken?

Ich muss aussteigen, aber auf welcher Seite des Kreises? Wo liegt der Abgrund, wo kann ich hin?

Ich muss beobachten, klar sehen, wie es um mich aussieht.

Das Karussel fährt zu schnell, wer kann es bremsen?

Es fährt im Nebel, wann kommt die Sonne?

Manchmal habe ich kurz klare Sicht, dann drehe ich mich weiter.

Irgendwann mss ich springen, wenn ich nicht für immer weiter sitzen, weiter drehen will.

Bin auf der Suche nach genug Kraft, genug Mut dafür.

Was kommt dann? Ein gerader Weg, ein Irrgarten, ein schmaler Bergpfad?

Kommt dann endlich mein Licht, meine Erleuchtung?

Oder stürze ich dann endgültig in den Nebel, in den Abgrund?